BALLADE VOM STERBENDEN DICHTER

 

BALLADE VOM STERBENDEN DICHTER

In einer Kammer, eng und karg, saß einst ein Mann mit müden Händen. Der Tag war grau, die Nacht war arg, und Tropfen fielen von den Wänden. Sie fielen still auf Tisch und Blatt, auf jedes Wort, das er geschrieben. Er hob die Feder, bleich und matt, und rang um jedes Wort, das blieb.

Fern davon, in goldnem Saal, stand einer, reich an Macht und Gaben. Er trug den Glanz wie ein Metall, das selbst die Jahre nicht begraben. Er sprach zu vielen, laut und klar, sein Name hallte durch die Räume. Er wurde groß, er wurde wahr in aller Menschen stolzen Träume.

Der Dichter aber, bleich und krank, wehrt’ Tropfen ab mit letzter Kraft. Sie fielen dicht wie Regenschrank und löschten Zeilen, die er schafft. Er hielt das Blatt wie einen Schild, als kämpft’ er gegen wilde Meere. Doch was er schrieb, das blieb nicht mild, es rann davon wie flücht’ge Chöre.

Der andre wuchs in hohem Rang, sein Werk ward Stein, sein Wort ward Kunde. Er trug den Sieg wie Festgesang, sein Ruhm erklomm die höchste Stunde. Er stand auf Türmen, hell und weit, sein Name prangte wie ein Zeichen. Er war der Herr der Ewigkeit, kein Wind vermochte ihn zu streichen.

Der Dichter sank im stillen Raum, sein Blatt war nass, die Zeilen blieben nur halb ein Lied, nur halb ein Traum, von Tropfen langsam fortgetrieben. Kein Ruf erklang, kein Schritt, kein Licht, kein Mensch, der seine Worte trüge. Er starb, und mit ihm starb die Sicht auf all die Lieder, die er füge.

Der eine lebt in Stein und Hall’, sein Name glänzt in fernen Zeiten. Der andre fiel ein letztes Mal in jene Nacht, die nichts begleiten. So endet still der Dichterlauf: Der Glanz erhebt den Mann der Werke, doch einer sinkt im Strom hinauf, und keiner ruft ihn aus der Stärke.

Und wenn die Jahre weitergehn, wird einer bleiben, groß und heiter. Der andre wird im Wind verwehn, sein Lied verstummt für alle weiter. So spricht die Welt im alten Ton: Der Glanz wird ewig weiterklingen, doch wer im stillen Kämmerlein wohnt, den wird kein später Morgen bringen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Fotos von Peter und Nadia

Isolina Cipriani, ein kurzes Leben im Scheinwerfer der Illusion

Mein Leben, voller Glasscherben - Lyrische Prosa (Verbesserte Version 30.11.2025)