Schachstudie am Salzachsee - Martin Minski und Peter Krug

 

Am Salzachsee

I

Am Salzachsee, wo kalte Winde den Frühling in den Winter ziehn, geht Krug mit Minski still geschwinde, kein Laut will durch die Ufer fliehn. Das Wasser liegt in grauen Bahnen, als wär’s ein Spiegel ohne Ziel, und fern verhallt das Dröhnen, Mahnen— ein Tag, der nichts als Kälte will.

II

Da hebt der Krug, von Frost umfangen, einen Stein, glatt wie ein Gebet. Er schleudert ihn mit raschem Prangen, doch nichts von Tanz, der Stein vergeht. Ein dumpfer Ton, ein Kreis von Blasen, dann sinkt er in das tiefe Blau. Minski beginnt, die Worte rasen: „So geht dein Werk, so kalt, so grau.

III

Drei Blicke aus den fernen Ländern, ein Klick aus Georgiens Gebiet— und all dein Mühen, all dein Ändern verhallt, weil niemand’s wirklich sieht. Du wirfst in Meere ohne Ohren, in Räume, die kein Echo tragen. Die Welt will leichtes Spiel, nicht Zoren, sie will nicht deine schweren Fragen.“

IV

Doch Krug spricht leise: „Es genüget, dass Wahrheit einen Ort erhält. Auch wenn kein Blick sich je bemühet, bleibt sie doch fest in ihrer Welt.“ Minski jedoch, mit festem Willen, holt aus dem Mantel ein kleines Brett: „Sieh hier, wo Opferzüge stillen, was Logik rein zusammenflett.“

V

Er zeigt die Stellung, karg und heiter, ein Endspiel, streng und klar gebaut. „Weiß siegt“, so spricht er, „Schritt für Schritt weiter, ein Matt, das selbst der König schaut.“ Ein Opfer hier, ein Zug im Schweigen, ein König, der sich selbst verbaut. „Dies bleibt“, sagt Minski, „ohne Neigen— ein Werk, das keine Zeit zerhaut.“

VI

Doch Krug, als wär’s ein fernes Klingen, spricht ruhig: „Kakovin, dreiunddreißig. Die Züge, die dir heute gelingen, sie standen einst schon ähnlich fleißig.“ Er nennt die Reihen, nennt die Jahre, als läs er aus verborgnem Buch. Minski verstummt, denn diese Ware trägt Wissen, das kein Ende sucht.

VII

„Im Schach“, so Krug, „bleibt alles stehen, bewahrt in klarer Ewigkeit. Doch wo wir durch das Leben gehen, gibt’s keine Lösung, die befreit. Kein Muster, das sich leicht ergäbe, kein Zug, der Leid zur Ordnung zwingt. Ich schreibe, weil ich Wahrheit lebe, auch wenn sie niemand je verschlingt.“

VIII

Der See bleibt still, als wollt er lauschen, wohin der Stein nun weiterfällt. Vielleicht wird eines Tages rauschen ein neuer Wurf in dieser Welt. Vielleicht kehrt alles einst zurücke— ein Schmerz, ein Wort, ein stiller Sinn. Und bleibt nur eines: kurze Brücke von Mensch zu Mensch, so wie ich bin.

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