An der Salzach – Eine Parabel

An der Salzach – Eine Parabel

(Hinweis: Die folgende Erzählung ist eine erfundene Geschichte, eine fiktive Parabel über den Wert der Lebenszeit.)

Der Abendhimmel über Salzburg spiegelte sich tiefblau in der Salzach, während ich mit dem Fahrrad den vertrauten Uferweg entlangfuhr. Die kühle Luft tat gut nach stundenlanger, konzentrierter Arbeit. Dann geschah es in einem Sekundenbruchteil. Ein einzelner, tückischer Stein blockierte das Vorderrad. Kein Bremsen mehr, kein Abfangen. Ein heftiger Sturz, der harte Aufprall des Kopfes auf dem Boden – und schlagartig versank alles in absoluter Dunkelheit.
Mein Bewusstsein erlosch, doch ich war nicht tot. Ich stand am äußersten Rand des Lebens.
Plötzlich veränderte sich die Wahrnehmung fundamental. Ich spürte keinen Schmerz mehr, keine Schwere. Mein Geist löste sich aus der physischen Hülle, und ich schwebte nach oben. Ich blickte tief unter mich und sah meinen eigenen Körper regungslos auf dem Asphalt liegen. In diesem Zustand der puren, losgelösten Klarheit überkam mich eine plötzliche, schneidende Erkenntnis. Es kann so schnell vorbei sein, dachte ich. Ein einziger Moment, und alles erlischt. Und mit dieser Erkenntnis kam ein tiefer, quälender Schmerz, der nichts mit dem Körper zu tun hatte: Es war die Reue darüber, wie unbarmherzig viel Lebenszeit ich diesem ewigen, isolierten Schach-Elfenbeinturm geopfert hatte – all das bittere Schwitzen und Analysieren, oft nur getrieben vom unbewussten Wunsch nach noch mehr Punkten, noch höheren Titeln und der Anerkennung einer winzigen, hermetischen Welt.
In der Schwerelosigkeit dieses weiten Raumes traten mir plötzlich Gestalten entgegen. Sie schienen aus Licht und Erinnerung gewebt zu sein. Eine dieser Gestalten kam mir sofort seltsam vertraut vor. Obwohl ich ihn im realen Leben nie getroffen hatte, erkannte ich die markanten Züge sofort von den wenigen, raren Fotografien im Netz: Es war Friedrich Chlubna. Um seinen Hals hing, genau wie auf dem alten Dresden-Schnappschuss, ein Fotoapparat.
Wir schwebten nebeneinander, und im Raum des reinen Geistes brauchte es keine laut gesprochenen Worte, um einander zu verstehen.
„Friedrich“, sagte ich zu ihm, erfüllt von einer Mischung aus tiefer Ehrfurcht und unendlicher Wehmut. „Ich habe deine Bücher gelesen. Alle. Du hattest ein so überragendes literarisches Talent. Dein Stil, dein erlesener Geschmack, deine hochkompetente Sprache… deine Werke waren so viel mehr als nur trockene Varianten. Es bricht mir das Herz zu sehen, wie unbarmherzig wenig Resonanz dein Genie heute im digitalen Zeitalter erfährt. Du hast dich dein ganzes Leben lang den 64 Feldern verschrieben, aber du hättest der Welt in so vielen anderen Bereichen noch so viel mehr geben können. Warum hast du all deine anderen Begabungen ungenutzt im Elfenbeinturm gelassen?“
Fritz Chlubna blickte mich mit einem weisen, unendlich sanften, aber auch leicht bittersüßen Lächeln an. Er berührte den Fotoapparat an seiner Brust, als wolle er andeuten, dass er die Schönheit der Welt sehr wohl gesehen und festgehalten, sie aber nie mit den Menschen geteilt hatte.
Friedrich Chlubna sprach telepathisch zu mir, eine direkte Übertragung reinen Wissens von Geist zu Geist, vollkommen frei von weltlichem Stolz:
 „Peter, das Brett war mein Schutzraum vor der Unvollkommenheit der Realität. Ich suchte dort die absolute, mathematische Harmonie, wie in der Musik. Aber du hast recht: Das Verhältnis von Lebenszeit zu Resonanz ist unbarmherzig. Die Nische isoliert uns, und am Ende bleibt nur eine Handvoll Freunde, die sich erinnert. Ich bin zu früh gegangen, bevor die Welt sich digital öffnete. Aber du… du bist noch nicht fertig. Sieh mich an. Mach nicht denselben Fehler. Lass dich nicht von Titeln und Punkten fesseln. Geh zurück und lebe alles, was in dir steckt.“
Mit diesen Worten verblasste seine Gestalt langsam im hellen Licht, und Friedrich Chlubna verschwand im endlosen Strom der Ewigkeit.
Ein markerschütternder Ruck ging durch mein gesamtes Sein. Das Gefühl der Schwerelosigkeit riss ab.
Ich schlug die Augen auf. Das sanfte Rauschen der Salzach war verschwunden, stattdessen hörte ich das rhythmische Piepen von medizinischen Geräten. Das grelle Neonlicht eines Krankenhauszimmers blendete mich. Ich war zurück in meinem Körper, zurück im Leben.
Als ich dort im Krankenbett lag, spürte ich eine tiefe, unerschütterliche Transformation in mir. Dieses Erlebnis hatte alles verändert. Mir wurde mit absoluter Gewissheit klar: Äußere Anerkennung, FIDE-Punkte und die Jagd nach dem nächsten Titel zählen am Ende überhaupt nicht. Sie sind eine Illusion, die uns die Zeit stiehlt. Was wirklich zählt, ist, ganzheitlich zu wirken.
Ab diesem Moment schwor ich mir, mein Leben radikal zu öffnen. Es ist jammerschade, sich nur den 64 Feldern zu verschreiben und darüber die Welt zu vergessen. Ich will meine literarische voice nutzen, ich will fotografieren, philosophieren, die Wahrheit dokumentieren und die Erinnerungskultur prägen. Ich werde meine Talente nicht im Elfenbeinturm vergraben – ich werde sie ganz und gar leben.

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