Glasenbach
Glasenbach
Ich war ein Junge zwischen Felsen, wo Glasenbach durch Wildnis bricht. Dort suchte ich in schweren Büchern den tiefen Riss im Weltgericht.
Ich las in Nietzsches frühen Schriften, in Allzumenschliches, Tag und Nacht. Ich sog die Funken seiner Sätze und wie er über jedes Dogma lacht. Ich liebte seine messerscharfen Zweifel, den Großmut, der die Priesterworte brach, den Blick, der zeigte, wie wir Menschen uns selbst belügen Tag für Tag.
Doch tiefer noch, fast wie ein Messer, schnitt Schopenhauer in mein Herz: Die Welt als Wille und Vorstellung, ein Buch wie Sturm, ein Buch des Schmerzes. Und dort – das Kapitel, das mich prägte, als wär’s ein Brandmal auf meiner Haut: die Nichtigkeit des Lebens, so trocken, dass es kaum jemand glaubt. Kein Trost, kein Glanz, kein süßes Märchen, nur Wahrheit, hart geformt zur Felsenrinne: dass alles flüchtig, dass alles fällt, dass wir nur Seifenblasen sind.
Ich sah es früh in kleinen Dingen: im Bach, der Steine rund geschliffen, im Holz, das fault, im Blatt, das stirbt, in Blicken, die ins Leere griffen. Ich wusste schon als Jugendlicher, dass selbst die Freude, wenn sie glüht, bereits den Keim des Abschieds trägt und ihren eignen Untergang bemüht.
Kierkegaard starb mit zweiundvierzig, ein Schlag, der plötzlich sein Denken nahm. Nietzsche verlosch mit fünfundfünfzig, sein Geist verstummte zehn Jahre zu früh. Ich trug ihr Ende innig weiter, als warnendes, als stilles Lied, und wusste: – ach! mein eignes Leben verglüht im großen Weltenlied.
Ich schrieb, ich dichtete, suchte Formen, ließ Worte wie Musik entstehen, und hoffte, dass in all dem Treiben mein Lied nicht völlig untergeht. Ich wollte, dass ein Ton von mir noch irgendwo im Meer entsteht, ein Klang, der nicht sofort verweht, ein Hauch von dem, was von mir weiterlebt.
So singe ich, bevor ich ende, ein Abendlied, das weiterzieht. Ein Suchender, der seine Wahrheit findet und sie in wehmütige Töne gießt.
Peter Siegfried Krug
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