Lehrlingsjahre

Lehrlingsjahre

Die Hoffnung – Plainfeld 1981–1982

Die Flucht und das Schweigen

Er lief aus Liefering heimlich davon, und sagte niemand je den Grund. Kein Wort verließ den jungen Mund, was ihm geschehen war zuvor – Er trug es still, Ein Platz in Plainfeld wurde frei, ein Zimmer, schlicht, doch sorgenfrei.

Die Schule

In Hof, der fünften Schule schon, fand er zum ersten Mal einen bescheidenen Lohn in Form von Ruhe, Freundlichkeit – zwei Jahre ohne Schmerz und Streit. Er lernte schnell, er kam hinein, die Klasse ließ ihn nicht allein. Zum ersten Mal im jungen Leben gab es ein „Wir“, das Halt kann geben.

Der erste Freund

Gleich gegenüber, Haus an Haus, ging Hermann Hauzinger ein und aus. Ein Freund, der erste überhaupt, ein Mensch, dem Peter etwas glaubt. Sie spielten Schach -Zug um Zug mit Hermann stets viel Zeit genug. Er blieb auch über Nacht zu Gast – ein Glück, das er zuvor nie im Traum gefasst.

Das Land und seine Grenzen

Doch Bücher gab es dort kaum je, die Welt blieb eng wie ein stiller, kleiner See. Die Menschen lebten schlicht und klar, ihr Lebenslauf schon vorerfahr’n: Schule, Arbeit, Ruhestand – so war das Leben auf dem Land. Für Fragen, die nach Tiefe riefen, gab’s wenig Raum in solchen traditionellen Stiefeln.

Nach der Schule – der Absturz

Die Pflichtschule war kaum vorbei, da brach die Sicherheit entzwei. Kein Englisch, kaum ein gutes Wort – ohne Bildung an jenem Ort. Die Pflegemutter suchte schnell ’ne Lehre – doch sie lag nicht hell. Im Speditionsbüro begann sein müder, schwerer Arbeitsgang.

Die Nächte ohne Schlaf, voll Druck, der Tag ein einziger Verdruss. Zu spät, zu müde, ohne Kraft – bis man die Lehrstelle abgeschafft. Der Chef verstand: Er ist nicht froh, und ließ ihn gehen – einfach so.

Die Kellnerlehren

Dann Goldener Hirsch in alter Gass’, wo er als Kellner dienen muss. Die Mutter kaufte Kleid und Schuh, doch seine Hände zitterten dazu. Beim Wein, beim Teller, beim Servieren ließ er die Speisen oft verlieren. Er übte still im Nebenraum, doch blieb der Dienst ein düsterer Traum.

Als wieder etwas schief ihm ging, verlor er Mut und jeden Sinn. Er blieb der Arbeit einfach fern – die Angst im Bauch wuchs nur noch mehr.

Peterskeller – der letzte Versuch

Ein neuer Platz, der Peterskeller, doch wurde dort die Seele heller? Er lernte täglich Speis’ und Wein, doch passte er nicht in den Reih’n. Die Lehrlinge – ein rauer Chor, er fühlte sich verloren dort. Die Last der Teller, schwer und heiß, die Hektik – wie ein geschlossener Kreis.

Nach Monaten, voll Druck und Zwang, zog er erneut den Schlussstrich lang. Er ging – und sagte niemand was, nur Stille blieb zurück und Hass.

Schluss

So ging er weiter, still und jung, mit wenig Kraft und wenig Schwung. Doch Plainfeld gab ihm für die Zeit ein Stückchen Ruhe, Zärtlichkeit. Ein Freund, ein Haus, ein wenig Glück – ein kleiner Schritt ins Leben zurück.


Abgeschoben im Kolpinghaus (1982–83)

Arbeit ohne Zukunft

Ein Job im Mark‑Jugendzentrum, Sticker schneiden, Stück für Stück. Je mehr er machte, desto mehr Lohn – doch brachte es ihm kein Glück. Die Arbeit stumpf, der Kopf blieb leer, er fühlte sich nicht fordernd mehr. Monika sah, wie schwer es war, und gab die Suche schließlich auf – so nahm das alles seinen Schicksalslauf.

Das Kolpinghaus

Im Kolpinghaus, Franz‑Josef‑Straße, begann ein tiefer, harter Fall. Er verlor in Plainfeld jeden Halt, und alles, was ihm einst gefiel: den Plattenspieler, Abba‑Klang, die Schachbücher, die ihn vorwärts brachten, das Faltrad, das ihn frei gemacht, und seinen Freund – den einzigen – der blieb zurück im Land der Wiesen.

Kein Essen mehr, kein Mensch, der fragt, wie es ihm geht, was er noch wagt. Er wusste nicht, wie man bezahlt, wenn niemand hilft, wenn alles fehlt. So sank er körperlich dahin, und auch sein Geist verlor den Sinn.

Der Hunger und das Schach

Doch eines hielt ihn noch aufrecht: sein Können auf dem Schachbrett echt. Er dachte weiter Zug um Zug, auch ohne Brett, nur mit Verstand. Im Eisenbett, auf Plastikboden, erschuf er blind ein kleines Stück: ein Zweizüger im Zugzwangstil, den später „die Schwalbe“ abdruckt’ still.

Café Mozart – der Kampf ums Essen

Der Hunger trieb ihn täglich fort ins alte Café Mozart dort. Er spielte Blitz um bares Geld, verkürzte Zeit, gab Vorteil her, und manchmal setzte er sogar auf „Contra“ – dann doppelt hart und schwer. Gewann er, kaufte er sich warm ein Würstchen, Kaffee schwarz dazu, und später noch am Alten Markt -’ne Bosna, Käsekrainer, und 5 Minuten Ruh.

Die Nacht mit Prodinger

Ein Abend kam, da forderte Herr Prodinger ihn laut heraus. Tausend Schilling – hoher Satz, doch Peter nahm die Partie an. Der Gegner trank, der Abend fiel, das Licht ging aus, das Spiel blieb still. Prodinger verlor – und spuckte hin, verlor die Fassung, nicht den Gin.

Sie merkten erst beim Aufsteh’n dann: Das Kaffeehaus war abgeschlossen. Peter fand in der Küche den Schlüssel, und beide konnten heimwärts gehen. Doch Peter nahm den Schlüssel mit – für Nächte, wenn der Hunger schnitt.

Die nächtlichen Einbrüche

Er kam zurück, wenn alles schwieg, und aß die Kuchen aus der Vitrine. Wochenlang ging das gut vorbei, bis er den Schlüssel in die Salzach warf. Doch bald schon kam der Hunger wieder, und er stieg durch ein Fenster hinein. Er aß, doch draußen war zu viel an Menschen in dieser Gasse - ganz aus Stein.

Er fand ein Fenster in den Hof, doch fünf, sechs Meter tief der Fall. Er sprang – und hatte Riesenglück, kein Knochen brach, kein harter Knall. Doch eingesperrt im Innenhof musst’ er bis sechs Uhr morgens warten, bis jemand öffnete das Tor und er zurück ins Kolpinghaus gelangte.

Danach ließ er die Taten sein – zu groß die Angst, erwischt zu werden. Doch niemand fand ihn je heraus, kein Richter fragte nach Beschwerden.

Schluss

So lebte er im Kolpinghaus, verloren, hungrig, ohne jeden Halt. Doch hielt er fest an einem Brett: dem Schach, das ihm noch Würde gab. Und Tiere, Wald und Wind waren die Freunde, die ihm geblieben sind. In einer Zeit, die so düster verging, war dies das Einzige, an das er noch hing.

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