Vom leisen Werk im lauten Zeitalter

 Vom leisen Werk im lauten Zeitalter 

Der junge Leser

Als Jugendlicher saß Peter Krug, im kleinen Zimmer, still genug, und las in Bänden, schwarz und schwer, Schopenhauer – Diogenes, und mehr.

Die Zürcher Ausgabe, Jahr ’72, war ihm wie eine geheimnisvolle Tür, Pforte in ein tieferes Sein, ein Denken, dunkel, klar und rein.

Arthur Schopenhauer stand ihm wie ein ferner Stern, doch seine Worte las er gern, so gern, dass Peter früh verstand: Die Wahrheit flüstert – nie im Brand.

Die vier im Abseits

Doch hinter jedem Satz, der klang, stand Arbeit, die ein Leben lang von Händen kam, die kaum wer nennt, weil man sie nur im Dunkel kennt.

Da war Angelika Hübscher, klug und klar, die Jahrzehnte lang – Jahr um Jahr – mit Schreibmaschine, müden Händen, den Text bewahrte vor dem Enden.

Und Gerd Haffmans, der Verlegergeist, der Bücher formte, nie verreist vom Reich der Sprache, Satz für Satz, ein stiller Hüter seines Schatz.

Dann Claudia Schmölders, hell und fein, die Worte wie Kristalle schien, die Texte hob, mit klarem Blick, ins Licht der Zeit – Stück für Stück.

Und Fritz Senn, Joyce’ alter Freund, der selten sprach, doch tief vereint mit Wort und Sinn die Brücken schlug, die kaum ein zweiter je vermag.

Die stille Arbeit

Sie alle saßen – Nacht für Nacht – bei Manuskripten, schwer gemacht, vergilbten Blättern, kaum zu lesen, Philosophie, so hart gewesen.

Sie strichen, prüften, schrieben neu, und niemand sah’s – kein Mensch, kein Leu. Kein Klick, kein Like, kein Algorithmus, nur Arbeit, Mühe, Pflicht und Rhythmus.

Und heute – denkt Peter Krug im Schmerz – heut zählt das Laute, nicht das Herz. Heut zählt das Schnelle, nicht das Tiefe, das Flache siegt – wie Schopenhauer rief.

Der Lärm der Welt

„Die Welt ist Wille“, sprach der Weise, „und Vorstellung“ – doch auf leise Töne hört die Menge kaum, sie jagt dem Lärm nach – Traum für Traum.

So bleibt im Netz ein leeres Feld, wo Hübschers Name kaum erzählt, wo Schmölders’ Bild nur selten blinkt, wo Haffmans’ Werk ins Dunkel sinkt.

Nur Senn, der alte Joyce-Magier, erscheint im Netz ein wenig hier, ein Video, ein kurzer Ton – doch auch er bleibt im Hintergrund schon.

Und Krugs Blick

Und Krug, der heute klarer sieht, wie schnell im Netz die Zeit verfliegt, erkennt: Das Wahre bleibt im Stillen, nicht im Geschrei des lauten Willen.

Die Zürcher Ausgabe – sein Schatz, geschaffen einst mit Herz am Platz für jene, die im Dunkeln schufen, die nie im grellen Licht laut rufen.


Das folgende Gedicht setzt sich auf literarische Weise mit der Entstehungsgeschichte und dem editorischen Hintergrund der sogenannten Zürcher Ausgabe der Werke Arthur Schopenhauers auseinander. Diese bis heute maßgebliche Taschenbuch-Gesamtausgabe erschien am 1. Jänner 1977 im Schweizer Diogenes Verlag [Zürcher Ausgabe: Werke und Materialien in 11 Bänden in Kassette].
Während der Text der Ausgabe buchstabengetreu der historisch-kritischen Gesamtausgabe des namhaften Schopenhauer-Forschers Arthur Hübscher folgt, lag die immense, jahrzehntelange Detailarbeit für die umfangreichen Apparate, Anhänge und Erläuterungen in den Händen seiner Ehefrau, der Philologin Angelika Hübscher [Arthur Schopenhauer: Leben und Werk in Texten und Bildern ..., Arthur Schopenhauer : ein Lebensbild in Briefen zsgest. u. hrsg. von ...]. Die redaktionelle Betreuung und verlegerische Umsetzung im Diogenes Verlag wurde damals von einem jungen Team getragen, bestehend aus dem Cheflektor Gerd Haffmans (späterer Gründer des Haffmans Verlags), der Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders und dem Schweizer James-Joyce-Experten Fritz Senn [Zürcher Ausgabe: Werke und Materialien in 11 Bänden in Kassette].
Das Gedicht reflektiert diese wissenschaftliche Leistung aus der Retrospektive. Es kontrastiert die Stille, von extremem Zeitaufwand und Präzision geprägte Archivarbeit des 20. Jahrhunderts mit der heutigen digitalen Medienlandschaft, in der das Erbe dieser Kulturträger im Internet auffallend wenig Präsenz erfährt. Damit greift der Text im Kern Schopenhauers eigene philosophische Kritik am oberflächlichen „Lärm der Welt“ auf und würdigt die bleibende Bedeutung jener Arbeit, die im Hintergrund der Buchseiten stattfand.


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