Mein Leben, voller Glasscherben - Lyrische Prosa (Verbesserte Version 30.11.2025)

Mein Leben als Gedicht (Lyrische Prosa)

(Eine Überarbeitung und Verbesserung 02.12.2025)

Auf archive.org befindet das Original.

Geburt

Ein Leben. Zugefroren, Zerrüttet, brüchig aber hoffnungsvoll. 

23. November 1966, 2 Uhr 45

Landeskrankenanstalt Salzburg, Müllner Hauptstraße 48


Ein Kind geboren ohne Willkommen.

Kein Vater, keine Großeltern.

Kein Name, der ihn aufhält vor dem Fallen.

Nur Herta Brigitte Krug, seine Mutter 22,

ungelernt, einsam, tieftraurig.

Später Herta Bertel - verheiratet, Goethestraße 12, zweiter Stock, Itzling, anonym.


Dr. Peter Strobl, blond, groß, verheiratet, Kitzbühel, Tanz zusammen. 1962–1966, rät zur Abtreibung.

Sie schweigt, behält das hilflose Kind.

Verlangt kein Geld, trägt die Geburt allein, voller Schmerz.


1966–1968

Kaltes Säuglingsheim, nähe Krankenhaus.

Zwei Jahre ohne wärmende Arme, die bleiben.

Unbekannt.

Großmutter aus Lessach: geboren vor dem Krieg, taubstumm, dumm.

Kirchenstraße 33, Itzling. Kein Foto.

Peter hilflos, neben Tante Olga – die einzige Stütze im Heim.

Peter bleibt,

mit dem Echo

eines ersten Schreis,

den niemand auffing.


Kirchenstraße 33, Itzling, 1968–1972

Vier Jahre hinter Gittern ohne Gitter.

Jeden Morgen Malzkaffee, derselbe Geschmack wie gestern und vorgestern.

Kein Freund. Keine Hand, die bleibt. Träume, alles was er hat.


Der Tageslauf wie ein Uhrwerk:

Frühstück 7:30, Mittag 12:00, Bettruhe 19:30.

Kein Versteck, nur der Garten mit den gleichen Bäumen.


Einmal, eine junge Frau, packt den Vierjährigen am Arm, zieht ihn die Steintreppe hinunter.

Holztür, einfaches Schloss.

Klick. Dunkel.

Nur ein Spalt Licht, durch den sie raucht und wartet, dann verschwindet.

Die Knie zittern tagelang, die Träume schreien nachts.


Eine andere Nacht: zehn, fünfzehn Kinder auf dem Boden.

„Jetzt holt euch der Teufel.“

Licht aus, Gartentür offen, Schritte entfernen sich.


Weihnachten.

Andere werden abgeholt. Nur nicht..

Peter steht am Fenster, wartet auf seine Mutter.

Goethestraße 12.

Es ist schon dunkel. Sie kommt nicht.

Die Tür zufällig einen Spalt offen.

Er rennt Sportplatzstraße hoch, rechts in die Goethestraße und klingelt.

Sie öffnet nur einen Fingerbreit: „Geh zurück.“

Tür zugeknallt.


Er geht. Vier Jahre alt.

Allein in Tränen, im Boden starrend. Am Boden zerstört.

Später, mit fast sechs, darf er am Wochenende allein zu ihr.

80 Meter Freiheit – und wieder zurück.


Guggenthal 62 / Georg-Weickl-Weg 21, 1972–1978

Sechs Jahre und einige Monate alt. Nichts gehört ihm.

Kein Foto vom Vater. Kein Wort über ihn.


Der Wald beginnt hinter der Tür, bis zur unsichtbaren Grenze.

Barfuß auf Buchen, Sprünge über Meterfelsen, Forellenjagd im Bach, Papierflieger im Herbstwind.

Lederhose, keine Schuhe. Das war Freiheit.


Drinnen: Erzieherin Margarete Leitner, 1930–2018, „Mama“ genannt.

Stuhl, Besen, Gürtel, Hand –  impulsive Schläge plötzlich.  - Jeden Abend

 19 Uhr Kreis auf dem Gang. Hände falten. Vater unser, Glaubensbekenntnis.

Peter wird übel, kann nicht fliehen.


Sonntag 8:30, 300 Meter langsame Schritte zur Heilig-Kreuz-Kirche.

Vordere Bank in der Kirche. Hans Paarhammer predigt.

Hölle, Teufel, Amen.

Peter zählt die Minuten bis zum Wald.


Ajax, der Collie, bellt nur beim Fressen, lässt sich nicht streicheln.


Volksschule Guggenthal, 100 Meter.

Anna Karl, Hugo Müller, zwei Lehrer für vier Klassen.

7:40 bis 13:00, rote und grüne Dreiecke bleiben für Peter grau.

Schlechteste Noten. Keiner fragt warum.

Strafe: Zapfenrechnen, oder hundertmal denselben Satz.

"Ich bin dumm, und weiß nicht warum"

Waldverbot. Schläge. Panik und Flucht.


Hauptschule Hof, Busfahrt, Übelkeit. Keine Freunde.

„Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – halbe Geschichte, Tränen, leere Zeilen, schlechteste Note.

Keiner fragt.

Nacht für Nacht: Tinnitus, Hyperventilation, Kribbeln im Gesicht, Erstickungsanfälle, Angst zu sterben.


Eine Nacht: keine Stimme mehr, fällt bewusstlos auf Adi Hillimayers Bett.

Rettung, nachts.

Krankenhaus. Dr. Christian Gross, falsche Diagnose Epilepsie.

Tabletten wandern in den Müll. Anfälle hören auf. Ursache bleibt ungenannt.

Peter wird weggebracht, neues Heim, alles neu, haltlos niemand fragt. 


Parsch, Aignerstraße 7a, 1978

Gegenüber dem Borromäum.

Zwölf Jahre alt.

Keine Schläge mehr. Keine Erstickungsanfälle.

Tabletten heimlich in den Müll.


Die anderen Kinder spotten, schließen ihn aus.

Er ausgestoßen. Unglücklich, allein.


Schloßstraße: statt zur Schule, ins Lebensmittelgeschäft.

Zwei Flaschen Orangensaftkonzentrat gestohlen, ein paar Süßigkeiten.

Ein paar Monate, dann fliegt er raus.


Zur gleichen Zeit heiratet Herta Brigitte Krug Dr. Michael Bertel.

Für sie ist Peter nur noch Versager. Problemkind. Nichts weiter.


Zanderstraße 5, Liefering, 1978–1980

Kein Wald, nur Salzachseen in der Ferne.

Schachbrett vom Psychologen: 64 Felder Ordnung, in einem Leben ohne Regeln.


Schule: Kinder aus anderen Ländern, kein Deutsch, keine Ansprüche, kein Lernen.

Gerold und Annamaria Ladinig schlafen lange. Elvis-Filme laufen. Brot fehlt oft. Hunger.

Einmal gestohlene Waffeln, im Klo gegessen.


Gerold kommt spät, Maurer, Fliesenleger, Alkohol, Muskeltier, Faust gehärtet durch Beton.

Schläge nach Ritual, vor Annamaria, nackt auf dem Bett.

Nasse Hände, Brutalität bis zum Schreien.

Nächte, Zigarettenstank, Tätowierungen eines fremden Mannes.

Decke weg, sexuelle Wiederholung wochenlang, bis Gerold den Mann erwischt und vor Peter zusammenschlägt. 


Ein Abend ohne Grund: Faust ins Gesicht, Nase blutet in der Suppe, zweite Faust, dritte, Peter ohnmächtig am Boden.

Keine Heimat mehr – 20 Kilometer zu Fuß, Liefering – Salzach – Gaisberg, steilbergauf, weglos.

Abendsonne erlischt plötzlich, Gräser hören auf zu leuchten.

Wind wie aus einem Blasrohr, loser Stein, rutschiges Moos, 1288 Meter, allein oben.

Sturm, dicke Wolkenhaufen, Regen, nur mit T-Shirt. Alles durchnässt.

Erst ganz oben, ganz allein: Ich kann etwas, ich bin stärker...Dunkelheit kommt leise.


- Hinunter, zurück in den alten Wald bei Guggenthal, zu Adi Hillimaier, Daniel Spitzl.

Hoffnung auf eine Indianerhütte, auf Brot, auf Schlaf unter rohen Ästen.

Verrat: Die Kinder zeigen Margarethe Leitner den Platz.

Sie glaubt, er sei ihretwegen gekommen.

Ruft Herta Bertel, Polizei kommt.

Herta (Mutter) schimpft die ganze Fahrt: „Nur ein störendes Kind.“

Zurück in die Zanderstraße. Gerold wartet schon heiß... Niemand fragt warum er geflohen ist.


Quellenweg 3, Plainfeld, 1981–1982

Östlich von Salzburg. Fünfte Schule. Letzte zwei Jahre Pflicht.

Keine Schläge. Keine Vergewaltigung. Keine nächtliche Flucht. Zum ersten Mal: Luft.


Hauptschule Hof. Solidarität. Kein Spott.

Hermann Hautzinger gegenüber, das Schachbrett zwischen ihnen.

 Erster Freund überhaupt.

Schach in Salzburg-Land, Peter gewinnt fast immer. Doch wem interesiert´s?


Kein Buch im Haus. Fernseher ist König. Deutsch holprig, Englisch fast null.


Lehrstelle statt erhoffte Schule:

Erster Versuch: Spedition – Wecker klingelt, Augen brennen, zu spät, gekündigt.

Zweiter Versuch: Goldener Hirsch – Hände zittern beim Einschenken, Teller fällt, alles aus.

Dritter Versuch: Peterskeller – schwere Tabletts die runterfallen,

andere Lehrlinge lachen, 

er verschwindet in Scham, sagt niemandem bescheid.


Monika Mittermayr setzt Peter ab.


Kolpinghaus, 1982–1983

Eisenbetten knarren wie alte.

Boden riecht nach altem Plastik.

Ich liege wach. Hunger hat ein eigenes Geräusch.


Die Maschine spuckt Sticker aus. Einer nach dem anderen.

Ich zähle sie nicht mehr. Nur noch Tage. Und die sind leer wie luftleerer Raum.


Monika gibt Peter ab wie ein Paket, das niemand will.

Franz-Josef-Straße 15. Tür zu und vergessen.


Abba, seine Lieblingsmusik verstummt für immer.

Hermann ist weg. Für immer. Das Klapprad rostet irgendwo.

Ich habe nichts mehr zu verlieren. Nur noch mich.


Nachts liege ich im Dunkel im Eisenbett. Weiße Figuren ziehen durch meinen Kopf.

Kein Brett. Nur im Kopf: Ke3, Qf8, Nd7, Ng6, Kd5 Nb7, Nc6, Ba7,… Matt in zwei. 

Zugzwang, genau wie ich.


Der Zucker klumpt zwischen den Fingern. Weiß wie Schachfiguren. Ich esse ihn löffelweise.

Er schmeckt nach nichts. Und nach allem.


Im Café Mozart riecht es nach Kaffee und Verlierern.

Lichter gehen aus. Henri Prodinger spuckt aufs Brett. 

Wir spielen weiter im Finstern. Niemand anderer ist da. Ich gewinne. Er zahlt nicht was ausgemacht, die Tausend.


Ich nehme den Ersatzschlüssel mit, wie einen letzten schwarzen Läufer.

Irgendwann werfe ich nach wiederholten Nachtbesuchen und ungenießbaren Kuchen den Schlüssel in die Salzach. Er entgleitet lautlos. Nachts - von der Brücke.

Wie alles andere auch. 

Aber ein Teil von mir

ist dort geblieben. Zwischen Eisenbetten, kalten Torten

und einem schwarz -weiß Brett, das niemand sieht, nur er im Kopf.

Nachts klettere ich durchs Fenster. Die Torten sind süß und wurden ungenießbar.

 Ich esse weiter hastig süße Kuchen, so viele

 - bis ich fast erbreche.

Dann der Fenstersprung in die Tiefe. Fünf Meter auf Asphalt. Mein Herz schlägt rasend. Angst.


Im Niederleghof eingeschlossen. Warten von zwei bis sechs. 

Versteckt zwischen Mülltonnen und Tauben.

Die Stadt schläft tief. Ich aber nicht mehr. Augen und Ohren weit offen....

Mann öffnete Tor. Peter verschwand unauffällig ins Nichts, nein ins Kolpinghaus, und verschwand ins Eisenbett.

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...

Guggenthal, vor vielen Jahren

Drei Namen, die niemand mehr laut ausspricht.


Adi Hillimaier schläft zehn Winter lang zwischen Asche und Ahorn.

Mit einem Hund als einziger Decke.

Feuer knistert klein. Er sagt, die Kälte lösche das böse Erinnern.

Ein Messer findet trotzdem seinen Bauch. Adi überlebt.


Vierzig Jahre später sieht er seine Mutter, wie auf einem Bildschirm.

Sie erkennen sich nicht. Erloschener Vulkan überdeckt mit Schnee.


Daniel Spitzl, leise Stimme - dunkle. türkische Augen

verschwindet in den Gängen des Borromäums.

Danach noch leiser. Die spitzen Nadeln in seine Venen. Schneller als jedes Wort.

Er war zwanzig – und dann nichts mehr. Nie mehr.


Reinhard Tutschko wirft Kinder nieder beim Judo. 

Ein Diebstahl, Handschellen, Schanzlgasse 1, Zelle.

Gürtel wird zur Schlinge. Erhängt.

Die rettende Tür zu spät. Zwanzig Jahre, genau wie Daniel. Tot für immer. 


Drei Kinder, verdrängte Erinnerung.

Ihre Namen liegen immer noch auf dem Waldboden von Guggenthal,

zwischen den Wurzeln, die niemand ausgräbt.


"Mama" Margarete Leitner 

Margarete zieht um. Neues Haus am Saalachufer. Rechte Saalachzeile 10, Garten, Pension, Stille. Gegenüber liegt Bayern in Sichtweise.

Kein ehemaliges Heimkind kommt zu ihr auf Besuch, außer Peter nach über vierzig Jahren.

Sie redet nicht über Schläge. Kein Bedauern. Kein Erinnern. Alles vergessen.

  - Seine Wut bleibt, unsichtbar, lautlos, sprachlos.

Damals kam zu Weihnachtszeit der Krampus zu den Waisenkinder in Guggenthal. Die Kinder fürchteten in großen Holzkörben von Krampus mitgenommen zu werden.  - Ganz spät, 1 oder 2 Jahre vor dem Tod der Mama kam das auf sie zurück. Sie wurde abgeholt von Lady Dementia.

...Dementia fraß sie völlig auf. Im Jahr 2016. Gleichzeitig blind ihr Ehemann Josef. Altenheim in Itzling zusammen.  - Nichts dazu gelernt, alles verdrängt, alles vergessen. Sie stirbt 2018. Achtundachtzig. 


Gerold Ladinig trinkt weiter, Bier vor allem. Wut bricht aus, Fäuste fliegen.

- Erzählt betrunken von Jungen unter Decken, unter denen Schläge regnen. Stolz auf sich, Azubi trotz Heim. Muskeln aus Stahl, schwarzes Haar. Kennt keine Entschuldigung, nur Rechtfertigung für brutale Schläge...

 Es holt ihn Leukämien. 2003. Fünfzig Jahre. Kurz vor Tod: endlich Reue. Niemand besucht sein Maxglaner -Grab.

...April 2024

Herta, seine Mutter stirbt - fast allein.

Nur noch Ehemann. Nach 2 Jahren Hüftqualen.

80 Jahre alt.

Das Geheimnis stirbt mit ihr.

Aber nicht ganz!

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Nachträgliche Verbesserung

Gaisberg-Szene – verbesserte Fassung


Am nächsten Tag

kein Schulweg mehr:

nur der Gedanke wegzugehen,

weit, wo keiner schreit,

wo niemand fragt.


Zwanzig Kilometer,

Liefering – Salzach – Gaisberg.

Der Asphalt prasselt, nass und kalt

die Stadt rauscht hinter ihm her

wie ein Atem, der ihm nicht gehört.


Die Abendsonne kippt plötzlich,

als hätte Gott das Licht ausgedreht.

Die Gräser verlieren ihr Leuchten,

werden stumpf, grau,

als wäre der Tag beleidigt.


Der Wind kommt pfeifend,

zielt wie aus einem Blasrohr

auf Hals und Brust.

Lose Steine rollen,

Moos wird tückisch unter den Sohlen.

Der Weg wird schmaler,

kälter.


1288 Meter,

allein oben.

Der Himmel reißt auf,

Wolken wie schwere Türen.

Sturm, Regen, nur mit Hemd.

Regen prasselt auf Peter

der nicht weiß,

ob er stehenbleiben soll oder verschwinden.


Doch gerade dort,

wo andere umkehren würden,

spürt er es zum ersten Mal:

Ich kann etwas.

Ich bin stärker,

als sie denken.


Der Wind drückt ihn fast zurück,

doch er bleibt,

als müsse er beweisen,

dass es wenigstens einen Ort gibt,

an dem niemand über ihm steht.


Dann der Abstieg,

durch nasses Gras,

über Wurzeln, die wie Adern aus dem Boden wachsen.

Runter, immer weiter,

Richtung Wald,

Richtung Kindheit,

Richtung Guggenthal.


Zurück in den alten Wald,

dort, wo die Bäume ihn kennengelernt haben,

bevor Menschen ihn verzogen.

Zu Adi Hillimaier, zu Daniel Spitzl,

zu der Hoffnung auf

eine Hütte,

ein Stück Brot,

ein paar Stunden Schlaf unter Ästen,

die nicht schlagen.


Der Wald verrät ihn nicht —

die Kinder aber tun es.

Sie zeigen Margarethe Leitner den Platz.

Sie glaubt, er sei ihretwegen gekommen,

und ruft Mutter.

Polizei.

Blaulicht ohne Fragen.


Mutter schimpft die ganze Fahrt:

„nur ein störendes Kind.“

Zurück in die Zanderstraße.

Gerold wartet.

Und wieder fragt niemand,

warum er auf den Berg gegangen ist.

 Ein Originaltext von Peter Siegfried Krug – Unveränderter Stil.

© Copyright 2025 Peter Siegfried Krug (FIDE Master in Schachkomposition und Yogalehrer). Alle Rechte vorbehalten. Titel: Mein Leben als Gedicht (Lyrische Prosa)

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