Über die Zerstreuungssucht und die Schachkomposition
Über die Zerstreuungssucht und die Schachkomposition
An einem Tisch im Hintergrund sitzt eine Szene des modernen Jammers: Eine Gruppe von Menschen, Jugendliche mit unreifen Gesichtern und ältere Personen mit tiefen Falten im Antlitz, sitzen dicht beieinander. Doch kein Blick begegnet dem anderen. Ihre Augen sind wie festgenagelt auf die kleinen, leuchtenden Displays ihrer Smartphones.
Arthur Schopenhauer bemerkt diese Szene jedoch zunächst nicht. Er sitzt mit tief in die Stirn gezogenen Augenbrauen da, den runden Elfenbeinknauf seines Spazierstocks fest mit beiden Händen umschlossen, vollständig in die Lektüre der aufgeschlagenen Pensées von Blaise Pascal versunken. Ihm gegenüber wartet Peter Siegfried Krug, der Salzburger FIDE-Meister der Schachkomposition, schweigend, während sein Blick auf den kunstvollen hölzernen Maserungen des Tisches ruht.
Schopenhauer: Es ist ein unumstößliches Gesetz, Herr Krug! Pascal hat es mit einer Klarheit formuliert, die man diesem katholischen Mathematiker kaum zugetraut hätte: Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Das Divertissement – die Zerstreuung – ist nichts als der verzweifelte Versuch, das kognitive Vakuum zu übertünchen. Und was tun Sie? Sie vergeuden Ihre unbestreitbaren geistigen Kapazitäten in einer Weise, die mich zutiefst betrübt. Sie investieren Tage, Wochen, ja Ihr ganzes Leben in ein steriles, in sich geschlossenes System! Das Schachspiel.
Krug: (schaut nicht auf, seine Finger zeichnen die unsichtbare Geometrie einer Endspielstudie auf dem imaginären Holzbrett nach) Sie nennen es eine Vergeudung, Herr Schopenhauer. Wenn Sie wüssten, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, die von emotionaler Kälte und systemischer Gewalt geprägt ist, würden Sie die Geometrie des Brettes anders beurteilen. Das Schachspiel hat mich gerettet, weil ich von Menschen umgeben war, die intellektuell bankrott waren. Auf dem Brett herrscht Logik. Das Spiel wurde gerade in Zeiten des Krieges verwendet; es hat den Menschen vor den Qualen des Schlachtfeldes und der Existenzangst vor der menschlichen Vernichtung durch die Zerstörungskraft des Krieges einen wichtigen, überlebensnotwendigen Trost gesenkt. Es stiftet eine Ordnung inmitten des totalen Chaos.
Schopenhauer: (sein Blick wird für einen kurzen Augenblick weicher) Ich räume ein... ja, ich muss einräumen, dass dieses Argument ein Fundament besitzt. Im Zustand des akuten Schmerzes, in den Ausnahmefällen der totalen Barbarei des Krieges, mag diese Betäubung nicht nur verständlich, sondern psychisch zwingend notwendig sein. Der blinde Weltwille wütet in solchen Epochen so ungezügelt, dass der Verstand nach jedem Strohhalm greifen muss, um nicht zermalmt zu werden. Für das gequälte Individuum im Moment des Traumas ist die ästhetische Erstarrung des Spiels ein Rettungsanker. Aber – und dieses „Aber“ trennt die bloße Existenzbewältigung von der Kulturgeschichte – für die Menschheitsentwicklung bildet das Schachspiel keine bleibenden Werte und keinen echten, menschlichen Mehrwert!
Krug: Auch nicht, wenn wir die Grenzen des schachlichen Wissens erweitern, das Endspiel bis in seine tiefsten Verästelungen erforschen und dieses Wissen der Welt digital zur Verfügung stellen?
Schopenhauer: Nein! Das Kartenspiel - beispielsweise ist der sichtbare Beweis für die intellektuelle Dekadenz und die innere Leere der Beteiligten: Weil die Menschen keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus. Die Kartenpartie dient nur dazu, das Gehirn mit minimalen, unbedeutenden Reizen zu beschäftigen, um die quälende Stille des eigenen Geistes zu betäuben. Es ist die mechanische Beschäftigung des Verstandes bei gleichzeitigem Stillstand der Vernunft.
- Ihr Schachspiel fordert zwar eine immense intellektuelle Anstrengung, aber es bleibt eine kognitive Sackgasse.
Ein monumentales Schild, hinter dem Sie sich vor den existentiellen Fragen des Daseins verstecken. Was nützen Ihre über vierhundert Videos im digitalen Äther? Was nützen die tiefste Analyse, wenn sie nur eine erweiterte Form der hohlen Nuss darstellt? Am Ende bleibt die Schale hart, aber der Kern ist trocken. Es bringt keinen metaphysischen Erkenntnisgewinn. Es tut nichts, um das universelle Leid der Kreatur dauerhaft zu mildern! Das Leben ist kurz. - Es ist schlichtweg nicht wert, sich mit Dingen zu beschäftigen, die am Ende doch nur ablenkend sind.
Schopenhauer: (deutet mit dem Elfenbeinknauf seines Stocks direkt auf die Gruppe nebenan) Sehen Sie sich dieses Elend an, Herr Krug! Da sitzen sie... Ich war in Gedanken versunken, doch nun offenbart sich mir das personifizierte Verderben. Dort drüben sitzt die manifestierte Tragödie unserer Spezies! Jung und Alt, vereint im Zustand der totalen geistigen Abwesenheit. Sie spielen mit diesen leuchtenden Kästen herum wie die Lemuren. Das ist die evolutionäre Fortsetzung dessen, was ich einst als das ziellose Begaffen von Luxuswaren und Tand in den städtischen Passagen und Basaren verwarf. Damals wie heute ist es die Flucht in die Ware, der Versuch, das unersättliche, metaphysische Wollen durch das Betrachten von Objekten kurzfristig zu beruhigen.
Krug: (blickt ebenfalls zum Nebentisch, schweigt)
Schopenhauer: Genau das macht die Masse dort drüben! Sie fristen ihr Dasein in dieser permanenten, algorithmischen Zerstreuungssucht, betäuben sich Tag für Tag mit flüchtigen Reizen, und nach achtzig Jahren sinken sie ins Grab. Und das Furchtbarste daran ist: Sie werden völlig vergessen sein. Der Strom der Zeit wird sie wegschwemmen, als hätten sie nie existiert, weil sie der Menschheit nichts über ihren Tod hinaus hinterlassen haben. Sie haben kein Werk geschaffen, keinen Gedanken hinterlassen, der die Jahrhunderte überdauert. Wollen Sie wirklich in derselben Bedeutungslosigkeit enden, nur weil Sie sich in den unendlichen Permutationen des Schachbretts verfangen haben?
Krug: (sitzt regungslos da)
(Unter dem Tisch regt sich sacht eine Kreatur. Der Pudel Atma, Schopenhauers treuer Weggefährte, hat die schwermütige Stimmung instinktiv erfasst)
Schopenhauer: Atma! Auf deinen Platz! Unter die Bank!
Schopenhauer: Verzeihen Sie, Herr Krug. Ich tue dies nicht aus Hartherzigkeit. - Ich erkenne Ihre Melancholie genau. Aber falscher Trost wäre in dieser Stunde ein Verrat an der Wahrheit.. Ich muss Sie auf die Zeitlichkeit Ihres elendigen Daseins hinweisen. Die Uhr eines jeden irdischen Lebens läuft unaufhaltsam ab. Die Zeit ist ein reißender Fluss, und wir haben keine Sekunde zu verlieren. Genau deshalb ist es eine existenzielle Pflicht, sich ausschließlich für die wichtigsten, bleibenden Dinge einzusetzen und unerbittlich gegen die eigene Zerstreuungssucht zu kämpfen.
Krug: (schaut den Philosophen mit ernstem Blick an) Und wie unterscheidet sich meine Schachkompositionen von dem der anderen Alten, die nicht vor diesen Bildschirmen sitzen?
Schopenhauer: Sehen Sie doch die ältere Generation an! Sie flüchten sich heute in das Kreuzworträtseln, um die Zeit totzuschlagen, die ihnen ohnehin zwischen den Fingern zerrinnt. Gewiss, dieses Rätseln hält die Synapsen mechanisch auf Trab, es hält das Gehirn irgendwie aktiv – ganz genau wie Ihr Schachspiel. Aber was bleibt davon am Ende? Es ist wieder nur eine Beschäftigungstherapie gegen die Angst vor der gähnenden Leere. Kein Kreuzworträtsel der Welt und keine gelöste Schachstudie mildert das metaphysische Elend der Welt oder hinterlässt einen bleibenden Fußabdruck in der Menschheit.
Krug: Was fordern Sie von mir?
Schopenhauer: Wenden Sie sich gänzlich der Philosophie zu! Nur in dieses Sphären besitzt du das metaphysische Zeug, über die bloße, nackte Existenz hinaus Sinn zu stiften. Erkenne das Glück des einsam schaffenden Geistes! Ein geistiger Mensch muss einsam sein, er muss es sogar sein, um Werke zu schaffen. Die Masse reibt sich im Hamsterrad des Alltags völlig auf, sie läuft im Kreis und hinterlässt nichts als Staub. Nutze die schöpcherische Einsamkeit. Ich warne und beschwöre Sie: Lassen Sie das Sterile hinter sich. Hören Sie auf, Ihre kognitiven Kapazitäten an ein Spielbrett zu verschwenden. Fangen Sie endlich an zu schreiben!
Schopenhauer wendet den Blick vom Buch ab. Seine hohe Stirn verengt sich, als er die einsam sitzenden Gestalten am Nebentisch fixiert. Jeder von ihnen ist eine Insel für sich, isoliert und doch manisch verbunden mit einer unsichtbaren Welt. Die Daumen gleiten in einer rhythmischen, fast hypnotischen Bewegung über das Glas: wischen, verweilen, wischen. Ein pausenloses Scrollen, das kein Ziel kennt, sondern nur das Entrinnen vor dem Augenblick.
Schopenhauer: (seine Stimme senkt sich zu einem grollenden Bass) Betrachten Sie das Gesetz des Geistes, Herr Krug. Der wache Verstand bedarf keines Mikroskops, um die Seuche der Epoche zu diagnostizieren; er erkennt das Allgemeingültige im banalsten Einzelfall. Sehen Sie sich diese Einsamen am Nebentisch an! Es ist das metaphysische Elend unserer Zeit, manifestiert in einer Glasplatte. Heutzutage vermag kein Mensch mehr, auch nur eine Minute mit sich allein zu sein. Ob sie sitzen, stehen oder gehen – im selben Augenblick, in dem die äußere Welt schweigt und sie auf sich selbst zurückgeworfen werden, zücken sie diesen flimmernden Kasten. Es ist die nackte, panische Flucht vor der Einsamkeit.
Krug: (schweigt aufmerksam)
Schopenhauer: Aber es ist nicht die Einsamkeit, die sie fürchten, sondern die Begegnung mit der eigenen Gedankenlosigkeit! Weil in ihren Köpfen nichts vorgeht, weil dort gähnende Leere herrscht, müssen sie diese innere Öde im Sekundentakt mit billigster Unterhaltung, mit den trivialen Bildchen und dem Geplapper der Masse vollstopfen. Diese unproduktive, vollkommen geistlose Smartphone-Haltung... sie erinnert mich an die verkrüppelten Bäume, die sich dort oben in Ihrer Salzburger Heimat an den nackten Abgrund des Barmsteins klammern. Kennen Sie diese Kiefern, Krug? Sie krallen ihre Wurzeln in den blanken Fels, gepeitscht vom Wind, hängend über der Tiefe, jeden Augenblick bereit, ins Bodenlose zu stürzen. Genau so vegetiert der moderne Mensch! Er schwebt über dem Abgrund der existenziellen Sinnlosigkeit. Doch statt den Geist zu stählen, um den Blick in die Tiefe zu ertragen, bauen sich diese Toren einen Scheinboden aus Sandburgen. Ihr Smartphone ist eine solche Sandburg – ein fragiles Gebilde aus Licht und Nichts, das beim kleinsten Windstoß der Realität in sich zusammenbricht.
Krug: (nickt bedächtig): Die Metapher ist treffend, Herr Schopenhauer. Ich kenne diese Bäume gut. Sie wachsen dort, wo eigentlich kein Leben möglich sein sollte. Aber gestatten Sie mir, das Bild weiterzudenken. Diese Kiefern am Barmstein klammern sich nicht aus Feigheit an den Fels. Es ist ihr Lebenswille, so deformiert er im Sturm auch aussehen mag. Wenn der gemeine Mann heute zum Smartphone greift, sobald er allein an einer Haltestelle steht, dann tut er das vielleicht aus genau diesem Instinkt: Es ist der verzweifelte, ungeschickte Versuch, eine Brücke zu schlagen, wo nur Isolierung ist. Sie nennen es eine Sandburg. Für den, der darin sitzt, ist es für einen Moment ein Dach gegen den kalten Regen der Isolation.
Schopenhauer: Ein Traumdach aus Spinnweben!
Wer vor der Einsamkeit flieht, flieht vor der Freiheit. Nur in der Einsamkeit ist der Mensch ganz er selbst. Wer sie nicht liebt, liebt auch die Freiheit nicht; denn nur wenn er allein ist, ist er frei. Diese Sklaven des Daumenwischens tauschen ihre Freiheit gegen die billigste Form der Knechtschaft: den permanenten Reizkonsum.
Krug lässt den Blick von den einsamen Gestalten am Nebentisch zurück zu dem hölzernen Tisch gleiten. Er betrachtet Schopenhauer, dessen Zorn über die Moderne beinahe physisch im Raum steht.
Krug: Wenn diese Apparate nun einmal die unumstößliche Realität unserer Epoche sind, Herr Schopenhauer... gestatten Sie mir die Frage: Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, sich selbst ein solches Smartphone anzuschaffen? Oder einen Computer? Bedenken Sie doch, worauf Sie da blicken: Diese Maschinen sind im Grunde nichts anderes als die konsequente Weiterentwicklung jener berühmten Pascaline – der mechanischen Rechenmaschine, die Blaise Pascal höchstselbst im 17. Jahrhundert erdachte, um seinem Vater die Arbeit zu erleichtern! Das moderne Internet ist nur die globale Ausprägung dieser mathematischen Logik. Sie bewundern Pascals Geist in seinen Schriften, doch seine Maschine lehnen Sie ab?
Schopenhauer: (fährt wütend herum, seine Augen leuchten im Zorn auf, und er schlägt mit der flachen Hand auf die aufgeschlagenen Pensées) Welch ein ungeheuerlicher Trugschluss, Herr Krug! Pascal erfand ein Werkzeug der Entlastung, diese modernen Toren aber erfanden ein Instrument der totalen Verblödung! Ich bin zutiefst empört, dass Sie mir überhaupt eine solche Frage stellen! Glauben Sie denn ernsthaft, ich bräuchte jemals solche primitiven Ablenkungen? Ich erwidere Ihnen in aller Schärfe: Ich suche solche Illusionen erst gar nicht!
(Er greift mit einer energischen Bewegung in seine Gehrocktasche, zieht ein schlichtes, ledergebundenes Notizbuch und einen hölzernen Federhalter heraus und legt beides demonstrativ auf den Tisch.)
Schopenhauer: Sehen Sie das hier? Papier und Feder! Das sind die einzigen Werkzeuge, die ein wacher Geist benötigt, um dem flüchtigen Gedanken Form und Ewigkeit zu verleihen. Glauben Sie, ein genialer Einfall gewinnt an Wert, weil er durch ein Kabel gejagt und auf einer Glasscheibe seelenlosen Toren vor die Füße geworfen wird? Das Gegenteil ist der Fall! Mir genügen meine Bücher, die Einsamkeit und das Selbstdenken. Und wissen Sie, warum ich hier sitze? Dieses Gasthaus ist mir seit jeher die trefflichste Inspiration zum Schreiben! Gerade weil ich hier das Privileg habe, unbeteiligt zuzusehen, wie die Menschenmassen sich stumpfsinnig herumtreiben.
(Er deutet mit der Feder auf den Nebentisch und die dort sitzenden Smartphone-Nutzer.)
Schopenhauer: Hier sehe ich das Wesen der Welt wie in einem soziologischen Brennglas. Es ist ein Trauerspiel ohnegleichen, wie hohl und gierig sich diese Kreaturen den vergänglichen Dingen zuwenden! Sie jagen dem billigen Augenblick des Genießens hinterher, unfähig zu begreifen, dass sie nur Seifenblasen zerplatzen lassen. Sie suchen das Glück im Reiz des Moments, anstatt nach den wahren, geistigen Genüssen zu streben – jenen Genüssen der Kunst, der Philosophie und der Kontemplation, die einen unendlich längeren Bestand haben als ein großes, leckeres Eis, das im Mund schmilzt und nichts als klebrige Leere hinterlässt! Ihr Smartphone ist dieses Eis im Dauerzustand: ein süßes Nichts, das den Hunger der Seele niemals stillt, sondern sie nur weiter aushöhlt.
Krugs Miene verdüstert sich. Die ruhige Melancholie weicht einer eisigen, scharfen Bestimmtheit. Er legt die Hände flach auf den Tisch und fixiert den Philosophen mit einem Blick, der keine Ausflüchte duldet.
Krug: Jetzt werden Sie ungerecht, Herr Schopenhauer, und es fehlt Ihnen an der nötigen Empathie! Es spricht sich leicht über die „hohle Masse“, wenn man wie Sie als junger Erwachsener Millionen vom Vater geerbt hat. Sie haben den schweren, alltäglichen Daseinskampf der einfachen Leute nie am eigenen Leib erfahren; Sie sind ihm dank Ihres Vermögens schlicht entflohen! Was wissen Sie vom Leben jener Menschen da drüben? Die „blöde Menschenmasse“, wie Sie sie nennen, muss schuften, um überhaupt das nackte Dasein zu sichern. Ein Mann, der täglich zwölf Stunden auf dem Bau, in der Fabrik oder am Fließband steht, hat am Abend keinen Geist mehr übrig, um Ihre Abhandlungen oder Pascals Pensées zu wälzen! Wenn diese Menschen erschöpft nach Hause kommen, können sie nichts anderes mehr tun, als stumpf im Smartphone herumzuwischen oder sich im Fernseher abends eine Quizsendung anzuschauen. Das ist keine Sünde, das ist das legitime Bedürfnis nach Entlastung eines geschundenen Körpers und Geistes. Ihr Urteil ist das eines Privilegierten.
Schopenhauer: (schweigt für einen langen Augenblick, die Stirn tief in Falten gelegt)
Schopenhauer: Sie reißen an einer Wunde, Herr Krug, deren Existenz ich nie geleugnet habe. Sie haben recht – und ich habe es selbst in meinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung niedergeschrieben: Die allermeisten Menschen sind durch die Not des Lebens so an den materiellen Existenzkampf gekettet, dass ihnen die Muße für den reinen Geist verwehrt bleibt. Ja, ich bin ein wohlhabender Mann. Ich bin Millionär. Aber sehen Sie den entscheidenden Unterschied: Ich habe dieses Privileg, diese mir geschenkte Zeit, nicht in luxuriösem Müßiggang verschwendet! Ich habe mein Leben der Wahrheit gewidmet und der Menschheit durch meine Bücher den Spiegel vorgehalten, damit sie ihr eigenes Elend überhaupt begreifen kann. Mein Reichtum war mir nur das Werkzeug, um die Freiheit des Denkens zu erkaufen.
(Schopenhauer blickt sich im Wirtshaus um. Seine Stimme verliert an Schärfe und nimmt einen weichen, fast kameradschaftlichen Ton an.)
Schopenhauer: Und dennoch... schauen Sie mich an. Ich liebe die Einsamkeit. Ich suche sie hier, an diesem Wirtshaustisch, inmitten des Lärms. Und wissen Sie, was das Bitterste daran ist? Meine Gedanken, für die ich mein ganzes Leben geopfert habe, finden da draußen so gut wie keine Resonanz. Die Welt ignoriert mich. Und genau in diesem Punkt, mein lieber Krug, sind wir beide uns viel näher, als Sie ahnen. Sie haben in Ihrem Leben tausende Schachstudien komponiert – Werke der Logik und der Geometrie. Und doch: Wer kennt sie? Wer sieht sie sich an? So gut wie niemand. Wir beide produzieren unvergängliche Schätze für eine Welt, die lieber im flüchtigen Dreck wühlt. Unsere Einsamkeit ist dieselbe.
Krug: (schaut Schopenhauer lange an, die Schärfe in seinen Zügen schwindet Er nickt langsam.)
Krug: Das... mag wahr sein. Wir bauen Kathedralen aus Gedanken und Figuren, während die Menschen im Schlamm nach Münzen suchen...
Schopenhauers Blick verengt sich augenblicklich. Das Moment der Milde ist verflogen, ersetzt durch dien Zorn des gekränkten Genies. Er richtet sich auf,und sieht Krug fassungslos an.
Schopenhauer: Halten Sie ein, Herr Krug! Es ist eine ungeheuerliche Frechheit, dass Sie es wagen, sich und Ihre Basteleien mit mir, dem Philosophen zu vergleichen! Wie kommen Sie zu dieser Hybris? Ihre Schachaufgaben... was sind sie denn im Grunde? Sie sind nichts weiter als das Äquivalent zu jenen Kreuzworträtseln, die ältere, gelangweilte Herrschaften am Nachmittag praktizieren, bloß damit ihr Gehirn nicht vollends einrostet! Ein mechanischer Zeitvertreib, ein Jonglieren mit vorgegebenen Regeln in einem künstlichen schwarz-weiß Gitter!
Krug: ( schweigt)
Schopenhauer: Ich bin kein Rätselknacker! Ich bin ein Spiegel für die Menschheit! Ich halte dieser verblendeten Welt den nackten, ungeschminkten Spiegel vor, damit sie das eigene Elend, ihre Gier und ihren Irrsinn erblickt. Mein Werk ist kein Spiel, es ist ein geistiges Ringen gegen die Tyrannei des Getriebenseins! Sehen Sie sich doch um! Überall um uns her werden die Menschen von diesem blinden, vernunftlosen Willen gepeitscht – ob sie nun wie die Toren dort drüben pausenlos auf ihre Bildschirme starren oder im Alltagsleben wie Marionetten agieren. Ich demaskiere diesen Tyrannen!
(Er tippt mit dem Zeigefinger auf das aufgeschlagene Buch Pascals.)
Schopenhauer: Und deshalb, mein lieber Krug, hoffe ich inständig, dass Sie diese Torheit, ihre Schachkomposition endlich aufgeben! Hören Sie auf, Ihr Leben mit den weißen Bauen und den hölzernen, kleinen schwarzen Springern zu vergeuden. Wenden Sie sich ernsthaft der Philosophie zu! Nutzen Sie Ihren Intellekt nicht für das Mattsetzen toter Könige am Brettrande, sondern für das Entlarven der Illusionen dieser Welt. Nur dort liegt die wahre Aufgabe eines denkenden Mannes.
Krug:
- Ihr Spiegel, Herr Schopenhauer, mag wahrhaftig sein. Aber er zeigt den Menschen nur, wie hässlich sie sind, ohne ihnen einen Ausweg zu weisen. Wenn ich eine Endspielstudie komponiere, dann gebe ich dem Menschen zwar keine Weisheit, aber ich gebe ihm etwas, das Ihrer Philosophie völlig fremd ist: Eine stille, geistdurchdrungene, logische Struktur. Sie wollen den Willen analysieren – ich will ihn für ein paar Stunden in 64 Feldern zähmen.
(Fiktives Streitgespräch, 13. August 2026)
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