Erinnerungen aus dem Jahr 2009

 Von Peter Siegfried Krug

Ich unterstrich einst, jung und klar, den Satz, der mir so wichtig schien: „Die höchsten, reichsten Freuden gar sind geistig – und aus Kraft verliehn.

Texte aus dem Jahr 2009

1. Teil – Montag, 6. April 2009, 19 Uhr

Vom Paracelsusbad komm ich zurück, die Haut noch kühl, der Atem knapp, das Wasser trug mich Stück für Stück, doch nahm es mir auch manchen Trab.

Gemütlich war’s zu Anfang zwar, doch neben mir, im gleichen Zug, schwamm plaudernd ein verliebtes Paar, das jede Bahn zum Plaudern trug.

Und quer durchs Becken trieb gemach die Wasserleiche, wie ich’s nenn’, die blindlings rudert, Tag für Tag, und niemand sieht, wohin sie renn’.

Sie strampelt wirr, sie treibt im Kreis, nimmt doppelt Raum, obwohl sie schwebt, ihr Kurs ist Zufall, niemals leis’, ein Körper, der im Wasser lebt.

Der Josef war heut’ Bademeist’r, ich kenn ihn längst am Hallenklang, er sitzt gern in dem weißen Käst’r und liest die Krone stundenlang.

Der kleine Turm ist offen stets, den großen sperrt er lieber zu, den mögen wir, die Schwimmer, eh’ genauso wenig wie er Ruh’.

Doch kurz vor sechs, wie jeden Tag, da kamen sie – die Schwimmbullen, mit Bizeps, der die Wellen jagt, mit Kraft, die Becken füllen.

Sie kraulen schnell, wie Delphinflug, und spähen unter Wasser leis’, sie mustern Frauen Zug um Zug mit ihrer Spezialbrillen-Kreis’.

Dann sperrte man – wie üblich – drei der Bahnen für die Kurspartei, ein junger rief voll Zorn herbei: „Jetzt bleibt für uns noch weniger frei!“

Ich schwamm am Rand, so eng, so knapp, die einzige Linie, die mir blieb, doch wieder trieb mir einer ab, der kaum vom Fleck kam, schwer und trüb.

Am Boden lag so mancher Rest, der nie zur Oberfläche fand, obwohl das Wasser, wie man’s lässt, den Schmutz am Rand hinüber bannt.

Da stand der Josef plötzlich da mit einem Chinesen still und mild, ich wusste nicht, was nun geschah, bis er mir sagt’, was er ihm schildert:

Der Mann hat Zähne tief verlor’n, er könne nicht englisch, bat um Hilf’, ich tauchte suchend, wie er’s beschwor’n, doch fand erst nichts im Wasserdrift.

Dann zeigte er die Stelle an, und plötzlich sah ich weiß im Grund, zwei Zähne nur – doch für den Mann war’s Schatz und Leben in dem Fund.

Er dankte mir mit tiefer Neig’, so freundlich, wie’s ein Österreicher in all den Jahren selten zeigt – sein Dank war warm, sein Blick war weicher.

Der Josef brummte: „Auch noch das – jetzt suchen wir schon Zähne mit!“ Doch als zwei Männer mir den Platz verstellten, sank mein letzter Schritt.

Ich stieg ins Kinderbecken dann und übte dort den Skorpion, ein stilles Yoga-Unterfangen, ein Atemzug im leisen Ton.

Da kam der Gerhard Ott herbei, er sprach von Schmerzen in den Sehnen, vom Schleppen schwerer Möbeltei’, vom Ziehen, das ihn ließ sich dehnen.

Ich duschte mich und fuhr nach Haus, vorbei an Jugendlichen mild, die Skateboard fuhren, laut und raus, ihr Lachen jung, ihr Tempo wild.

Die Menschen gingen an der Salzach in schnellem Schritt, im Eilenton, kein meditierendes Gemach, kein stilles Stehen je davon.

Dann sah ich schon das erste Haus, maisgelb mit frischem Ziegeldach, seit Monaten gestrichen aus, ein Bild, das warm im Abend lacht.

Das zweite wurde heut’ begonnen, ich hörte früh den Ziegelsturz, den Lärm der Wagen unbesonnen, den schweren Bau mit rauem Furz.

Im Hof lag schon das neue Gut, die Ziegel, frisch und rot bereit, bald kommt das dritte Haus zur Rut’, das unsre Wohnung neu verleiht.

Auch dieses wird in Maisgelb stehn, mit rotem Dach, wie’s Brauch nun ist, und wenn die Maler weitergehn, wird selbst der Regen farbenfrisch.

Ich sitze nun in unsrer Küch’, die Blüten draußen glühn nicht mehr, ihr Gelb wird orange, weich und schlicht, das Abendlicht verglimmt so sehr.

Der Himmel, eben noch so blau, verblasst in einem letzten Schein, ein kurzer Glanz, so flüchtig, rau, dann bricht die Dunkelheit herein.

Bald kommt die Gerhild mit einer Frau, die mit ihr tanzt bei Nadia dann, ich geh hinaus, verlass’ die Au, ein Kaffeehaus nimmt mich wohl an...

Noch saug’ ich, wisch’ die Wohnung rein, damit die Nadia, müd’ vom Tag, in sauberem, geordnetem Sein nach harter Bankarbeit heimwärts mag.

Morgen um achtzehn kommt Hans-Peter Lacher wohl, ich hoff’, er sagt nicht wieder ab, das Absagen wird langsam hohl, ein Muster, das mich müd’ hinab...

21:18 – ich sitz’ allein am Nonnberg, bei der alten Kirch’, die Dunkelheit umhüllt mich fein, ein stilles, atmend’ Abendtuch.

Die Luft ist frisch, das Panorama der Stadt liegt weit und weich vor mir, die Holzbank warm, fast wie ein Drama von Schlaf, der sich schon legt zu ihr.

Ein Windhauch kommt von Festungshöhn, so sanft, als wollt’ er mir gestehn, dass selbst im Dunkel, kaum zu sehn, Gedanken leise weitergehn.

Zu dunkel ist’s, ein Buch zu lesen, doch eine Laterne, grell und alt, wie Van Gogh’s Bilder einst gewesen, wirft Licht, das hart die Nacht durchschallt.

Der Gaisberg steht im Umriss still, sein Sender blinkt wie ferner Stern, am Fuß des Hügels, wie er will, blitzt Häuserlicht in weiter Fern’.

Ein Auto zieht wie ein Komet von Ort zu Ort im schwarzen Raum, ein alter Baum, vom Leid zerweht, steht neben mir – ein Lebensbaum.

Die Rinde fehlt, die Wurzeln graben in harte Erde, steinig, schwer, doch trotzt er still den alten Narben, als würd’ er fallen niemals mehr.

Sein Astwerk ragt sechs Meter weit hinab in dunkle Tiefe dort, und über ihm, in Silberkleid, schwebt still der Mond am Himmelsort.

Die Häuser unter mir sind fern, vielfenstrig, hell, von Kranen überragt, ein Kran reicht höher als ein Stern, ein zweiter, dritter unbejagt.

Die Felsenwand liegt nah bei mir, dahinter fällt der Berg abrupt, die Autos unten, laut und wirr, ihr Klang herauf zum Nonnberg rupft.

Die Straßenlampen leuchten grell, die Stadt ist eine Autostadt, sie formt die Wege streng und schnell, wie’s heut’ der Fortschritt gerne hat.

Doch hier heroben schweigt die Welt, kein Fest, kein Lärm, kein Nachtgetriebe, nur Kirche, Stein, ein Ort, der hält die Ruhe wie ein stilles Siebe.

Der Baum, noch blätterlos und kahl, ist Zeuge dieser Rastlosigkeit, der Menschen Hast, der alten Qual der Spezies, die sich selbst entweiht.

Hinter mir ragt die Festung auf, ihr Licht ist hell, ihr Stein ist alt, die Bahn, die einst den Lebenslauf von Waren trug, wirkt streng und kalt.

Die Türme, einst zur Wehr gebaut, sind heute Schmuck und Touristenblick, die Fenster schwarz, die Mauern verbaut, ein Kloster schweigt im alten Glück.

Die Glocke tönt in tiefem Klang, ein ernster Ton, der langsam schwingt, ein Gegenpol zum Autogang, der unten durch die Straßen dringt.

Das Tor mit dorisch schlichtem Stein ist längst verschlossen, hart und klar, dahinter ruht der Friedhof rein, ein Ort, der still und zeitlos war.

Hier oben wär’ ich gern zu Haus, vielleicht sogar im Kloster drin, doch hielte ich die Litanei aus? Die Dogmen? Nein! – ich geh’ nicht hin.

In Salzburg fand ich keinen Ort, der wirklich meine Seele hält, doch Nadia – sie blieb mir ein Hort, seit ’87 unsre Welt.

Wir wuchsen still zusammen fort, in manchen Dingen gleich gestimmt, doch such’ ich mehr den Innenort, wo Schweigen tief die Seele nimmt.

Die Stadt läuft schnell, zu schnell für mich, Veränderung im Monatslauf, und überall, unendlich dicht, drängt Werbung sich ins Leben auf.

Die Sprache selbst wird zum Gerät, das Menschen lenkt, das Denken fängt, ein Werkzeug, das die Welt verdreht, das innre Stille niederdrängt.

So wird die Schrift zum Fluch vielleicht, weil sie uns zwingt, stets mehr zu seh’n, und jedes Wort, das uns erreicht, will unser Denken mitverdreh’n.

Die Menschen wirken uniform, frisiert, geschminkt, nach Norm gemacht, ein jeder folgt dem gleichen Form-, dem gleichen Bild, das oberflächlich lacht.

Wo ist die Stille? Frag ich leis’, als ich das Gässchen wieder geh’, hinab zur Hölle, die ich heiß’ weil ich ihr Teil bin – widersteh’.

Mit meinem Rad fahr’ ich sodann die rechte Seite Salzach lang, wo junge Leute sitzen, dann mit Rauch und Alkohol im Drang.

Ein Notebook spielt Musik hinaus, ein flacher Klang im Abendgrau, ich fahre weiter heimwärts aus, der Himmel kühl, die Luft so lau.

Da seh’ ich Ziegel, rot und schwer, gestapelt wie ein fremder Traum, als plötzlich hinter mir daher ertönt ein Satz – ich glaub es kaum:

Fühlen Sie sich verfolgt?“ – so spricht eine Frauenstimme hinter mir. Ich dreh’ mich um, versteh’ es nicht, sie wiederholt’s – ein seltsam Wirr.

Ich sag: „Nein, ich sah nur zur Seit’, die Ziegel dort, die standen bloß.“ Sie nickt und geht, als sei’s Geleit, steigt ab und tritt ins Haus – ganz groß.

Daheim erzähl’ ich’s Nadia gleich, sie meint: „Die spinnt, was soll der Sinn?“ Ich sag: „Der Mensch ist nun mal reich an Deutungen, die fehlgehn hin.“

Ich dacht’ zurück an Jugendzeit, wie sehr ich litt an jedem Wort, wie ich mich quälte, weit und breit, und suchte Sinn an falschem Ort.

Ich fragte mich, warum ein Mensch so Schlechtes in mich legen kann, warum er deutet, wild und fremd, was nie zu meinem Wesen ran.

Monatelang, ja jahrelang hab ich gegrübelt, schwer und bang, warum ein Satz, so falsch und klein, mich traf wie Dolch in Herz hinein.

Ich lag in Siezenheim im Gras, tat Yoga still im Kinderspiel, da rief ein Vater ohne Maß: „Schau, da liegt einer tot im Ziel.“

Ein andermal, in Wiesengrün, mach ich die Vorwärtsbeuge sacht, da sagt ein Alter, kaum gesehn: „Der hat wohl Krampf“ – und weiter lacht.

Das Kamel übend, tief und klar, beobachteten Fußballer mich, sie riefen lachend, laut und wahr: „Der betet wohl nach Mekka sich.“

Das waren noch die harmlos’sten, doch schlimmer traf mich mancher Blick, der mich in Schubladen presste, in die ich niemals wirklich tick’.

Man hielt mich für verrückt, für schwach, für schwul, für alles, was man hasst, und ich zerbrach beinah’ daran, weil ich die Gründe nie gefasst.

Ich fragte mich in jedem Jahr, warum ein Mensch so denken kann, doch Antwort gab mir einzig dar: Ein jeder lebt in seinem Bann.

Ein jeder sieht die Welt verzerrt, durch eigne Wunden, eigne Sicht, und was er deutet, ungeklärt, hat mit der Wahrheit selten Licht.

Doch all das Denken war ein Fehl’, so sagte Nadia heut’ zu mir, und ja – sie hat in jedem Teil mit ihrer Klarheit recht dafür.

„Man soll den Menschen nicht die Macht über sich geben“, sprach sie still, „warum gibst du, was dich so schwach macht, jenen, die nur deuten will?“

Denn jeder Mensch, in seinem Blick, interpretiert, was er nur kann, ein Fingerzeig, ein kleines Stück wird zwanzigfach zu anderm Wahn.

Ein jeder sieht nach eignem Maß, nach eignem Schmerz, nach eignem Sein, und was er deutet, ohne Hass, ist doch oft völlig falsch und klein.

Ich denk zurück an jenen Tag, als ich vom Gablerbräu einst kam, als Nachtportier, im frühen Schlag des Morgens, müd’ und ohne Gram.

Bei Grün an einer Ampel stand ein junger Mann, kaum zwanzig alt, er fragte mich, ganz unverwandt: „Wen wählen Sie beim nächsten Halt?“

Ich sagte „Grün“ – ein schlichtes Wort, doch plötzlich schlug er mich mit Kraft, ich fiel zu Boden, Blut floß fort, ein Faustschlag, roh und ohne Haft.

Ich kannte ihn ja gar nicht mal, hatte ihm nichts getan, kein Stück, doch lag ich da, im Schmerz, im Fall, mit Nasenbruch und ohne Glück.

Im HNO, im weißen Raum, operierte man mich dann, ich litt, doch innerlich im Traum blieb ich erstaunlich heiter dran.

Und jeder, der davon nur hörte, interpretierte wild und frei, doch all die Worte, die man spürte, hatten mit mir kaum einerlei.

Ich sah: Die Menschen reden nur von dem, was sie im Innern treibt, ihr Urteil folgt der eignen Spur, die selten mit der Wahrheit bleibt.

Ein jeder lebt in enger Welt, voll Vorurteile, eng und blind, er deutet, was ihm grad gefällt, und glaubt, dass andre so auch sind.

Nadia hat so recht damit: Ich muss die Lektion noch bestehn, mich nicht hineinsteigern im Schritt, nicht alles auf mich selbst zu sehn.

Warum sollt’ ich den Fremden dort so viel an Macht und Deutung geben? Warum ihr Denken tragen fort, warum ihr Urteil in mir heben?

Ich habe früher oft versucht, die wildsten Gründe auszudenken, warum ein Mensch so falsch versucht, sein Bild auf mich hinabzusenken.

Doch nun muss ich das Loslassen lernen, den andern lassen, wie er ist, sein Denken nicht zu sehr entfernen, doch nicht annehmen, was nicht frisst.

Ich soll mich selbst im Denken tragen, mich leiten lassen nur von mir, von meinen eig’nen stillen Fragen, von meinem Herz, von meinem Wir.

Nach jenem Schlag, dem Unfall dort, hat ich ein kurzes Licht gesehn: Ich darf mich frei verhalten fort, ich darf so sein, wie ich will stehn.

Denn was die Menschen über mich zu sagen meinen, zeigt nicht mich, es zeigt nur ihre eigne Sicht, ihr eig’nes Bild – oft wunderlich.

Selbst wenn sie reden über Haar, über die Füße, über Sinn, so bleibt die Wahrheit immer klar: Sie reden nur von sich darin.

Ein jeder lebt in seiner Welt, so klein, so eng, so eig’ner Art, und was er sieht, ist oft verstellt, verzerrt, entstellt und sonderbar.

Möge ich Weisheit endlich finden, mich nicht verwirren zu lassen dort, mich lösen von den fremden Gründen, und ruhig bleiben fort und fort.

Ja – in der frühen Lebenszeit hab ich wohl schwer gelitten dran, nicht akzeptiert, nicht befreit von meiner Mutter, die mich bann’.

Mich abzugrenzen von den Leuten wird wohl mein Weg, mein Lebensstück, erst dann kann Frieden mich bedeuten, erst dann kehrt meine Seele zurück.

2.Teil

Dienstag, 7. April 2009

Im Führer las ich früh am Tag vom Stift Nonnberg, so alt, so rein, ein Frauenkloster, das schon lag um siebenhundert dort im Stein.

Vom Rupert einst als Hort gegründet, der Salzburgs Namen mit erschuf, wo Salztransport den Ort verbündet mit Fluss und Handel, Ruf um Ruf.

Die Kirche, einst romanisch schlicht, verbrannt im Jahr vierhundert drei, erhob sich neu im gotisch Licht und wurde wieder heil und frei.

Die Krypta birgt Erentrudis’ Grab, der ersten Äbtissin, still und sacht, und Fresken, die man heilig gab, gemalt im zwölften Jahrhundertnacht.

Ein Schnitzaltar von Veit Stoß’ Hand steht in der Kapelle dort bereit, und eine Treppe führt ins Land hinab zur Nonntaler Geleit.

Doch kaum begann der Morgen still, da drängte Nadia mich schon sehr: „Peter, abwaschen – wenn ich will! Peter, steh vor! Und geh nicht quer!“

Ich stand im Weg, sie wollt zur Dusch’, ihr Ton war streng, ihr Schritt war schnell, ich bat um Ruhe, bat um Mus’, doch sie blieb fordernd, laut und hell.

„Mach Fitnesstrainer! Ich geb dir tausend Euro, wenn du’s wagst!“ „Um elf beim Paul Blümel bist du hier, die Stiege machst du, wie du sagst.“

„Danach zum Friseur – keine Frage!“ Ich rief: „Nur fünf Minuten Ruh’!“ Doch weiter ging ihr Morgenplage, ihr „Peter, mach!“ nahm nie ein Schuh.

Sie schminkte sich im kleinen Raum, sagte „So“, ging dann zur Toilette, und rief beim Anziehn, kaum zu traun: „Wir treffen uns beim Blümel, Wette?“

Sie packte eine Bürste ein, „Die Terrasse müssen wir heut’ machen, die Wäsche holen wir auch rein, ich fahr mit Bus sechs – keine Sachen!“

Schon halb sechs war ich aufgestand’n, ging in die Bibliothek hinein, und nahm ein Büchlein in die Hand, das mir seit Jahren schien so fein:

Schopenhauer, Aphorismen, ein Geschenk einst an Nadia, ein Buch, das Weisheit will bestimmen, ein stiller Lehrer, immer da.

Damals nannte ich sie „Mauterl“, ein Name weich wie Mäusefell, heut’ sag ich „Quacki“ – unser Scherz, ein Laut, der klingt vertraut und hell.

Sie hatte damals Kuscheltiere, die Mäuse, die sie gern besaß, und heute liegen neue hier, auf Bett und Kissen, weich im Gras.

Ein Stoffaffe, alt und treu geblieben, mit großen Augen, rund und klar, sein Mund ein Lächeln, weit geschrieben, sein Blick so freundlich, wunderbar.

Ein strupp’ger Hase, den ich gab, ein Hund, ein Schaf, das sie sich kaufte, das weiße Schaf, das neben ihr die Nacht verbringt, wenn sie verschnaufte.

Die Ohren rund, der Blick so mild, die Beine leicht im Knie geknickt, ein Wesen, das nach Wärme schillt, ein Tier, das Schutz im Herzen flickt.

Und dann das kleine Eichhörnchen, so groß wie nur ein Daumen ist, mit rotem Mascherl, Glockentönchen, ein Tier, das sie nie missen lässt.

Der Schwanz ist länger als der Leib, die Augen rund und gläsern klar, ein treuer, strupp’ger Reisebleib, ihr stiller Freund seit vielen Jahr’.

All diese Tiere, alt und neu, bewahren Zeit und Zärtlichkeit, sie liegen da, als wär’s ihr Reu’, doch sind sie Trost in Dunkelheit.

Schopenhauer, Sonne und ein Mittag im Neutor

Ich schlug das Schopenhauer-Buch noch einmal auf, die erste Seit’, dort stand in meiner alten Schrift, die mir bis heute treu verbleibt:

Für mein Mauterl – zweiundneunzig, im November, still und sacht.“ Ein Satz, so schlicht, so innig reizig, ein Gruß aus unsrer frühen Nacht.

Ich hatte damals, jung und streng, fast jede Seite unterstrichen, studierte jedes Wort so eng, als würd’ es mir die Welt entrichten.

Aristoteles stand dort klar: „Das Glück gehört, die sich genügen.“ Und: „Der Vernünft’ge sucht sogar nicht Lust, doch Schmerzlosigkeit zu fügen.“

Ein Reclam-Band, so dünn, so schlicht, mit Hübschers Vorwort, gelb und klein, doch trug es mir ein frühes Licht in meine Jugendjahre rein.

Ich schenkte es der Nadia einst, doch kam sie nie dazu zu lesen, sie liest jetzt Osho – wie sie meint – Tantra, das ihr gefällt im Wesen.

Draußen war herrlichstes Aprillicht, die Sträucher leuchteten wie Gold, viel prächtiger als gestern schlicht, ein Hochzeitsglanz, der warm sich rollt.

Sie schwankten leicht im Frühlingswind, im nächsten Augenblick dann still, als würd’ die Welt ein Friedenkind, das nur im Schweigen leben will.

Die Tauben flogen kreuz und quer, die Vögel sangen hell und frei, und alles wirkte leicht und hehr, als wär’ die Welt von Sorgen neu.

Schopenhauer schrieb so klar: Dass jeder Mensch in andrer Welt die gleiche Gegenwart erfahr’, weil nur sein Inneres sie hält.

Das Objekt gleiche – doch das Ich, das Subjekt, bleibt ein andrer Raum, drum lebt ein jeder unterschiedlich in seinem eig’nen Lebens-Traum.

Wie Wasser, das aus Stoffen zwei doch untrennbar zusammenfließt, so ist die Welt, die uns entzwei, ein Bild, das unser Denken gießt.

Und heut’ weiß selbst die Wissenschaft, wie sehr das Hirn die Welt erfindet, wie jede Farbe, Form und Kraft sich erst im Innern neu verbindet.

Ich legte das Büchlein schnell zur Seit’, rasierte mich und duschte klar, das Wetter war von Helligkeit, ein Bergtag, wie er selten war.

Um elf war ich beim Blümel schon, die Nadia staunte, dass ich kam, ich putzte still die Terrasse, Ton für Ton, bis alles sauber nahm.

Ich kehrte Laub, wischte den Tisch, entfernte Taubendreck und Staub, die weißen Stühle glänzten frisch, der Tag war warm, der Himmel taub.

Dann gingen wir – zwei Stunden kaum – ins beste China-Restaurant, gleich beim Neutor, ein schöner Raum, wo alles still und würdig war.

Wir aßen viel, ich war erstaunt, wie groß mein Hunger plötzlich schien, und Fotos machten wir – vertraut, ich sah entspannt, fast heiter drin.

Seit ich vom Elmo-Kino fort, geht’s mir wohl besser, fühl’ mehr Kraft, ein neuer Elan, ein neuer Ort, ein Selbstbewusstsein, das erwacht.

Die Rechnung sah ich lieber nicht, doch Nadia sagte später leis’: „Vierzig Euro für uns zwei“ – im Licht erschien mir das schon viel zu heiß.

Nun ist es wichtig, dringend gar, dass ich als Yogalehrer bald einen neuen Job bekomm’ – ganz klar, damit mein Leben nicht mehr halt.

Nadia bot mir wieder an, mir Geld zu borgen – tausend gar – für eine Trainer-Ausbildung dann, ein Schritt, der möglich, doch nicht klar.

Ich brachte sie zur Haltestell’, beim Bristol, wo der Sechser hält, der Tag war warm, der Himmel hell, ein Frühlingsduft durchzog die Welt.

Ich las erneut im Schopenhauer, der Aphorismen still und klar: „Die objektive Welt hat Dauer nur durch das Schicksal – wunderbar.

Die subjektive Hälfte wir, die bleibt im Wesen unverändert, drum trägt das Leben stets in mir den gleichen Grundton, unentfremdet.“

So ist das Leben eines jeden ein Thema, das sich variiert, doch bleibt der Grundakkord im Reden derselbe, der uns stets regiert.

Aus seiner eignen Art heraus kann keiner je vollständig treten, wie jedes Tier im engen Haus der Grenzen, die Natur ihm beten.

So bleibt auch uns ein fester Kreis, den niemand sprengen kann im Kern, und selbst wenn man ein Tier beweist die größte Liebe – bleibt es fern.

Denn Wesen, Geist und Innenraum bestimmen, was ein Leben trägt, und Glück bleibt oft ein schmaler Traum, den nur die eigne Kraft bewegt.

Sind Geisteskräfte eng gesetzt, so hilft kein Reichtum, keine Gunst, kein äuß’res Glück, das man ihm schätzt, zu heben seine Lebenskunst.

Dann bleibt er bei dem halben Glück, dem tierisch-milden Alltagslauf, bei Sinnengenuß, bei kleinem Stück von Heiterkeit im Lebenslauf.

Ich unterstrich einst, jung und klar, den Satz, der mir so wichtig schien: „Die höchsten, reichsten Freuden gar sind geistig – und aus Kraft verliehn.

Wie sehr wir uns als Junge täuschen, die Lust für größer halten noch, doch später lernt man, zu belauschen, dass Geist das tiefste Leben koch’.

So hängt das Glück, das uns erfüllt, viel mehr von unsrer Art und Weise, von dem, was uns im Innern gilt, als von Besitz und äußrer Reise.

Hunger ist Koch, so sagt man gern, und Schönheit sieht der Greis nicht mehr, doch Geist und Heiligkeit von fern erheben selbst das ärmste Heer.

Gesundheit überstrahlt die Güter, ein Bettler froh ist mehr als König...

Ein heitres, ruhiges Gemüt, ein klarer, tief erfassender Sinn, ein sanfter Wille, der nicht glüht in Gier – das trägt das Leben hin.

Das ist, was keiner nehmen kann, was uns in Einsamkeit begleitet, was uns gehört, seit Anbeginn, und durch die Jahre weiter schreitet.

Ein Geist, der reich an Bildern ist, hat selbst allein genug zu schauen, wo stumpfer Sinn, der vieles misst, in Langeweile muss versauen.

Ein guter Mensch bleibt selbst im Kleinen zufrieden, mild und ohne Neid, doch wer begehrt, wird selbst in Steinen von Reichtum nicht von Qual befreit.

Dem, der in sich ein Feuer trägt, ein außerordentliches Licht, sind äuß’re Freuden nur bewegt als Last, als Störung im Gesicht.

So sprach Horaz, so Sokrates, die beide wussten, was genügt: Dass Luxus nur ein leeres Netz, das selten wirklich Freude wiegt.

Für unser Glück ist, was wir sind, das Erste, Größte, Wesentlichste, weil’s uns durch alle Zeiten bind’t und uns kein Schicksal je entreißte.

Die Zeit nimmt Schönheit, Kraft und Glanz, doch nicht den Kern, den moralischen, der bleibt, trotz ihres harten Tanz’, der einzig unverwund’rlichen.

Drum ist von außen wenig Macht, viel weniger, als man oft meint, die Zeit allein, die still und sacht den Körper wie den Geist vereint.

Doch bleibt uns eines in der Hand: die eigne Art nicht zu verraten, den Weg zu wählen, Stand für Stand, der uns entspricht in allen Taten.

Die Ausbildung, die uns entspricht, die Arbeit, die uns wirklich trägt, die Lebensweise, die im Licht der eignen Seele weiter schlägt.

So zeigt sich klar, was Schopenhauer so streng und doch so wahr erkannt: Dass Geist und Gesundheit wahre Dauer, und Reichtum nur ein Nebelwand.

Denn viele jagen rastlos fort, wie Ameisen im Tageslauf, vermehren Reichtum Wort für Wort, doch Geist bleibt leer – und hört nicht auf.

Die höchsten Freuden, geistgeboren, sind ihnen fremd, sie bleiben stumm, ihr Leben, äußerlich erkoren, dreht sich im engen Kreise um.

Und ohne Bewegung, Tag für Tag, erstarrt der Körper, wird zur Last, denn Leben ist, wie Aristoteles sag’, Bewegung – die uns atmen lasst.

Das Herz schlägt unermüdlich fort, die Lunge pumpt wie Dampfmaschine, der Darm bewegt sich Ort für Ort, und Drüsen arbeiten wie Bienen.

Doch fehlt die äuß’re Regung dann, wie’s vielen Menschen heut’ geschieht, entsteht ein Missverhältnis, Bann, der Körper schreit – doch niemand sieht.

Denn innre Bewegung sucht im Außen ein Gleichgewicht, ein Gegenstück, und fehlt es, wird der Körper brausen und findet nicht mehr leicht zurück.

Schon staunenswert, wie Schopenhauer im Jahr 1851 schon sah, was heut’ die Ärzte, Jahr für Jahr, in Büchern predigen mit Power.

Er wusste, dass die Bewegung lebt, dass alles pulst, dass alles kreist, dass selbst das Herz, das unermüdlich schlägt, den Körper durch die Stunden reißt.

Wie sehr das Glück vom Heitersein, vom Gesundheitszustand abhängt, wie Schmerz die Seele macht so klein, wie Krankheit selbst den Geist bedrängt.

Nicht was die Dinge wirklich sind, doch was sie für uns innen scheinen, macht froh den Mann, macht froh das Kind – so lehrt Epiktet in seinen Reimen.

Neun Zehntel Glück – so sagt er klar – entstammen nur der Körperkraft, und ohne sie bleibt jedes Jahr ein müder Gang, ein schwerer Schaft.

Drum fragt man stets: „Wie geht es dir?“ und wünscht einander Wohlbefinden, denn dieses ist – das zeigt sich hier – der Grundstein, den wir alle finden.

Und größte Torheit wär’ es dann, die Gesundheit aufzuopfern bloß für Reichtum, Ruhm, für irgendein’ Mann, für Lust, die flüchtig, klein und groß.

Ich las dies alles, still bewegt, und dachte: Wie erstaunlich klar er schon vor hundert Jahren legt, was heut’ noch Wahrheit, ewig wahr.

Dann sah ich im Computerschach, dass einer namens Andreas Lüttke meint, er könne meine Studie – ach – widerlegen, die so tief erscheint.

Die zweite, die im Glarean stand, mit Schlüsselzug 1. Sc1!, ein Dschungelzug im Endspiel-Land, den heut’ kein Rechner fassen kann.

Dass nach 1.Sxf7 Remis sei – das kann man heut’ noch nicht beweisen, zu groß der Variantenbrei, zu tief die Linien, die sich kreisen.

Drum lass ich’s sein, verschwende nicht die Zeit an solche Kleinkriegsschritte, die Zukunft bringt das wahre Licht, wenn stärk’re Engines ziehn in Mitte.

Fast neunzehn Uhr – ich habe frei, die Yogagruppe ruht bis später, erst am 21. April dabei, so lese ich im Büchlein weiter.

Schopenhauer sieht schwarz und weiß, wenn’s um Geselligkeit nur geht, die „Dummen“ seien’s – so sein Fleiß –, die in Gesellschaft stets verweht.

Und schlimmer noch – auf Seite Sieben und Dreißig steht ein Satz so roh, dass man ihn kaum ertragen kann, ein Satz, der schmerzt und macht nicht froh.

Er schreibt von „Negern“ – voller Hohn, ein Bild, das heute klar verfehlt, ein Satz, der zeigt, wie selbst ein Thron des Geistes oft im Dunkel wählt.

Ich frag mich still: War er Rassist? Die Antwort liegt im Zeitgeflecht, doch klar ist, dass sein Denken ist nicht frei von Irrtum, nicht gerecht.

Doch manches trifft er wiederum mit scharfem Blick, mit klarem Sinn: Dass innre Leere, dumpf und stumm, die Menschen treibt zur Flucht dahin –

zu Luxus, Lärm, zu Zeitvertreib, zu Zerstreuung, die nichts nährt, zu Dingen, die den Geist vertreib’n, weil innen nichts als Leere zehrt.

Pascal sah dies schon lang zuvor, in seinen Pensées, tief und schwer, dass Flucht vor sich – ein altes Tor – den Menschen treibt im Kreis umher.

Und Schopenhauer sagt sodann: Der geistreich’ Mensch sucht Schmerzlosigkeit, ein stilles Leben, frei vom Bann der lauten, rohen Menschlichkeit.

Nietzsche, der sonst so gern verkehrt, der sprach im Zarathustra auch von Einsamkeit, die ihn ernährt, obwohl er selbst nach Menschen braucht.

Und heut’ die Forschung zeigt sogar, dass viele Genies – Newton, Freud, Mozart, Einstein – sonderbar in Asperger-Strukturen heut’.

Dass Ungleichgewicht im Gehirn den Drang zu Systematik nährt, dass manche deshalb tiefer spür’n, wo andres Denken sich verwehrt.

„Je mehr man an sich selber hat, desto weniger braucht man von außen“, so sagt er – und in seiner Art kann dieser Satz die Seele saufen.

Doch wiederholt er oft und viel, als wollt’ er seine Einsamkeit rechtfertigen – ein eig’nes Spiel, ein Kreis, der sich im Denken dreht.

Doch wahr bleibt auch: In Einsamkeit zeigt sich, was einer wirklich ist, der Tropf verzweifelt im Geleit, der Geistbegabte dichtet, frisst

die öde Welt mit Fantasie, belebt sie mit Gedankenflügen, wo andre stöhnen, finden nie ein Bild, das sie nach innen wiegen.

Doch Schopenhauer sieht nicht ein, wie schwer das Leben vieler ist, die abends müde, arm und klein vor Arbeit kaum noch lesen, frisst

die Müdigkeit die letzte Kraft, die Nadia oft im Alltag spürt, wenn sie nach Arbeit, schwer geschafft, im Bett beim Lesen sanft berührt

vom Schlaf, der sie hinüberzieht, weil Kraft und Zeit so knapp bemessen, weil Arbeit täglich niederzieht und Geist und Muße leicht vergessen.

Ein Grundeinkommen – wär es da –, könnt’ vielen Menschen Flügel geben, die heute nur in Mühsal sah’n ein kleines Stück vom eignen Leben.

Denn Chancen sind nicht gleich verteilt, die Schule trennt schon früh die Wege, wer arm ist, bleibt oft eingeseilt, und Bildung wird zur schweren Plage.

Schopenhauer sah dies nicht ein, denn er war selbst privilegiert, drum blieb sein Blick oft viel zu klein, wo Armut ganze Welten ziert.

Doch einen Satz trifft er erneut: „Die gewöhnlichen Leute sind nur drauf bedacht, die Zeit zu scheu’n, sie totzuschlagen – wie ein Kind.“

Denn wer kein inneres Feuer trägt, kein Talent, das ihn erfüllt, der sucht Zerstreuung, die bewegt, weil innen nichts die Leere stillt.

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3. Teil – Erinnerungen. 

Furtwänglergarten und die Frage nach echter Kunst

Im Furtwänglergarten sitz’ ich still, im Schatten, fern der grellen Glut, die heut’ den ganzen Himmel füll’, ein Tag von blendend weißer Flut.

Die Baugerüste ragen hoch, bis an die Kuppel, schwer und laut, und fremde Stimmen, rau und doch vertraut im Lärm, sind kaum vertraut.

So viel hat sich hier umgewandt, doch leider nicht zum Guten hin, der Garten, einst ein stilles Land, verlor sein innres Gleichgewicht, sein Sinn.

Die Sträucher, die einst Schutz gewährten, die Blicke dämpften, Raum verliehn, wurden entfernt – und nun entehrten die Massen, was einst still erschien.

Die Festspielgäste, reich und kühl, bestimmen nun das Stadtprofil, ihr Geld, ihr Glanz, ihr lauter Stil verdrängt das Leise, das Gefühl.

Zigarettenstummel liegen im Rasen, der kaum Bänke trägt, die Sträucher fehlen – nichts kann wiegen den Lärm, der durch die Gassen fegt.

Das Unigebäude, einst vertraut, wurde zum Glas-Kaffee gemacht, ein moderner Klotz, der kalt und laut die alte Form zunichte macht.

Die Stadt wirkt gläsern, hart und klar, der Mensch wird gläsern, durchsichtig, klein, die Jugend starrt aufs Handy – wahr –, als wär’ es Trost und Sonnenschein.

Doch immer noch, wie eh und je, klappert ein Hufeisen vorbei, die Tauben warten auf ihr Weh und hoffen auf ein Bröserl - Brei.

Pensionisten sitzen still im Schatten, kühl und leicht benommen, doch Studenten – wie ich’s will – sieht man kaum mehr hierher kommen.

Die Grünflächen, quadratisch streng, wirken steril, fast seelenlos, die Stadt wirkt glatt, die Welt wird eng, und alles wirkt so maßlos groß.

Ich glaub zwar nicht an Sternenzeit, doch scheint das Wassermannzeitalter voll Kälte, Licht und Durchsichtigkeit, ein Zeitalter, das wirkt viel alter.

Glänzende Menschen, glänzend leer, Gebäude, Schuhe, alles Licht, doch Wärme spürt man kaum noch mehr, die Welt verliert ihr Angesicht.

Am Morgen war ich früh erwacht, noch vor der Nadia, selten so, wir tranken Kaffee, leis’ und sacht, der Tag begann in stillem Floh.

Ich sah ein Foto – August ’91 –, mit Anna Maria, die nicht mehr lebt, der Brustkrebs nahm – ein stiller Kranz, der tief in meiner Seele bebt.

Und witzig war’s: Wir waren gestern im gleichen China-Restaurant, die gleichen Speisen, wie die gestern vor achtzehn Jahren – sonderbar.

Der weiße Löffel in der Soße, genau am gleichen Platz wie einst, die Spiegel, Vorhänge, die große rote Bank – als wär’s vereint.

Ich dachte immer, Kochen sei ein Kunstwerk, frei und voller Schwung, doch hier ist’s Schema – einerlei –, seit Jahrzehnten gleich, nicht jung.

Kunst ist für mich Spontanität, Einfall, Mut, ein neuer Klang, doch Salzburg lebt von Wiederholtheit, vom ewig gleichen Festspielgang.

Man konsumiert den Mozart fort, man spielt den Jedermann wie Pflicht, man malt die Stadt an jedem Ort, doch Neues – das entsteht hier nicht.

Die Straßenmaler – gute Hände, geübt, präzise, jahrelang –, doch malen sie für Touristenspenden, nicht für den innern Kunstverlang.

Sie malen Festung, Dom und Fluss, die Berge, Häuser, immer gleich, ein tausendfaches Pflichtgenuss, doch selten kühn, selten reich.

Wie einst die Maler Fürsten dienten, so dienen sie den Gästen heut’, und selten sieht man, dass sie mühten sich um ein Werk, das wirklich freut.

In der UB – ich sitze hier und schreibe diese Zeilen nieder, doch Schriftsteller? Die sieht man schier nicht mehr – nur Leser, keine Lieder.

Man liest, man lernt, man schreibt Notizen, doch niemand wagt ein eignes Wort, kein Funke, der beginnt zu blitzen, kein neuer Klang, kein neuer Ort.

Salzburg konsumiert die Kunst, doch schafft sie selten selbst hervor, sie lebt von alter Überkunst, vom ewig gleichen Wiederchor.

Ich lese weiter Schopenhauer: „Die freie Muße ist die Frucht des Lebens“ – ja, sie gibt die Dauer, die uns nach innen Frieden sucht.

Doch vielen bringt die freie Zeit nur Langeweile, dumpfen Sinn, weil ihnen fehlt die Innigkeit, die schöpferisch beginnt darin.

Und ja – er konnte leicht so reden, denn er war reich, von Kindheit an, und sah nicht jene schweren Fäden, die Armut webt im Lebensplan.

Die meisten kommen müde heim, nach Arbeit, schwer und ohne Kraft, und schlafen über Büchern ein, weil Müdigkeit die Seele schafft.

Ein Grundeinkommen – wär es da –, könnt’ vielen Menschen Flügel geben, die heute nur im Mühsal sah’n ein kleines Stück vom eignen Leben.

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4. Teil

Mittwoch, 8. April, 14:19 – Furtwänglergarten und die Nachteile des Christentums

Auf Seite Vierzig steht ein Wort, das Schopenhauer dort zitiert, von Goldsmith, schlicht und ohne Ort, doch tief, weil’s uns zum Kern geführt:

„Nur auf uns selbst sind wir gestellt, zu jeder Zeit, an jedem Ort; drum such das Glück in deiner Welt, denn nur du selbst trägst es hinfort.“

Und weiter schreibt er, ernst und leis’, dass im Alter vieles schwindet, dass Liebe, Scherz und Reiselust verblassen, wenn die Kraft sich mindet.

Dann zählt allein, was einer hat in sich – das bleibt am längsten treu, wenn Freunde sterben, Jahr um Jahr, und selbst Verwandtschaft fällt entzwei.

So lief mein Vormittag dahin: Mit Nadia stand ich früh schon auf, wir gingen zu Paul Blümel hin, begannen unsren Tageslauf.

Beim Billa kaufte ich sodann drei Wasser, drei Multivitamine, ein Wagerl gab sie mir – voran –, damit ich alles gut verdiene.

Ich wechselte die Lampen dort im ersten Stock, putzt’ die Terrasse, spritzte mit wenig Druck hinfort das Wasser, das in Rinnen fasse.

Die Nadia bürstete den Rest, ich holte Fisch bei Nordsee dann, ein „Wikinger“ – wie sie’s gern isst –, und brachte’s ihr, so wie ich kann.

Sie ging zum Reza Tavakoli, ihn zu pflegen, zu massieren, wie sie’s tut, ich putzte weiter still die Wegen, die Stiege, Flure – alles gut.

Dann ging ich mit dem Wasser noch ein wenig in den Unigarten, das Licht war hell, fast blendend hoch, ein Tag, der kaum konnt’ schöner starten.

Nach halber Stunde ging ich dann zur UB, schrieb noch Aphorismen, und dachte über Schopenhauer an, wie seine Worte weiter flimmern.

Nun ist es vier – ich werde bald noch schwimmen gehen, mich bewegen, und später dann, wie’s mir gefällt, für Hans -Peter Lacher die Stunde pflegen.

Draußen ist’s schön – und schade sehr, dass man die wenigen hellen Tage in steriler Uniluft verwehrt, statt draußen lebt... - keine Frage!

Die Nadia liest mir grad’ was vor aus der Krone, über „Jubel, Sturz“, von Jesus, der erst hoch empor, dann ans Kreuz genagelt – alter Furz.

Mir missfällt dieser Artikel sehr, zu katholisch, schwer und ohne Licht, die Auferstehung – immer mehr ein Märchen, das die Wahrheit bricht.

Sie schält den Knoblauch, ruhig und klar, ich sag ihr: „Lass mich lieber denken, als diese Litanei, die Jahr für Jahr die Menschen will verrenken.“

Das Christentum verdrängt den Tod, als wär’ er Feind, als wär’ er Schreck, doch früher war er ohne Not ein Teil des Lebens – schlicht und keck.

Erst Christen machten ihn zur Pein, zum Feind, den man nicht sehen darf, sie wollten ihn besiegt nur sein, doch Wahrheit bleibt: Er kommt – und scharf.

Wir alle sterben, jeder Mann, jede Frau, und jedes Leben geht irgendwann zur Stille dann, und nichts kann diesen Lauf verweben.

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5. Teil  Arthur Schopenhauer und der Gedanke an den Tod

Nadia liest – es ist schon spät –, aus Schopenhauer, Seite zweiundzwanzig, wo er vom dumpfen Leben red’t, vom Alltag, eng und unerfreulich.

Er schreibt, dass viele Menschen nur in Kleinlichkeiten sich verlieren, dass ihr Bestreben, ihre Spur sich stets um Wohl und Sorgen drehen.

Und fällt die Arbeit plötzlich fort, die sie in Atem hält und bindet, so stürzt ihr Geist an jenen Ort, wo Langeweile sie empfindet.

Nur Leidenschaft, so sagt er dann, kann Feuer in die Masse bringen, ein wildes, ungezähmtes Bann, das kurz die dumpfen Stunden schwingen.

Er preist die Muße, still und rein, als höchstes Gut, das man besitzt, doch nur, wenn man im Innern sein die Kraft zur Geistesarbeit stützt.

Doch Schopenhauer sagt zugleich: Der „normale Mensch“ sei angewiesen auf äuß’re Dinge – arm und reich –, auf Rang, Besitz, auf Liebeswiesen.

Und fällt dies alles ihm einmal, so fällt sein Lebensglück in Stücke, sein Schwerpunkt liegt im Außen, schal, und bricht, wenn’s Schicksal ihn entrücke.

Drum kauft er Häuser, Pferde, Feste, reist, sucht Zerstreuung, Luxus, Glanz, weil er im Außen sucht das Beste, und innen bleibt ein leerer Kranz.

Daneben stellt er einen Mann, der etwas mehr an Geist besitzt, der Kunst betreibt, so gut er kann, der Wissenschaften still durchblitzt.

Doch Dilettant bleibt Dilettant, und Wissenschaft bleibt nur die Form, sie füllt nicht ganz des Menschen Rand, sie wärmt nicht tief, sie bleibt nur Norm.

Erst wer im Innern Reichtum trägt, der braucht von außen wenig mehr, sein Geist ist’s, der die Welt bewegt, sein Denken macht die Räume schwer.

Wahrer Reichtum“, sagt er klar, „ist nur der innre Reichtum, Seele.“ Und Glück besteht – wie’s immer war – in Muße, die nicht laut sich quäle.

Sokrates pries sie als Besitz, den schönsten, den ein Mensch nur habe, und Schopenhauer setzt den Sitz des Glücks in diese stille Gabe.

Ein innerlich Begabter braucht nur freie Zeit, nur freie Stunden, um das zu leben, was er taugt, um seinen Kern in sich zu finden.

Doch freie Muße ist dem Mann, der Not gehorcht, kaum je gegeben, denn seine Pflicht ruft ihn heran, zu arbeiten, zu tragen Leben.

Und wenn er endlich frei mal wär’, so wird die Muße ihm zur Last, weil innen nichts ist, leer und schwer, und Langeweile ihn erfasst.

Der Mensch sei nicht auf Erden bloß, um glücklich oder brav zu sein, er sei hier um Großes zu bewirken...

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6. Teil – Schwimmen, Spott

Ich wollte nochmals schwimmen gehn, ein paar Runden, leicht und frei, doch sah den Mario schon stehn, wie er sich über’s Geländer beugt dabei.

Er rauchte wieder, spuckte dann in den Rasen, achtlos, roh, und hübschen Mädchen trug er dann die Liegen runter – ach, wieso?

Ich wollte Yoga still beginnen, den Kopfstand, wie ich’s täglich tu’, doch Mario sah mir zu – von innen verlor ich plötzlich meine Ruh’.

Er machte’s nach, doch falsch, verspielt, so wie die Kinder’s gerne machen, und ging dann fort, und laut gefühlt sprach er zu einer Frau mit Lachen:

Er kann es besser – ich hab’ nicht die Zeit, das so zu lernen, nein.

Ich tat es nicht aus Angeblicht, nicht, um zu glänzen, groß zu sein.

Er merkte nicht, wie sehr es stört, wenn einer so daneben steht, wie sehr es meine Freude zerstört, wenn Spott im Raum die Luft verdreht.

Ich machte Schulterstand und Pflug, doch da kam wieder sein Gelächter, ein Witz so ordinär, so klug in seiner Rohheit – nichts war schlechter:

Jetzt kannst du dir dein Zipferl in den Mund hineinstecken.“ Ein Satz, so plump, so ohne Stil, ließ meine Seele tief erschrecken.

Ich brach sofort die Übung ab, verließ das Bad, ging ohne Gruß, denn solcher Spott macht müde, schlaff, und nimmt dem Geist den innern Fluss.

Ich dachte an die alten Zeiten, als ich in Siezenheim im Gras die liegende Drehung tat – und Leuten nur einfiel: „Schau, da liegt ein Toter, was?“

Im Furtwänglergarten einst, als noch Privatsphäre war, machte ich die Vorwärtsbeuge, da rief ein Alter sonderbar:

Der hat wohl Krampf!“ – so laut, so leer, als wär’ ich Schauspiel, nicht ein Mensch, als wär’ mein Üben nichts mehr wert, nur Anlass für ein Spottgeschenk.

Im Mirabell, am Rosenhügel, stand ich im Kopfstand, ruhig, klar, da fragte einer im Trachtenflügel: „Platzt da nicht eine Ader gar?

Ich lachte damals – müde schon, denn solcher Humor ist plump und schwer, doch heute spür’ ich’s wie ein Ton, der immer wiederkehrt und zehrt.

Ich kenne Mario nun ganz gut, sein Licht, sein Schatten, seine Art: Er hat Gefühl, er hat auch Mut, er lässt die Kinder springen zart.

Doch liest er nie, denkt selten weit, interessiert sich nur für Frauen, und sucht in ihnen jederzeit ein Publikum, das ihn will schauen.

Daheim – das Telefon erklingt, eine Frau aus Bad Meinberg spricht, vom Yoga-Vidya-Verein, der bringt mir eine Nachricht, schwer und schlicht.

Frau Teichmann habe angefragt, ob Krankenkassen rückerstatten, doch fehle mir – so ward gesagt – die Grundqualifikation in Schatten.

Ich sagte ihr, dass ich seit Jahren Anatomie studiert hab’, frei, dass ich die Ausbildung erfahren mit „Sehr gut“ – alles war dabei.

Doch zählt das nicht – so scheint es nun –, die Kassen wollen Titel sehen, nicht Wissen, das durch Arbeit, Tun und echte Praxis ist geschehen.

Es machte mich so wütend, klar, dass all die Jahre, all die Mühen nicht reichen sollen – sonderbar –, um Menschen Rückerstattung zu blühen.

Doch sie verstand’s, wir trennten sacht uns freundlich, wünschten frohe Ostern, und legten auf – der Tag war Nacht, doch innerlich begann’s zu rostern.

Ich dachte wieder an Van Gogh, sein Leben kurz, sein Weg so schwer, er scheiterte an jedem Loch, doch liebte Kunst und litt noch mehr.

Zu Lebzeiten verkannt, verlacht, ein Fremder in der eignen Welt, doch nach dem Tod – welch späte Macht –, ein Stern, der ewig weiterhellt.

Wie viele Geister, groß und rein, erkennt man erst, wenn sie vergehen, und lässt sie zu Lebzeiten allein, weil man ihr Feuer nicht versteht im Wehen.


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Neues Kapitel - Aufzeichnungen über das Leben von Vincent van Gogh

Sonderteil

7. Teil – Vincent van Gogh: Kindheit, Jugend, Krise 

(Beschreibung seiner Lebensgeschichte in Versen)

Vincent van Gogh, ein stiller Geist, geboren 1853, in Groot-Zundert, wo sanft und leis’ die Felder wehn im Morgenlicht.

Der Vater Pastor, streng und mild, die Mutter Tochter eines Manns, der Hofbuchbinder war – ein Bild von Ordnung, Pflicht und Lebensglanz.

Sechs Kinder wuchsen dort heran, Vincent der erste, ernst und still, und Theo, der als Bruder dann sein tiefster Halt im Leben will.

Er ging zur Dorfschule, schlicht und klein, von 1861 bis vierundsechzig, dann kam das Internat hinein, in Zevenbergen – streng, berichtig.

Er lernte Sprachen, zeichnete viel, versuchte früh die ersten Linien, ein stiller, innerlicher Stil, ein Suchen nach den Melodien.

Dann Tilburg – König Wilhelm II., doch brach er ab, kehrte zurück, die Gründe bleiben ungezählt, doch spürte er schon frühes Unglück.

1869 begann er dann bei Goupil & Cie im Haag zu lernen, sein Onkel half – ein guter Mann –, und öffnete ihm Kunstlaternen.

Er sah Gemälde, Druck und Bild, die Schule von Barbizon, die Haager Meister – ernst und mild –, und sog die Kunst wie Atem schon.

Er las viel, ging in Museen oft, sein Geist begann sich auszubreiten, doch blieb sein Herz noch unverkopft, ein junger Mann in frühen Zeiten.

1873 kam London dann, er zog in Ursulas Pension, verliebte sich – ein stiller Bann –, in Eugenie, voll Illusion.

Doch sie war längst verlobt, versteckt, und wies ihn ab, so hart, so klar, sein Herz zerbrach, sein Geist erschreckt, und stürzte in ein dunkles Jahr.

Die Ablehnung, so tief, so schwer, warf ihn in eine Lebenskrise, er suchte Liebe – fand sie nicht mehr, und irrte durch die Seelenwiese.

So ging sein Weg, von Schmerz durchdrungen, von Sehnsucht, die kein Echo fand, von frühen Wunden, unbesungen, die später seine Bilder brandt.

Denn jedes Bild, das er erschuf, trägt dieses frühe Leid im Kern, sein Leben war ein schwerer Ruf, doch seine Kunst – ein ferner Stern.

8. Teil – Vincent van Gogh: Einsamkeit, Scheitern, Berufung – und der lange Weg nach Borinage

Im November kam der Theo dann nach Haag zur Firma Goupil hin, der Bruder, der als einz’ger Mann sein Leben lang Vincents Gewinn.

1874, im Sommerlicht, verbrachte Vincent Wochen still bei seinen Eltern – doch Gewicht lag schwer auf ihm, weil Liebe will.

Er sprach von Eugenie, der Wunde, die tief in seinem Herzen lag, die Ablehnung, die Stunde um Stunde ihn niederdrückte jeden Tag.

Theo verschwieg er dieses Leid, doch Anna reiste mit ihm fort, zurück nach London – Einsamkeit war dort sein ständiger Begleitort.

Er las viel Bibel, Tag und Nacht, übersetzte still in fremde Sprachen, sein Herz war wund, sein Geist entfacht, doch Arbeit konnt’ ihn kaum mehr tragen.

Oktober dann nach Paris versetzt, um ihn vom Schmerz hinwegzuführen, doch blieb sein Inneres verletzt, kein Ortswechsel konnt’ ihn berühren.

So kehrte er zum Jahresende nach London wieder still zurück, doch blieb sein Geist in tiefer Wende, sein Leben ohne äuß’res Glück.

1875, im Mai sodann, kam er erneut nach Paris’ Mitte, doch auch dort blieb er ein fremder Mann, verlor in Arbeit jede Bitte.

Er las die Bibel voller Glut, besuchte Museen, suchte Licht, Camille Corot tat seiner Blut- und Seelenfarbe tief Gewicht.

Die Meister aus dem siebzehnten Jahrhundert – Hollands große Schar – sie ließen ihn in Bildern sehn, was später seine Wahrheit war.

Zu Weihnachten fuhr er nach Etten, doch ohne Urlaub – eigenwillig, sein Vater wurde dort versetzt, ein Pfarrer, streng und bürgerwillig.

1876, im April, übernahm Boussod die Firma, und Vincent, der nicht bleiben will, kündigt – sein Herz war längst schon ferner.

Er ging nach Ramsgate, unterrichtet als Hilfslehrer für wenig Lohn, nur Kost und Logis – nichts verpflichtet, doch blieb sein Leben ohne Ton.

Als Stokes die Schule dann verlegt, zog Vincent mit nach Isleworth, ein Arbeiterviertel, hart bewegt, ein Ort von Armut, wenig Wert.

Er predigte bei Reverend Jones, hielt seine erste Predigt heilig, sein Herz schlug laut in diesen Tones, er fühlte sich berufen – eilig.

Er sah in Kunst und Glauben Licht, besuchte Hampton Court mit Glut, wo Holbein, Rembrandt, Renaissance ihm Nahrung gaben, Kraft und Mut.

Doch Weihnachten in Etten dann erschreckte Eltern tief und schwer, sein Körper schwach, sein Geist zerrann, sie baten ihn: „Komm nicht zurück, bleib hier.“

1877, im Januar, fand er in Dordrecht eine Stelle, als Buchhandelsgehilfe war sein Leben ruhig – doch nicht helle.

Er wohnte bei der Rijkens-Familie, sein einz’ger Freund: der Lehrer Görlitz, doch blieb er einsam, ohne Milie, besuchte Kirchen, suchte Stütz’.

Er übersetzte Bibelworte, besuchte Museen, zeichnete viel, doch blieb sein Herz an dunklem Orte, sein Leben ohne klares Ziel.

Mai dann: Er überzeugt den Vater, dass seine Berufung religiös, und reist nach Amsterdam – nicht später –, um Theologie zu lernen, ernst und böse.

Er wohnte bei dem Onkel dort, dem Kommandanten der Marine, und lernte Latein, Griechisch – fort mit Mühe, schwer, in harter Schiene.

Er zeichnete, besuchte Museen, doch fiel ihm jedes Studium schwer, er konnte nicht im Gleichmaß gehen, sein Geist war wild, sein Herz zu sehr.

Er unterrichtete Sonntagsschulen, doch gab es bald schon wieder auf, denn er wollt’ nicht in Regeln wühlen, sein Weg war anders – harter Lauf.

1878, im Juli dann, kehrte er nach Etten wieder, fuhr mit dem Vater, Jones – dem Mann, nach Brüssel, suchte neue Lieder.

Er wollte Evangelist nun werden, Laienprediger im armen Land, doch fiel er durch – wie oft auf Erden –, die Prüfung hielt ihn nicht im Stand.

Er kehrte heim, doch suchte weiter nach einem Weg, der ihm gehört, sein Herz war arm, sein Geist war breiter, sein Leben tief, doch ungestört.

Dezember dann – er ging nach Borinage, ins Kohlenrevier, hart und schwer, wo Armut herrscht in jeder Etage, wo Menschen leben ohne Wehr.

Er lebte selbst in größter Not, teilte das Brot mit Kranken, Armen, las ihnen Bibelworte, bot sein Herz, sein Feuer, sein Erbarmen.

9. Teil – Borinage, Krise, Berufung – und der erste Schritt zum Künstler

1879, im Januar, durfte Vincent – endlich, frei – als Laienprediger sogar nach Wasmes in die Borinage zieh’n herbei.

Er wohnte in ’ner Baracke bloß, schlief auf Stroh, wie Bergleut’ leben, teilte Armut – grenzenlos –, gab alles hin, um Trost zu geben.

Er stieg hinab in dunkle Schacht, besuchte Kranke, half den Schwachen, bei Explosionen in der Nacht pflegte er Wunden, half beim Wachen.

Doch sein Eifer, heiß und wild, erschreckte seine Vorgesetzten, sie fanden ihn zu ungestillt, zu fanatisch in den letzten Monaten, die er dort verbracht – und sagten, er sei „rhetorisch schwach“. So wurde ihm, nach harter Nacht, der Auftrag nicht verlängert – ach.

August – er ging zu Fuß nach Brüssel, um Rat zu holen, arm und leer, bei Pastor Pieterseen, der Schüssel zu manchem Trost – doch half nicht sehr.

Er zeigte ihm die Skizzen dort von Bergleuten, die er gezeichnet, und kehrte dann – aus eignem Wort – nach Cuesmes zurück, vom Mut erleuchtet.

Er lebte ohne Lohn, in Not, doch half den Armen Tag für Tag, las Dickens, Hugo, Shakespeare – Brot für Geist und Herz, das schwerer lag.

Er zeichnete die Bergleut’ viel, ihr hartes Leben, ihre Last, und spürte tief im eignen Ziel die Kunst, die in ihm Wurzeln fasst.

Doch war dies Zeit der tiefsten Krisen, der Zweifel, die sein Herz durchdrangen, er brach den Briefkontakt – aus diesen Verzweiflungen – mit Theo, bangen.

1880, Anfang des Jahrs, ging er zu Fuß, ganz ohne Geld, siebzig Kilometer – wahr’s –, bis Courrières, wo Berton stellt sein Haus – doch Vincent, arm gekleidet, wagte nicht, hineinzugehen, sein Mut war klein, sein Herz zerbreitet, er blieb nur draußen still zu stehen.

Er sah die Weberdörfer dort, die Armut, die ihn tief berührte, und wanderte dann weiter fort, bis neue Sehnsucht ihn verführte.

Juli – er schrieb dem Theo wieder, der nun in Paris Goupil vertrat, und Theo schickte Monat für Monat nieder Geld, das Vincent zum Leben hat.

So wurde Theo – bis zum Ende – sein einz’ger Halt, sein Lebensgrund, sein Bruder, Freund, die stärkste Wende, sein Herz, sein Ohr, sein tiefster Bund.

Vincent schrieb von Ungewissheit, schwer, von seinem Weg, der unentschieden, von seinem Drang nach „mehr und mehr“, nach Kunst, nach Wahrheit, nach dem Frieden.

August–September – er entschied sich nun endgültig für die Kunst, zeichnete Bergleute im Lied der Linien, voller Lebensbrunst.

Theo schickte ihm Reproduktionen von Millet – dem großen Mann –, und Vincent kopierte die Visionen, die ihn zur Kunst hin führen kann.

Oktober – er ging nach Brüssel hin, studierte Perspektiv und Knochen, denn wer ein Künstler werden will, muss lernen, wie die Formen kochen.

Er bewunderte Daumier, Millet, die großen Meister, ernst und klar, und lernte viel – doch tat’s ihm weh, wie schwer der Anfang immer war.

Im November traf er dann den Maler van Rappard, jung und frei, sie wurden Freunde, Mann zu Mann, und arbeiteten oft dabei.

Bis April 1881 blieb er dort, in Brüssel, lernend, suchend, still, sein Herz zog weiter – fort und fort –, weil Kunst ihn rief, wohin sie will.

1881, im April, fuhr er nach Etten, Theo zu sehen, sprach über Zukunft, über Ziel, und blieb dort, um hinauszugehen in Felder, Wälder, Landschaftslicht, zu zeichnen, was die Welt ihm gab, Gesichter, Bäume, schlicht und schlicht, die Natur, die ihn im Innern labt.

Als Rappard kam für zwei Wochen, wanderten sie, sprachen viel, über Kunst, die ungebrochen in beiden brannte – tiefes Ziel.

Sommer – Kee, die junge Witwe, kam mit ihrem Sohn nach Etten hin, Vincent liebte sie – doch Mitte ihres Herzens war im Sinn noch ganz beim toten Mann, verloren, sie wies ihn ab, ging früh zurück, und Vincent, tief im Schmerz geboren, suchte in Amsterdam sein Glück.

Er wollte sie erneut befragen, doch sie empfing ihn nicht einmal, und um den Eltern Ernst zu sagen, hielt er die Hand in Kerzens Strahl.

Die linke – damit seine Rechte zum Malen unversehrt noch blieb –, doch war dies eine jener Nächte, in denen Schmerz sein Herz betrieb.

November–Dezember – er stritt mit seinem Vater, hart und schwer, über Kee, über Glaubensschritt, über das Leben – hin und her.

Zu Weihnachten kam’s zum Zerwürfnis, so tief, dass Vincent fort dann ging, mit Selbstmordgedanken, voller Finsternis, und ohne Geld, ohne irgendwen.

1882, im Januar, zog er nach Den Haag, Mauve nah, der ihn im Malen unterwies, doch bald schon kühl und kritisch war.

Er lernte Sien, die Prostituierte, die schwanger war, im Elend stand, er half ihr, half der kleinen Blüte ihrer Tochter – gab, was er nur fand.

Er lebte mit ihr, trotz aller Mahner, trotz Familie, Freunden, Pflicht, doch war sein Herz ein stiller Mahner, der Liebe suchte – fand sie nicht.

Er zeichnete viel, mit Breitner gar, in Armenvierteln, dunklen Gassen, und Onkel Cornelis – selten wahr – gab ihm den Auftrag, Stadt zu fassen.

Juni – er lag im Krankenhaus, Gonorrhöe – drei Wochen lang, der Vater kam, Teersteg nach Haus, doch blieb sein Leben voller Drang.

Er wollte Sien zur Frau nun nehmen, doch alle waren dagegen sehr, er brachte sie nach Leiden – Tränen –, und suchte Wohnung – schwer und schwer.

Sommer – er kehrte zu Mauve zurück, entdeckte Öl, entdeckte Farbe, die Saat der Studien – Stück für Stück –, die Ernte später – große Gabe.

Delacroix, Millet, Israels, Monticelli, Puvis de Chavannes – sie alle wurden seine Quellen, sein innerer, künstlerischer Bann.

Herbst – er blieb in Den Haag sodann, bis Sommer ’83, malte viel, zeichnete Alte, Kinder, Mann, und Sien mit Kind – sein frühes Ziel.

Er lernte van der Weele kennen, malte Dünen, las viel weiter, Harpers Weekly, Graphic – rennen durch die Welt, sein Geist wird breiter.

10. Teil – Vincent van Gogh: London, Paris, Einsamkeit – und der Weg in die Borinage

1873, im Januar schon, wird Theo – jung, begabt, bereit – nach Brüssel in die Filiale von Goupil versetzt, zur Händlerzeit.

Im Mai dann zieht auch Vincent fort, nach London, in die große Stadt, doch vorher sieht er Eltern dort, und Paris, das ihn verzaubert hat.

Der Louvre, Museen, Bilderfluten, sie prägen ihn, sie öffnen Türen, doch bald in London – schweren Mutten – beginnt sein Herz zu rebellieren.

Er wohnt bei Ursula Loyer still, verliebt sich in die Tochter – heiß –, doch Eugenie, die nicht will, weist ihn zurück, und kalt wie Eis.

Die Ablehnung, so hart, so klar, stürzt ihn in tiefe Seelenkrisen, sein Herz wird wund, sein Blick wird starr, sein Leben droht sich zu verfransen.

Im November kommt dann Theo nach Haag – die Brüder, eng verwandt, doch Vincent bleibt in London, wo sein Herz im Schmerz gefangen stand.

1874, im Sommerlicht, vertraut er Eltern sein Leid an, doch Theo weiß davon noch nicht, er schweigt – ein stiller, stolzer Mann.

Mit Anna reist er dann zurück, nimmt eine neue Wohnung ein, lebt einsam, ohne Lebensglück, und gräbt sich in die Bibel ein.

Er übersetzt, er liest, er ringt, sein Geist sucht Halt in Gottes Wort, doch nichts, was er nach außen bringt, führt ihn aus seinem Dunkel fort.

Im Herbst versetzt man ihn nach Paris, um ihn vom Schmerz wegzuführen, doch bleibt sein Inneres wie ein Riss, kein Ortswechsel kann ihn berühren.

So kehrt er Ende des Jahres dann nach London wieder still zurück, ein fremder, suchender, junger Mann, der nirgendwo mehr findet Glück.

1875, im Mai sodann, kommt er erneut nach Paris’ Mitte, doch bleibt er dort ein fremder Mann, verliert die Arbeit – Schritt für Schritte.

Er liest die Bibel voller Glut, besucht Museen, sucht nach Licht, Corot erfüllt ihm Herz und Blut, die Holländer – sein Angesicht.

Zu Weihnachten fährt er nach Etten, doch ohne Urlaub – eigenwillig, sein Vater wird dort neu gesetzt, ein Pfarrer, streng und bürgerwillig.

1876, im April, übernimmt Boussod die Firma, und Vincent, der nicht bleiben will, kündigt – sein Herz war längst schon ferner.

Er geht nach Ramsgate, unterrichtet als Hilfslehrer für wenig Lohn, nur Kost und Logis – nichts verpflichtet, doch bleibt sein Leben ohne Ton.

Als Stokes die Schule dann verlegt, zieht Vincent mit nach Isleworth, ein Arbeiterviertel, hart bewegt, ein Ort von Armut, wenig Wert.

Er predigt bei Reverend Jones, hält seine erste Predigt heilig, sein Herz schlägt laut in diesen Tones, er fühlt sich berufen – eilig.

Er sieht in Kunst und Glauben Licht, besucht Hampton Court mit Glut, wo Holbein, Rembrandt, Renaissance ihm Nahrung geben, Kraft und Mut.

Doch Weihnachten in Etten dann erschreckt die Eltern tief und schwer, sein Körper schwach, sein Geist zerrann, sie bitten ihn: „Komm nicht zurück, bleib hier.“

1877, im Januar, findet er in Dordrecht eine Stelle, als Buchhandelsgehilfe war sein Leben ruhig – doch nicht helle.

Er wohnt bei Rijkens, einsam, still, sein einz’ger Freund: der Lehrer Görlitz, doch bleibt sein Herz ein Wanderwill’, sein Geist ein unruhiger Pilgerpilz.

Er übersetzt die Bibel weiter, besucht Museen, zeichnet viel, doch bleibt sein Leben schwer und breiter, sein Herz sucht weiter nach dem Ziel.

Im Mai dann überzeugt er Vater, dass seine Berufung religiös, und reist nach Amsterdam – nicht später –, um Theologie zu lernen, böse.

Doch fällt ihm jedes Studium schwer, Latein und Griechisch – harter Stein –, er ringt, er kämpft, doch immer mehr spürt er: Das kann nicht seine sein.

Er unterrichtet Sonntagsschulen, doch gibt es bald schon wieder auf, sein Herz will nicht in Regeln wühlen, sein Weg ist anders – harter Lauf.

1878, im Juli dann, kehrt er nach Etten wieder, fährt mit dem Vater, Jones – dem Mann –, nach Brüssel, sucht nach neuen Liedern.

Er will Evangelist nun werden, Laienprediger im armen Land, doch fällt er durch – wie oft auf Erden –, die Prüfung hält ihn nicht im Stand.

Er kehrt zurück, doch sucht erneut nach einem Weg, der ihm gehört, sein Herz ist arm, sein Geist ist scheut, doch innerlich von Glut betört.

Im Dezember geht er nach Borinage, ins Kohlenrevier, hart und schwer, wo Armut herrscht in jeder Etage, wo Menschen leben ohne Wehr.

Er lebt in größter Not und Kälte, besucht die Kranken, liest die Schrift, und teilt mit ihnen Brot und Welte, sein Herz – ein brennendes, stilles Gift.

1879, im Januar, darf er sechs Monate predigen dort, in Wasmes, wo das Leben schwer, wo Dunkelheit den Tag durchbohrt.

Er schläft auf Stroh, in einer Hütte, teilt Armut, Hunger, Leid und Not, und geht mit ihnen Schritt für Schritte hinab in Gruben – schwarz wie Tod.

Bei Explosionen hilft er schnell, pflegt Kranke, Wunden, bricht sein Brot, doch sein Eifer – heiß und grell – macht seine Vorgesetzten rot.

Sie sagen, er sei „unbegabt“, doch meinen sie: zu radikal, zu viel Gefühl, zu wenig habend von dem, was Kirche nennt „normal“.

Der Auftrag endet – hart und kalt –, er geht zu Fuß nach Brüssel hin, zeigt Pieterseen – Amateur, alt – seine Skizzen, seinen Sinn.

Doch kehrt er wieder – eigenwillig – nach Cuesmes zurück, ohne Lohn, lebt arm, verzweifelt, innerlich schillig, doch folgt er weiter seinem Ton.

Er liest Dickens, Hugo, Shakespeare, zeichnet Bergleute, Tag für Tag, sein Herz wird schwer, sein Geist wird wirr, sein Leben ein verzweifelter Schlag.

Er bricht den Briefkontakt mit Theo, weil dieser seinen Weg nicht sieht, doch bleibt der Bruder – wie ein Deo – der einzige, der ihn versteht im Lied.

11. Teil – Der Wendepunkt: 1880–1883 – Vom Prediger zum Künstler

1880 – Der Schritt ins Ungewisse

Zu Jahresbeginn, arm und allein, wandert Vincent siebzig Kilometer, ohne Proviant, im Winterpein, bis Courrières, wo – still wie später – der Maler Jules Breton wohnt.

Er sieht das Haus, doch wagt nicht rein, sein Aufzug schämt ihn, ungeschohnt, er bleibt davor – im Dämmersein.

Er streift durch Weberdörfer dann, sieht Armut, die ihn tief erschüttert, und spürt: Sein Weg – ein andrer Bann, sein Herz wird neu, sein Geist wird zittert.

Juli – Der Brief an Theo

Im Juli schreibt er Theo wieder, der nun in Paris Goupil vertritt, und Theo sendet Monat für Monat nieder Geld – Vincents einzig sicherer Schritt.

So wird der Bruder, treu und still, sein Lebensanker bis zum Ende, sein Ohr, sein Herz, sein guter Will’, sein einz’ger Freund in jeder Wende.

Vincent beschreibt die Ungewissheit, die ihn zerreißt, die ihn bedrückt, sein Leben ohne klare Zeit, sein Weg – verworren, ungeschmückt.

August–September – Die Entscheidung für die Kunst

Nun fasst er endlich festen Mut: Er wird Künstler, ganz und gar. Er zeichnet Bergleute, hart und gut, ihr Leben roh, ihr Blick so klar.

Theo schickt ihm Millet-Bilder, die Vincent kopiert, Strich für Strich, die Bauern, Mütter, Lastenträger – sie sprechen tief und inniglich.

Oktober – Brüssel und die Akademie

Er geht nach Brüssel, lernt dort viel: Anatomie, Perspektive, Form, denn wer ein Künstler wird zum Ziel, muss lernen, wie die Linien norm’n.

Er bewundert Daumier, Millet, die großen Meister, streng und wahr, und findet langsam seinen Weg, sein inneres, erstes Künstlerjahr.

Im November trifft er dann den Maler van Rappard, jung und frei, sie werden Freunde, Mann zu Mann, und arbeiten oft Seite bei.

Bis April 1881 bleibt er dort, in Brüssel, suchend, lernend, still, sein Herz zieht weiter – fort und fort –, weil Kunst ihn ruft, wohin sie will.

1881 – Etten, Kee, Mauve

Im April fährt er nach Etten hin, um Theo zu treffen, über Zukunft zu sprechen, er zeichnet Landschaft, Mensch und Sinn, die Natur beginnt, ihn aufzubrechen.

Rappard kommt zwei Wochen lang, sie wandern, reden über Kunst, ihr Austausch – tief, ein Doppelklang, ein frühes Band von Lebensbrunst.

Der Sommer – Kee Vos-Stricker

Dann kommt Kee, die junge Witwe, mit ihrem Sohn ins Elternhaus, Vincent verliebt sich – ohne Mitte –, sein Herz brennt heiß, er hält’s nicht aus.

Doch Kee, noch voller Trauer schwer, weist ihn zurück, geht früh nach Haus, und Vincent leidet umso mehr, sein Herz reißt auf – ein tiefer Graus.

Er reist nach Den Haag, sucht Rat, bei Teersteg, dem Förderer der Jungen, und trifft Mauve, den er so hat, der ihm den Malkasten geschenkt – gelungen.

Herbst – Die Kerzenflamme

Er fährt nach Amsterdam zurück, um Kee erneut zu sehen, doch sie empfängt ihn nicht – kein Glück –, er bleibt allein im kalten Wehen.

Um Ernst zu zeigen, hält er dann die linke Hand in Kerzenflammen, ein Akt, der nur ein Leidensmann aus tiefster Seelenqual kann stammen.

November–Dezember – Streit und Bruch

Er arbeitet bei Mauve, malt viel, doch Eltern, streng und orthodox, verstehen nicht sein Lebensziel, ihr Denken bleibt ein harter Felsblock.

Zu Weihnachten kommt’s zum Streit, so heftig, dass er fort muss gehen, mit Selbstmordgedanken, Einsamkeit, verlässt er Etten – ohne Sehen.

1882 – Den Haag, Sien, Krankheit

Er zieht nach Den Haag, Mauve nah, der ihn im Malen unterweist, doch bald wird’s kühl – wie’s immer war –, wenn Vincent nicht nach Regeln fleißt.

Er lernt Sien kennen – arm, verletzt, Prostituierte, schwanger, krank, er lebt mit ihr, sein Herz versetzt in Mitleid, Liebe, Dank und Dank.

Er kümmert sich um ihre Tochter, zeichnet Arme, Gassen, Leid, doch Mauve wendet sich – wie oft er –, und Freunde meiden ihn erneut.

Ein Onkel gibt ihm einen Auftrag, zwanzig Stadtansichten – sein Lohn, für lange Zeit sein einz’ger Tag, wo Kunst auch Brot war – nicht nur Ton.

Im Juni liegt er im Krankenhaus, Gonorrhöe – drei Wochen lang, der Vater kommt, Teersteg nach Haus, doch bleibt sein Leben voller Drang.

Er will Sien heiraten – trotz aller Mahner –, doch Freunde, Familie warnen sehr, er bringt sie nach Leiden – ein stiller Planer –, und sucht ein Heim – doch findet’s schwer.

Sommer – Die Entdeckung der Farbe

Er kehrt zu Mauve zurück, entdeckt die Ölmalerei, die Farbe wird sein neues Glück, sein Weg wird tiefer, wild und frei.

Er malt Landschaften, Felder, Dünen, studiert die Farbe wie Musik, Delacroix, Millet – die glühen in seinem Herz wie Sternenblick.

Herbst – Der Haag-Zyklus

Bis Sommer 1883 bleibt er dort, zeichnet Alte, Kinder, Sien, die Dünen, Gassen, Menschen fort, sein Stil wird dunkel, schwer und kühn.

Er lernt van der Weele kennen, sie malen Dünen, Sand und Wind, er liest viel – Bücher, Zeitschriften –, sein Geist wächst weiter, wie ein Kind.

1883 – Drenthe und die Einsamkeit

Im September fasst er schweren Mut: Er trennt sich von Sien – ein harter Schnitt –, denn Kunst verlangt, was Liebe tut, doch lässt sie keinen ganzen Schritt.

Er geht allein nach Drenthe dann, in Moorlandschaften, dunkel, weit, er wandert, malt, ein einsamer Mann, die Erde schwarz, der Himmel breit.

Er sieht die Bauern, schwer und still, die Arbeit hart, die Felder roh, er malt, was er nicht sagen will, sein Herz – ein dunkles Echo so.

Er besucht Zweeloo, Liebermanns Ort, zeichnet die Kirche, alt und klein, und fühlt sich dort – wie oft – sofort in tiefer Einsamkeit allein.

Dezember – Rückkehr nach Nuenen

Doch Einsamkeit wird ihm zu schwer, er zieht nach Nuenen, wo die Eltern nun wohnen – katholisch ringsumher –, und bleibt dort bis 1885 im Zeltern.

Dort malt er zweihundert Werke fast, Aquarelle, Zeichnungen, dunkel, schwer, die Erde braun, der Himmel blass, sein Stil – ein früher, tiefer Kern.

Er liest Zola, Delacroix, Fromentin, studiert die Farbe wie Musik, nimmt Klavier- und Gesangsstunden hin, weil er in Tönen Farben sieht.

Die Eltern dulden seine Art, sein Kleid, sein Blick, sein wildes Wesen, sie geben ihm ein Atelier – zart –, damit er kann in Ruhe lesen.

Er denkt sogar an England dann, als Illustrator zu arbeiten, doch bleibt er – wie ein Wanderer-Mann –, der nur der Kunst folgt, ihren Zeiten.

12. Teil – Nuenen, Verlust, Liebe, Farbe – und der Weg nach Paris

1884 – Pflege, Liebe, Einsamkeit

Januar – Vincents Mutter fällt, bricht sich beim Aussteigen ein Bein, er pflegt sie still, wie’s ihm gefällt, und zeichnet ihr die Kirche klein, umgeben von den Bäumen rings, ein Bild von Trost, von stillem Sinn, ein frühes Werk, ein Herzensding, ein Gruß an sie – und an Beginn.

Mai – Er mietet zwei Zimmer nun im Haus des Mesners, richtet dort sein Atelier ein, kann dort ruh’n, sein erster fester Künstlerort. Rappard besucht ihn zehn Tage lang, sie reden, wandern, malen viel, ihr Austausch klingt wie Doppelklang, ein frühes, tiefes Künstlerziel.

August – Margot Begemann, die Tochter einer Nachbarin, begleitet ihn, geht Hand in Hand mit ihm hinaus – ein neuer Sinn.

Sie liebt ihn – sagt es offen, klar, und Vincent, zögernd, liebt zurück, doch beide Elternhäuser war’n entsetzt – und gönnten kein Stück Glück.

Margot versucht sich zu vergiften, ein Schock, der Vincent tief erschüttert, sein Herz beginnt sich zu verstriften, sein Geist wird schwer, sein Blick verwittert.

Herbst – Unterricht, Freundschaft, Kopfstudien

Er malt für Hermans sechs Dekore, für dessen Esszimmer bestimmt, ein Auftrag, der – wie selten vorher – ihm etwas Anerkennung nimmt.

Rappard kommt wieder – zehn Tage lang, ein Freund, der ihn noch immer schätzt, doch bald wird’s anders – wie ein Klang, der sich im Winter leise setzt.

Er unterrichtet Amateurmaler, Kerssemakers wird ihm ein Freund, sie wandern viel, die Schritte schmaler, doch Kunst bleibt das, was sie vereint.

Im Dezember fasst er den Plan: Er will fünfzig Köpfe malen, Porträts von Leuten – Frau und Mann –, um Tiefe in den Blick zu strahlen.

1885 – Tod, Kartoffelesser, Streit

26. März – Der Vater stirbt, ein Schlaganfall – so plötzlich, hart, und Vincent, der oft widerspürt, ist tief getroffen, still und zart.

Nach Streit mit Anna zieht er fort ins Atelier beim Mesner hin, sein Werk erregt in Paris dort zum ersten Mal ein wenig Sinn.

April–Mai – Er malt sein erstes großes Werk: Die Kartoffelesser. Ein Bild, so dunkel, schwer, so erd’nes, ein Werk, das bleibt – ein frühes Messer.

Er schickt die Lithografie an Rappard, doch dieser kritisiert zu viel, und Vincent, stolz und tief verharrt, bricht ab – das Ende eines Ziels.

Die Freundschaft endet – fünf Jahre lang war sie ein Halt, ein stiller Ton, nun bleibt nur Stille, dumpfer Klang, ein weiterer Verlust – davon.

Sommer–Herbst – Erste Ausstellungen, Verbote

August – Der Farbenhändler Leurs stellt erstmals Werke aus im Haag, zwei Schaufenster – kleiner Kurs –, doch für Vincent ein großer Tag.

September – Der Pfarrer dort verbietet allen, Modell zu stehen, man schiebt ihm eine Schwangerschaft fort, ein Skandal, der ihn lässt gehen.

Er malt nun Stilleben – Kartoffeln, Kupferkessel, Vogelnester, die Dinge, die im Dunkel pochen, die einfachen, die schweren, festen.

Oktober–November – Amsterdam, Farben, Antwerpen

Mit Kerssemakers reist er dann nach Amsterdam – drei Tage lang, er sieht Rembrandt, den großen Mann, und Hals, der ihn mit Leben zwang.

Er studiert Farbenlehre tief, liest die Brüder Goncourt viel, sein Denken wird analytisch, scharf, sein Blick wird weiter – Ziel um Ziel.

Ende November zieht er fort nach Antwerpen, mietet dort ein Zimmer über einem Farbengeschäft – ein Ort, wo seine Palette wird viel schlimmer für alte Lehrer – denn er wagt nun Karmin, Kobalt, Smaragdgrün, die Farben, die sein Herz gefragt, die später in Arles aufblühn.

Er zeichnet Kathedrale, Markt, malt Frauenporträts, rot und klar, und findet – wie ein Funken stark – japanische Holzschnitte – wunderbar.

Sie schmücken bald sein kleines Zimmer, und werden später, hell und rein, in Arles zu einem neuen Schimmer in seiner Kunst – ein Sonnenschein.

1886 – Paris, Impressionisten, neue Farben

Januar – Er schreibt sich ein an der École des Beaux-Arts, doch lehnt das Akademische ein, gerät in Streit – wie immer war.

Februar – Er ist krank, erschöpft, vom Rauchen, Hunger, Überlast, sein Körper schwach, sein Geist getröpft, sein Leben schwer – doch niemals fast.

Ende Februar fasst er Mut: Er geht nach Paris – ohne Wort an Theo – wie ein innerer Glut, ein Drang, der treibt ihn fort und fort.

März – Er trifft Theo im Louvre dann, der Bruder nimmt ihn bei sich auf, obwohl er weiß: Ein schwerer Mann, ein Sturm, der jeden Tag im Lauf.

Die Antwerpener Akademie stuft ihn zurück – doch er lacht still, denn nun zählt das Akademische nie, nur Kunst, nur Farbe, nur sein Will’.

April–Mai – Cormon, Impressionisten, neue Freunde

Er studiert bei Cormon, lernt dort viel, trifft Russell, Lautrec, Bernard, tauscht Bilder – ein symbolisch Ziel, ein Freundschaftsband, das ewig war.

Durch Theo lernt er Meister kennen: Monet, Renoir, Sisley, Degas, Pissarro, Signac – all die nennen ihm neue Farben, hell und klar.

Sein Stil wird heller, lebendiger, frei, die Palette leuchtet, tanzt und singt, er malt Blumen, Stillleben – neu, ein Licht, das in sein Leben dringt.

Er freundet sich mit Pissarro an, und dessen Sohn – ein stiller Kreis, ein Lehrer, Freund, ein guter Mann, der Vincent half – auf seine Weis’.

Mai–Juni – Verlust und Neubeginn

Die Mutter zieht nach Breda fort, verkauft – unwissend – seine Bilder, ein Trödler wirft sie – Ort für Ort – für Centbeträge in die Milde.

Ein Teil wird gar verbrannt – ein Graus, doch später werden diese Werke Millionen wert – doch damals aus dem Blick der Welt – nur Aschenstärke.

Er zieht mit Theo nach Montmartre hin, Rue Lepic 54 – ein Ort, wo er ein Atelier beginnt, und malt Paris – von Fenster fort.

Winter – Gauguin, Spannung, Brüderliebe

Er trifft Gauguin, der aus der Bretagne nach Paris kommt – ein starker Geist, ihr Band wird später Sturm und Fahne, ein Feuer, das sich selbst zerreißt.

Theo wird krank – die Nerven schwer –, das Zusammenleben wird zur Last, er schreibt an Will: „Fast unerträglich, sehr“, doch später wird die Spannung blass.

Denn Brüderliebe hält am Ende trotz aller Stürme, trotz der Zeit, sie bleibt die stärkste, tiefste Wende, die Vincent trägt – in Dunkelheit.

13. Teil – Paris, Asnières, Pointillismus – und der große Aufbruch nach Arles

1887 – Frühling: Asnières, Pointillismus, neue Freunde

Im Frühjahr erhält Vincent zwei Porträtaufträge von Tanguy, und mit Bernard malt er dabei in Asnières an der Seine – frei.

Auch Signac kommt, malt mit ihm dort, am Ufer, wo das Licht zerfließt, und in Gesprächen – Wort um Wort – wird klar, dass Vincent niemals schließt den Impressionismus als „Ende“, als letzte Stufe der Malerei, er sieht ihn nur als eine Wende, doch nicht als Ziel – nie einerlei.

Er malt sein Selbstbild vor der Staffelei, ein Werk, das heute weltberühmt, kauft Holzschnitte – japanisch, neu –, die seine Farbwelt weiter rühmt.

Im Café du Tambourin stellt er mit Gauguin, Lautrec, Bernard seine Bilder aus – ein neuer Sinn, ein kleiner Kreis, doch wunderbar.

Sie nennen sich peintres du petit Boulevard, im Gegensatz zu den großen Namen, Monet, Sisley, Degas – die Schar, die Theo zeigt in Pariser Rahmen.

Sommer – Pointillismus und neue Wege

Er malt nun Bilder Punkt für Punkt, probiert die Technik Seurats aus, ein Restaurant-Interieur – bunt, ein Farbenspiel, ein neues Haus.

Herbst–Winter – Seurat, Signac, Theatre Libre

Im November lernt er Seurat kennen, den Meister des Pointillismus, und stellt mit ihm – man muss es nennen – im Théâtre Libre aus – Genuss.

Signac ist da, Antoine lädt ein, ein neuer Kreis, ein neuer Klang, und Vincent fühlt: Sein Weg wird sein, doch bleibt er ruhelos und bang.

1888 – Februar: Abschied von Paris, Aufbruch nach Arles

Im Februar besucht er Seurat mit Theo in dessen Atelier, dann packt er – ohne großes „Ja“ –, verlässt Paris – es fällt ihm schwer.

Zwei Jahre malte er dort viel, zweihundert Bilder – hell und wild –, doch nun ruft ihn ein neues Ziel, der Süden – Licht, das ihn erfüllt.

Er kommt nach Arles, mietet ein Zimmer im Hôtel Carrel – klein, bescheiden –, doch das Licht dort – heller, immer – wird bald sein ganzes Werk durchschneiden.

Doch trifft er erst auf Winterkälte, Schnee, der ihn am Malen hindert, der Süden, der ihm Wärme meldet, bleibt frostig – und sein Mut verinnerlicht.

März – Der Traum einer Künstlergemeinschaft

Er träumt von einer Künstlerkolonie, wo alle teilen, was sie haben, wo keiner hungert – Utopie –, wo Kunst und Leben sich erlaben.

Der Däne Mourier-Petersen ist zwei Monate sein Freund, sie malen, reden – Mann zu Mann –, ein stilles Band, das sie vereint.

Er malt die blühenden Obstbäume, Aprikose, Pflaume, Kirsch, Japan in südfranzösischem Räume, ein Traum, der durch die Farben zischt.

Als Mauve stirbt, malt er – bewegt – den blühenden Pfirsichbaum, „Souvenir de Mauve“ – geprägt von Liebe, Schmerz und Künstlertraum.

April – Stierkampf, Obstgärten, Schmerzen

Er sieht den Stierkampf – Farbenpracht, die Menge laut, das Licht so klar, und malt die Obstgärten bei Nacht, bei Tag, bei Wind – ein Wunderjahr.

Er spart die Farben, zeichnet viel mit Rohrfeder – schwarz und fein, und kämpft mit Magen, Zahn – sein Ziel bleibt Kunst, trotz Schmerz, trotz Pein.

Mai – Das Gelbe Haus

Für fünfzehn Francs im Monat mietet er das Gelbe Haus – vier Zimmer groß, sein Traum von Gemeinschaft – er bietet Gauguin ein Heim – und hofft famos.

Doch Möbel kaufen? Bett auf Raten? Kein Händler traut dem armen Mann, so zieht er zu den Ginoux – den Taten der Freundschaft, die dort wachsen kann.

Er malt die Brücke von Langlois, schickt Kisten voller Bilder fort, an Theo – sein vertrauter Trost –, sein Bruder bleibt der sicherste Ort.

Juni – Saintes-Maries, das Meer, neue Freunde

Er reist nach Saintes-Maries ans Meer, malt Boote, Strand, das helle Blau, lernt Milliet kennen – Offizier –, der ihm Modell sitzt – treu und rau.

Durch Mac Knight trifft er Eugène Boch, den Dichter – zart, sensibel, fein –, und Vincent malt – wie ein Vers-Spruch – sein Porträt – ein poetisch Sein.

Er schreibt an Theo: Weiß und Rosa, Gelb der Felder, Blau des Meers, die ganze Farbskala – grandiosa –, sein Werk wird größer, schwerer, mehr.

Und endlich sagt Gauguin: „Ich komme.“ Ein Satz, der Vincent Glück verheißt, sein Herz schlägt laut – wie eine Tromme –, sein Traum wird wahr – zum ersten Mal meist.

Juli – Montmajour, Japan, La Mousmé

Er wandert oft nach Montmajour, malt Ruinen, Felder, Licht, liest Lotti – Madame Chrysantheme – nur, und malt La Mousmé – ihr Gesicht.

Am 28. Juli stirbt sein Onkel, der einst sein Wegbereiter war, doch später wandte er sich dunkel von Vincent ab – wie’s oft geschah.

August – Roulin, Sonnenblumen, Arbeit am Fluss

Er freundet sich mit Joseph Roulin an, dem Postboten – bärtig, warm, ein Mann wie Sokrates – ein Bann von Güte, Stärke, Herz und Arm.

Er malt ihn oft, malt auch Escalier, den Bauern aus der Camargue weit, schickt Theo sechsunddreißig Bilder – ein Strom von Arbeit, Farbigkeit.

Er malt die Sonnenblumen-Serie, Chromgelb wie Kirchenfensterglas, ein Leuchten, das – wie eine Theorie – sein ganzes späteres Werk umfasst.

September – Nachtarbeit, Nachtcafé, Selbstbildnis

Er malt nun nachts – mit Kerzenlicht auf Hut und Staffelei befestigt, das Nachtcafé – ein grelles, dicht an menschlich dunklen Leidern – heftig.

Er malt Boch – den Dichter – zart, ein Selbstbildnis für Gauguin, sein Herz ist offen, wund und hart, sein Werk – ein Schrei, ein tiefes Sein.

Er bezieht das Gelbe Haus – voll Freude, richtet es ein mit Bett und Stuhl, sein Traum wird greifbar – Stück für Stück –, sein Herz wird warm, sein Geist wird cool.

Oktober – Gauguin kommt

Er schreibt an Boch: Die Bilder hängen von Milliet und von dir bei mir, er malt Weinberge – grün, mit Strängen –, Herbstgärten – rot – ein Farbquartier.

Und endlich – nach langem Zögern – kommt Gauguin am 23. Oktober, Vincent empfängt ihn – ohne Wogen –, sein Traum wird wahr – der Künstlerkober.

Theo zahlt Gauguin die Schulden ab, durch Verkauf der bretonischen Frauen, Vincent staunt – Gauguin war Seemann knapp –, er beginnt, ihm tief zu trauen.

November – Zwei Künstler, ein Vulkan

Sie kochen, essen, malen viel, malen aus dem Gedächtnis gar, Gauguin malt Frauen – stark sein Stil –, Vincent den Roten Weinberg – wunderbar.

Madame Ginoux wird Arlésienne, ein Bild, das später Weltruhm trägt, und Theo verkauft Gauguins Szenen, was Vincent freut – und weiter prägt.

Doch ihre Gespräche – heiß und hart –, über Kunst – ihr heilig Feld –, führen zu Streit – wie Gegenpart –, zwei Vulkane in einer Welt.

Dezember – Zusammenbruch

Am 23. Dezember dann kommt es zum Bruch – ein Sturm, ein Riss, Gauguin flieht – ein schwerer Mann –, Vincent verliert den letzten Biss.

Er schneidet sich das linke Ohr, bringt’s Rachel – eingewickelt – hin, die Polizei findet ihn – erschrocken – vor, und liefert ihn ins Krankenhaus in.

Dr. Rey pflegt ihn – jung und mild –, Gauguin reist ab – die Freundschaft bricht, Theo kommt sofort – sein Bruderbild –, und Pastor Salles bringt etwas Licht.

Man spricht von Epilepsie, von Alkohol, von Nervenzwang, doch niemand weiß – und weiß auch nie –, wie tief sein Schmerz, wie lang sein Gang.

Nach Tagen voller Angst und Nacht stabilisiert sich sein Zustand wieder, doch bleibt die Seele aufgewacht, sein Leben – ein zerrissenes Lied.

14. Teil – Saint-Rémy, Krankheit, Klarheit – und der letzte Weg nach Auvers

1889 – Januar: Rückkehr, Hoffnung, Schlaflosigkeit

Im Januar schreibt Vincent mild an Theo aus dem Hospital: „Es geht mir besser“ – wie ein Bild von Hoffnung, zart und minimal.

Er fügt auch Worte für Gauguin hinzu – trotz allem, was geschehen –, sein Herz bleibt offen, Mensch zu Mensch, auch wenn die Wunden tief noch stehen.

Am 7. zieht er ins Gelbe Haus zurück – doch Schlaf bleibt ihm versagt, er schreibt an Mutter, Will hinaus Beruhigung – obwohl er klagt.

Theo verlobt sich – endlich Glück – mit Johanna Bonger, warm und klar, und Vincent malt – in Selbstblick – sein Ohr verbunden, wie es war.

Er malt auch Dr. Rey, zum Dank für Pflege in den schweren Tagen, doch Roulin – Freund mit Herz und Rang – wird nach Marseille versetzt – ein Schlagen.

Er malt La Berceuse, Roulin’s Frau, in mehreren Fassungen – ein Wiegenlied, ein Trostbild, warm und gelb und blau, ein Werk, das tief im Innern glüht.

Februar–März: Rückfall, Signac, Foul Roux

Im Februar bricht er wieder ein, kommt ins Hospital – erneut, die Leute nennen ihn gemein fou roux – den roten „Verrückt“ – wie’s deut’.

Die Polizei verschließt sein Haus, die Bilder stehen unter Wasser, doch Signac kommt – ein Freund daraus –, und sieht in ihm nichts Krankes, Blasser.

Er schreibt an Theo: „Er ist klar, bei voller geistiger Gesundheit.“ Ein Satz, der zeigt, wie wahr es war: Vincent war krank – doch nicht entweiht.

April–Mai: Abschied von Arles, Eintritt ins Asyl

Er räumt das Gelbe Haus nun leer, zieht in zwei Zimmer bei Dr. Rey, die Möbel lagern Ginoux schwer, sein Herz ist müde, krank und weh.

Theo heiratet – Amsterdam –, und Vincent fühlt: Er muss nun ruh’n, er bittet selbst um ein Asyl, um endlich Frieden zu tun.

Am 8. Mai fährt er nach Saint-Rémy, ins Asyl Saint-Paul-de-Mausole, zwei Zimmer zahlt ihm Theo – wie ein Bruderherz, das niemals hohl.

Durchs Gitterfenster sieht er Licht, die Sonne über Weizenfeldern, sein Zimmer grau-grün – schlicht, doch warm genug, um Trost zu melden.

Er darf im Garten, unter Aufsicht, die Zypressen, Büsche, Wege malen, und langsam kehrt ein inneres Licht zurück in seine Lebensstrahlen.

Juni–Juli: Olivenhaine, Zypressen, Shakespeare

Theo lobt die Farben – hell und stark –, fürchtet die Formen – schwer und dicht –, doch Vincent sagt: „Die Arbeit – arg? Nein, sie ist Trost, nicht Last, nicht Pflicht.“

Er darf nun auch hinaus ins Land, malt Olivenhaine, Weizenfelder, Zypressen – schwarz wie Feuerbrand –, die Alpilles – scharf wie Felsenwälder.

Er schreibt der Mutter – nach so lang –, von Thymianhügeln, Silberlaub, doch sehnt sich nach dem Heimatklang, nach Moos, nach Birken, Heide, Staub.

Er liest in Shakespeare – Tag für Tag –, die Dramen, die ihm Theo sandte, sein Geist wird weit, sein Herz wird stark, sein Denken tiefer, als es kannte.

August–Oktober: Kritik, Einsamkeit, Arbeit

Isaacson nennt ihn „Pionier“, „ein Held der Nacht, ein großer Mann“ – doch Vincent sagt: „Das bin nicht ich – ich wünschte, man ließ mich einfach an.“

Er malt den Garten, malt die Berge, malt Oliven, Zypressen, Stein, ein Patientengesicht – so herbe –, sein Werk wird schwer, doch klar und rein.

Pissarro schlägt Theo dann vor, ihn nach Auvers-sur-Oise zu bringen, zu Dr. Gachet – Arzt und Maler –, der könnte seine Seele schwingen.

1890 – Auvers: Die letzten Monate

Juli – Das Rathaus, der letzte Brief

Am 14. Juli – Bastille-Tag –, malt er das Rathaus – Flaggen wehen, ein Bild voll Leben, ohne Frag’, ein Werk, das bleibt – ein letztes Sehen.

Am 23. Juli schreibt er Theo den letzten Brief – mit Skizzen vier, bestellt noch Farben – wie ein Deo für seine Seele – „mehr von mir“.

27. Juli – Der Schuss

Am Abend geht er über Land, kommt spät zurück, mit schwerem Schritt, er hält die Brust – die zitternde Hand –, und sagt: „Ich habe mich verletzt… damit.“

Er hat sich selbst die Kugel gegeben, die Ärzte können sie nicht zieh’n, er sitzt im Bett – noch voller Leben –, und raucht die Pfeife – ruhig, kühn.

Theo kommt sofort – der Bruder treu –, und bleibt bei ihm die ganze Nacht, und Vincent sagt – so still, so scheu –: „Ich wünschte, ich könnte so sterben.“ – und hat’s gemacht.

Am 29. Juli stirbt er dann, im Beisein seines Bruders – mild, ein Leben voller Sturm begann, ein Tod – so leise wie ein Bild.

Begräbnis – Ein Himmel über Kornfeldern

Der Sarg steht in Ravoux’ kleinem Raum, mit Staffelei und Feldstuhl nah, Sonnenblumen – wie ein Traum –, die letzten Bilder – wunderbar.

Der Pfarrer lehnt den Wagen ab – „Ein Selbstmörder“ – kalt, wie Stein –, doch Freunde tragen ihn zum Grab, hoch über Kornfeldern – allein.

Dr. Gachet spricht – mit Tränen schwer –, „Er war ein großer Künstler, Mann, er kannte nur zwei Ziele – sehr –: die Menschlichkeit und Kunst voran.“

Nachklang – Theo, das Museum, die Brüder

Theo bricht zusammen – Herz und Geist, er stirbt im Januar ’91, ein Mann, der alles für ihn leist’, sein Bruder, Freund – sein letzter Grund.

1914 legt man ihn zur Ruh’ neben Vincent – Grab an Grab, zwei Brüder – endlich still, im Nu –, vereint in Erde, die sie hab’.

1962 – die Stiftung dann, 1964 – das Denkmal steht, und Amsterdam baut – irgendwann – das Museum, das heute jeder sieht.


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Reitsteig-Ballade – 10. April 2009

I. Der Aufstieg Ein Tag aus Licht, aus reinem Blau, ein Morgen, der die Welt erhöht, wo Sträucher golden, weich und lau im ersten Weiß der Blüten steht.

Die Natur – offenbart in Unoffenbarung, ein Schweigen, das doch alles spricht. Wer heute lebt, lebt ohne Nahrung für Sorgen – nur im reinen Licht.

II. Rast am roten Punkt Ich sitze auf dem schmalen Pfad, der Reitsteig zieht sich steil hinauf. Vor mir der rote Punkt – die Tat der Wanderer, ihr Farbverlauf.

Das „Vogelauge“ dieses Bergs, auf Stämme hoch in Rot gesetzt, führt still den Schritt des Menschenwerks, der sich im Wald nach oben setzt.

III. Die Bäume Die Tannen schießen senkrecht auf, erst hoch beginnen ihre Äste. Der Himmel – tiefblau, wolkenlos, ein Dach, das sich auf alles setzte.

Doch viele Stämme stehen tot, abgebrochen, kahl, entkront, die Rinde längst vom Wind erodiert, wie Körper, die die Zeit verschont.

Umgestürzte Wurzelteller, halb im Schnee, halb in der Erde, zeigen, dass der Wald – nicht heller – doch immer Ort des Werdens werde.

IV. Schnee, Moos, Stille Der Schnee ist körnig, wellenhaft, vermischt mit feinen Ästelchen. Er blendet hell, doch ohne Kraft, als wär er nur ein leises Decken.

Moos liegt wie ein grünes Fell unter Gras, das nicht mehr steht. Steine sinken langsam, schnell, in die Erde, die sie trägt.

V. Die Geräusche Die Luft ist klar, fast heilig rein, kein Wind, der durch die Nadeln fährt. Nur Vogelklänge – hell und fein –, ein Zwitschern, das den Wald verklärt.

Von unten aber dringt herauf der Lärm der Autogesellschaft, ihr dumpfer, vulgärer Lebenslauf, ihr Motorheulen ohne Kraft.

VI. Ordnung der Natur Hier oben ist es unaufgeräumt, doch gerade das ist Harmonie. Die Natur, die alles neu versäumt, kennt keinen Abfall – nur Chemie des Werdens, Sterbens, Wiederkehrens.

Jung und alt, verwesend, wachsend, stehen nebeneinander – Lehrens für jeden, der hier oben achtsam.

VII. Der alte Kasten Nicht weit entfernt ein Holzkasten, vermutlich einst ein Telegraph. Zwei Stämme tragen seine Lasten, doch innen ist er leer und brav.

Rot-weiß-rot die Markierung unten, Fichtenzapfen liegen nah, Steine, handgroß, ungebunden, und tote Stämme – wunderbar in ihrer strengen, stillen Form.


Ballade vom Weg nach Maria Plain und dem langen Tag der Bilder

Am Sonntag früh, zur zehnten Stund’, trat mir die Erinnerung gesund an jenen Samstag still entgegen, den wir gemeinsam sind gegangen, Nadia mit dem Bus heran, ich mit dem Rad, so wie ich’s kann.

Bei Itzlings Brücke trafen wir uns wieder, und der Bach vor mir war hell von Sonnenstrahlenlicht, ein Spiegel, der die Formen bricht. Wir hielten fest, was uns erschien, in Bildern, die im Glanz verzieh’n.

II Dann stiegen wir den Hügel hin, und überall, wohin ich ging, stand jener gelbe Fliederstrauch, den ich vom Küchenfenster auch so oft betracht’ in seinem Sein, so groß, so warm, so klar und rein.

In Maria Plain, am Seitenaltar, lag auch ein Zweig, so wie er war, doch keiner wuchs so weit und frei wie jener vor dem Fenster, treu. Sein Stamm so kräftig, Ast an Ast, als trüge er die Jahreslast.

III Schon aus der Ferne sahen wir die weiße Kirche über mir, von Tannen, Grün und Blau umgeben, ein stilles Bild, ein mildes Leben. Mir schien sie schöner als der Dom, der kalt mir war in seinem Strom.

Nadia sprach, fast nebenbei, wie schön der Tag, wie frei er sei, und dass ich Montag vorstell’n muss, ein Satz, der kam wie ein Genuss, so leicht, so nah, so ohne Last, ein kleiner Wink, der zu uns passt.

IV Wir sprachen noch von jener Zeit, als Stefan uns in seiner Art die Wohnung neben Lärm empfahl, ein Ort, der uns im Innern schmal und eng erschien, mit wenig Raum, kein Platz für einen Lebensraum.

Der Besitzer wollte Pflege noch, für einen Mann, der Hilfe brach, und dafür wär die Miete klein – doch wir sagten entschieden: nein. Ein Taxifahrer half uns dann, und Nadia fand den Ort sodann.

V Als wir so sprachen, kam heran ein Mann auf seinem Moped dann, die Haare lang, der Blick verwirrt, und sagte etwas, das uns irrt. Er rief, wir sollten achtsam sein, doch klang es seltsam, roh und klein.

Ich ärgerte mich eine Weil’, doch Nadia sah’s im andern Teil: Vielleicht wollt er uns warnend rufen, uns sicher durch die Straße führen. Doch mir blieb seine Art im Sinn, bis wir im Gasthaus endlich drin.

VI Dort trank ich Saft, halb Wasser klar, Nadia Kaffee, wie’s immer war. Um uns die Eltern, Kinder, Frauen, die in den Frühling Farben trauen. Von der Terrasse sah man weit die Häuser und die Festungszeit.

Der Himmel war so blau gespannt, dass man die Berge deutlich fand, den Untersberg und weiter noch die Ketten, die sich zogen hoch. Der Ärger wich, ich fand zurück in jenen stillen Augenblick.

VII Wir machten viele Bilder dann mit unsrer neuen Kamera, ich sah, wie Nadia über Wiesen die Andachtstufen ging, in leisen Bewegungen, die mir gefielen, als könnte man die Zeit verspielen.

In der Kirche war’s so reich, vergoldet, üppig, warm zugleich. Zwei Bilder zeigten eine Frau, die weinte, still, im blauen Bau. Ihr Tuch bereit, ihr Blick geneigt, ein Schmerz, der sich im Rahmen zeigt.

VIII Wir gingen weiter, Stufe um Stufe, und jede Ecke war ein Rufe nach einem neuen Bildmotiv, nach einem Augenblick, der lief. Ein Baum stand dort, von Laub befreit, mit einer Wucherung im Kleid.

Nadia nahm auch Bilder auf, von mir im Gras, im Tageslauf, der Geisberg hinter mir zu sehen, als würd er still daneben stehen. Dann trennten wir uns an der Brück’, sie fuhr zur Stadt, ich radelte zurück.

IX Zu Hause lud ich Bilder hoch, und wenig später kam sie doch schon wieder heim, mit Wein und Salz, ein kleiner Gruß, ein Lebensschmalz. Wir sahen uns die Fotos an und tranken Wein, so wie man’s kann.

Dann legten wir uns müde nieder, die vielen Schritte kamen wieder in unsrer Haut zur Ruhe dann. Doch ich schlief unruhig irgendwann und träumte wirr, ich hätt’ im Raum ein Stromkabel gegessen kaum.

Ballade vom stillen Ostersonntag und dem Gespräch über Freiheit

I Am Sonntag, früh um achte schon, stand Nadia auf, in ihrem Ton so leicht, als wär der Tag bereit, mir Ruhe gab nur Müdigkeit. Ich hatte schlecht geschlafen heut, der Traum war wirr, das Herz zerstreut.

Wir saßen dann in unsrer Küch’, der Kaffee duftend, warm und schlicht, und aßen still den Osterkuchen, den wir am Vortag noch versuchten. Ein Ei lag einst in seiner Rund’, nun war es Teil von unserm Mund.

II Wir sprachen über gestern sacht, wie süß die Kirche hat gemacht mit ihrem Duft, der schwer und fein noch in den Kleidern blieb hinein. Ein Raum, der vieles in sich trug, ein stiller, warmer Atemzug.

Dann sagte Nadia, ernst und klar, dass sie, wenn einst ihr Ende war, kein Trauern wolle, keinen Schmerz, kein Schwarz, das drückt auf jedes Herz. Sie wünsche Tanz und ein Fest dabei, weil Leid dann endlich vorüber sei.

III Sie meinte, Trauer sei oft nur ein Blick auf sich, ein eig’ner Spur, kein Blick auf jene, die gegangen, kein Blick auf deren stilles Bangen. Ein Fest sei besser, frei und weit, ein Dank an ihre Lebenszeit.

Wir sprachen dann vom Ashram still, wo man sich fügen müsse, will man dort in dieser Ordnung sein, so ganz im äußeren Verein. Die Freiheit gäb man völlig hin, und Bücher kreisten stets im Sinn um ähnliche Gedanken nur, ein enger, gleichförmiger Flur.

IV Vom Kloster sprach sie dann zugleich, dort sei die Zeit so still und reich, doch Freiheit gäb man dennoch her, ein Paradox, das wie ein Meer von Ruhe und Verzicht zugleich in seinem Wesen seltsam weich.

Nun sitzt sie draußen, leicht und frei, im Garten unter blauem Mai, und sieht den Himmel wolkenlos, der über uns so offen groß in seiner Weite freundlich ruht, als meine er: Es wird schon gut.


Ballade vom Ostermontag und dem langen Weg entlang der Flüsse

I Am Montag lag ich, still und sacht, im Garten, der so leise wacht, den Bauch im Gras, die Ellbogen gestützt, als wär ein Gruß gewogen vom Yoga her, ein sanfter Schwung, ein Hauch von Körpererinnerung.

Links leuchtete der Fliederstrauch, „sie heißen fosizien und leuchten zur zeit sehr“ , rechts stand ein Glas mit Wasser klar, der Himmel wurde langsam wahr, ein Blau, das schon zu blenden schien, ein Tag, der still begann und hin.

II Ich hatte früh das Haus geordnet, das Bett gemacht, den Müll versorgt, die Wohnung sauber, leicht und rein, und wartete auf Nadia, mein Gefährtin in den Gartentagen, die gleich herab zum Grün wird tragen.

Tulpen standen am Rand bereit, „einige … schon aufgeblüht, andere noch im Knospenstadium“ , und ich lag da, im Atemraum, als wär der Morgen selbst ein Traum, der sich in Farben niederlegt und still durch alle Blätter trägt.

III Dann kam die Erinnerung zurück an jenen Sonntag, Stück für Stück, als ich mit meinem alten Rad den Weg entlang der Salzach trat. „Um 14:16 war ich bei den salzachseen“ , wo Menschen schon im Frühlicht stehen.

Die Wiesen voll von Gänseblümchen, die Seen noch kühl, doch schon mit Stimmen, und manche Frauen gingen dort im frühen Jahr fast sommerfort. Ich sah die weißen Blütenbäume, die wie ein Gruß im Frühling keime.

IV Ich fuhr den Fluss entlang hinab, die Saalach rechts, ein sanfter Trab, der Weg geteert, nur leicht geneigt, ein Fahren, das die Ferne zeigt. „Der weg ging nur ganz leicht bergab … angenehm zu fahren“ , ein stiller Rhythmus, der mich trug.

Am Saalach‑Spitz dann Menschen saßen, die sich vom Tag berühren ließen, und ich sah drüben Häuser stehen, die schlicht und ruhig im Grün bestehen. Die Flüsse mischten ihre Farben, „die saalach … heller, die salzach dunkler“ , ein zweistimmiges Wasserweben.

V Ich fuhr weiter, suchte Wege, die mir noch unbekannt und rege, und fragte Radler, ob der Pfad nach Laufen führe, wie es tat. „Sie versicherten mir, dass in 18 km man in laufen ist“ , und ich fuhr los, vom Tag geküsst.

Die Bäume wurden älter dann, ein Anblick, der mich rühren kann, denn selten lässt man sie bestehen, die alten Stämme, die noch wehen. Ich sah zwei Reiter an mir zieh’n, ein Bild, das blieb im Tagessinn.

VI Der Weg verengte sich sodann, ein Baum lag quer, ich hielt kurz an, und fand den Nebenfluss im Lauf, der mich zur Umkehr zwang hinauf. Dann weiter über Brückenbogen, „diese brücke besteht aus schönen stahlbögen“ , die seit 1902 dort wogen.

Ich kam nach Laufen schließlich an, die Kirche spitz, ein stiller Bann, die Dächer rot, die Fenster schmal, ein Ort, der wirkt wie ein Gemal. Die Salzach bog sich um den Stein und trug die Stadt im Abendschein.

VII Ich fuhr zurück, der Tag war weit, die Sonne sank in Goldigkeit, „das licht war goldener und reflektierte sich in den hohen majestätischen bäumen“ , und ich bewunderte im Raum die alten Bäume, Ast an Ast, die in den Fluss sich lehnten fast.

Um acht war ich in Laufen noch, die Lampen brannten weich und hoch, und später, fast in tiefer Nacht, bin ich nach Freilassing gebracht. „Um 22 h war ich ca. wieder zu hause“ , der Tag war lang, doch reich und klar.

VIII So lieg ich nun im Garten still, der Montag trägt, was ich noch will: die Ruhe, die der Körper sucht, die Bilder, die der Geist verbucht, und Nadia, die gleich zu mir kommt, wenn sie aus ihrer Dusche kommt.

Der Himmel blau, die Luft noch kühl, der Tag ein sanfter Lebensfühl, und alles, was ich gestern sah, ist heute wieder still und nah.


Ballade vom Besuch in Ried und den zwei Ziegen

I Am Dienstag saß ich früh im Raum, die Küche still, ein Farbentraum, die Forsythien gelb und klar, „die weißen farben der Magnolienblüten … gemischt mit grün“ , der Himmel hell in seinem Blau, ein Morgen mild und ohne Grau.

Die Villa gegenüber stand in körnig-gelbem Sonnenrand, die Fenster dreigeteilt im Licht, ein Dach, das still die Formen bricht. Nur eine Schüssel störte sacht, die an der Wand ihr Dasein macht.

II Auf unsrem Tisch der Blumenstrauß, den Anna Liese brachte aus den Tagen, die noch österlich mit Tulpen, Märzenbechern sich in Farben legten, warm und fein, ein Ei lag noch im Körbchen klein.

Dann dacht ich an den Tag zuvor, den Ostermontag, der empor uns führte hin zu Inges Haus, nach Ried, wo weit die Felder aus sich dehnen in ein stilles Land, „sie hat da ein großes haus mit vielen tieren“ , so sagte ich und sah es dann.

III Ihr Schicksal schwer, ihr Blick doch mild, ihr Mann verunglückt, früh entstiehlt, die Söhne beide fortgegangen, ein Leben voller tiefer Wangen. Doch Tiere hielt sie, Ziegen, Hasen, die frei im großen Gelände grasen.

Wir brachten eine Salatplatte, „mit Oliven, eier, gelben und roten Paprika“ , und fuhren hin in ihrem Wagen, der klein und gelb den Weg getragen. Sie nannte mir die Sträucher dann, die ich so oft nicht nennen kann.

IV Ihr Haus war groß, die Räume weit, doch alles blieb seit langer Zeit so stehen, wie es früher war, „wie vor über 10 jahren … unverändert“ , ein stiller, bäuerlicher Ort, ein Stück Vergangenheit im Fort.

Ich sah das Zimmer, hell und blau, die weißen Sofas, schlicht und rau, den Fernseher, der wichtig schien, die Bücher, die im Schrank dort blühn. Ein Tierbuch alt, in Schwarz und Weiß, ein Blick in eine früh’re Reis’.

V Dann ging ich zu den Ziegen raus, die dort im Gras vor Inges Haus im Zaun aus Strom geborgen standen. „Der bock heißt maxi. Die andere ziege heißt Susi.“ Sie kamen gleich, so zutraulich, ihr Fell so schwarz, ihr Blick so weich.

Maxi, der Größ’re, stolz und breit, mit weißem Fleck an seiner Seit’, ließ Susi kaum zu mir heran, er drängte sie mit Hörnern dann. Doch beide suchten meine Hand, ein kleines, warmes Ziegengespann.

VI Wir gingen mit den beiden dann den Weg entlang, ein stiller Bann, die Landschaft eben, Luft so rein, die Berge fern im Sonnenschein. „Die stille, die Landluft war herrlich“ , so stand es da, und so empfand ich’s ehrlich.

Sie folgten uns wie treue Hunde, in ihrer kleinen Ziegenrunde, und wenn wir hinten blieben stehen, dann sahen sie zurück und gehen erst weiter, wenn wir wieder nah, ein Band, das ohne Worte war.

VII Im Wald dann balancierte Inge auf einem Stamm, und ohne Zwinge stieg Maxi nach, so wie er’s kennt, doch Susi war die, die es vollendet. „Susi … ging die 10 Meter sicher entlang“ , ein Mut, der still im Walde klang.

Die Sonne fiel durch hohe Bäume, ein Licht, das sich in Zweigen räume, und Inge sprach von ihrer Zeit, wie sie als Kind durch Wiesen schreit, und dass sie nun, nach Jahren wieder, zurückkehrt zu Natur und Lieder.

VIII Wir kamen zu dem alten Baum, so dick, als trüg er jeden Traum, und setzten uns auf seine Bank, die Ziegen spielten, leicht und frank. Maxi sprang hoch, ließ sich berühren, Susi tat’s nach in sanften Spüren.

Dann gingen wir zu den Schweinen hin, „es waren so ca. 20 oder 30 tiere“ , sie schnüffelten mit offner Schnauz’, ein Bild von Erde, Leben, Haus. Und weiter dann, im Rundgang still, zurück zu Inges Heim im Will.

IX Wir tranken Saft, aßen Kuchen fein, die Eltern luden freundlich ein, und Inge sprach von fernen Ländern, von Wüsten, Reisen, alten Wänden. Doch heuer bleib sie wohl daheim, „weil sie ihr geld für die herrichtung der wohnung braucht“ , so sagte sie im Abendsein.

Dann fuhren wir zurück zur Stadt,

Ballade vom Donnerstag, an dem der Frühling weit und laut war

I Am Donnerstag, so hell und klar, lag Frühling über Stadt und Jahr, und zwei Tage war’s schon her, dass ich zum Schreiben kam nicht mehr. „Auch heute ist wunderbares wetter!“ so stand es da, und so war’s wetter.

Ich dacht an Paul in seinem Haus, Getreidegasse, hoch hinaus, wo ich die Stiegen sauber rieb, die Fenster klar, wie man sie liebt, und Schuhe pflegte, Paar um Paar, ein stiller Dienst, doch wunderbar.

II Dann saß ich mit der Nadia im Garten, wie es gestern war, bis ein Lastwagen laut und schwer „um ca. 12 h oder 13 h vor unserem gelben haus“ die Ruhe brach, den Hof erfüllte, und mich zur Flucht ins Freie hüllte.

Ich nahm die blaue Decke mit, Badezeug, ein kleines Stück von Freiheit, das im Rucksack lag, und fuhr zum See, wie ich’s gern mag. Der Rasen frisch, der Sand noch roh, die Luft nicht heiß, der Himmel froh.

III Ich legte mich, wie stets gewohnt, „hinter die großen bäume … in der nähe des volleyballplatzes“ , sah Eidechsen und Eichhörnchen zieh’n, ein Zecklein kroch an meinem Knie’n. Ich las in Vesters klugem Buch, bis Seite achtzig, Zug um Zug.

Dann wagte ich den ersten Schritt ins Wasser, das mich kühl umflicht, und nach der langen Übergang schwamm ich den See, die Strecke lang. Ein Krampf zog durch die linke Hand, doch hielt ich durch, wie ich es kann.

IV Am Ufer lagen viele dort, die Sonne war ihr einz’ger Ort, und manche Frauen zeigten frei den Körper, „meist … so hässlich, dass man … nur wegsieht“ , so stand es da, und ich verstand den Eindruck, der sich eingebrannt.

Die Menschen lasen wenig hier, ein Eis, ein Bier, ein schlichtes Wir, die Gespräche einfach, ohne Tiefe, ein Alltagston, der kaum verschliffe. Die meisten lagen still im Sand, die Arbeit fern, das Leben bland.

V Zurück um sechs, der Tag schon weit, Hans Peter sagte ab zur Zeit, doch wolle er am Samstag dann für Yoga einen Termin sodann. Ich las in Vester weiter still, weil ich als Lehrer wachsen will.

Verhaltenstyp A … ist … besonders … bedroht“ , so stand es dort, und mir war rot, denn vieles traf auf mich genau, die Unruh’, die ich täglich bau’. Ich las von Angst, von Vaterbild, von Leistung, die den Körper füllt.

VI Dann rief am Morgen Paul erneut, sein Geburtstag nah, er sei erfreut, doch Nadia müsse nochmals hin, ein zweites Bett sei noch darin. Ich kaufte ihr ein Mittel dann, „rechts regulat“, so stand es dran.

Ich schwamm im Bad zur Mittagszeit die Längen durch, ganz ohne Streit, „von 12 h bis 13 h … konsequent“ , und fühlte mich danach entspannt. Die Schüler waren schon hinaus, ihr Lehrer streng, doch gut und aus.

VII Dann nahm ich mir die Liege blau, trug sie hinunter, leicht und schlau, und legte mich ins Wiesengrün, wo kleine Blumen leise blühn. „Die wiese war ungefähr 5–7 cm hoch“ , ein Teppich, weich und ohne Bruch.

Der Bademeister Mario kam, sein Kopf fast kahl, sein Blick recht zahm, er stellte draußen seine Liege, als wär die Sonne seine Wiege. Er lächelte und sagte leis: „wird schon…“, und meinte meinen Kreis der Haut, die langsam Farbe nimmt, wenn Frühling durch die Wolken stimmt.

VIII Ich las in Vester weiter dann, der schrieb von sich, wie er begann, „naturwissenschaftliche forschung … mit ihrer gesellschaftlichen aufgabe zu verbinden“ , und wie er Stress im Leben mindern durch Kunst und Filme konnte bald, ein Weg, der mich im Innern halt.

Er schrieb von Meditation klar, wie sie den Körper heilen kann, „der milchsäuregehalt … kann … um mehr als 30 % absinken“ , und wie die Alphawellen winken, wenn Geist und Atem sich vereinen und innre Kräfte leis erscheinen.

IX Der Nachmittag verging im Blick, die Wolken zogen weich zurück, „wie watte, oder feine Spinnenwebe aussehende wolken“ , so stand es da, und so war’s eben. Ich dachte an mein eig’nes Maß, an zwei Kilo, die Ostern fraß.

Dann fuhr ich noch die Salzach lang, der Himmel grau, doch ohne Drang zum Regen, wie ich hoffend schrieb, ein Tag, der sich im Weitertrieb in meinem Herzen niederließ, ein stiller, warmer Lebensgieß.


Ballade vom Freitag, an dem der Lärm die Nerven spannte

I Am Freitag früh, im stillen Raum, lag noch der Donnerstag im Traum, denn ich war abends nicht gefahren, sondern geblieben, um zu wahren den Frieden, den ein Buch mir gab, das Vester schrieb, ein stilles Grab für Stress, der in den Zeilen ruht, ein Wissen, das dem Körper gut.

Ich las von Lärm, der uns bedrängt, „Lärm kommt von dem wort alarm … ad arma, zu den waffen!“ , und wie er ohne Pause klingt, ein Ruf, der uns in Fesseln bringt. Ein Dauersignal, das uns zerreißt, ein Klang, der tief im Innern beißt.

II Ich las von Tieren, die im Wald ein Rascheln hören, leis und kalt, und wie ihr Körper fliehen will, doch wir, im Lärm, verharren still. „Der lärm … ist eine … dauerbelastung geworden“ , so stand es da, und ohne Orden trägt jeder Mensch die Last davon, ein stetes Ziehen, Ton um Ton.

Und Vester schrieb, dass jener Mann, der lärmempfindlich ist, fortan „besser geschützt ist“, weil er flieht, wo andre bleiben, bis es zieht in Herz und Nerven, tief und schwer, ein Druck, der wächst und immer mehr.

III Dann kamen Barbara und Conny an, zwei junge Frauen, die man vom Studium her schon müde sah, und froh um jede Stunde war. Ich führte sie durch Atemwege, durch Ruhe, die ich ihnen lege.

Conny schlief draußen im freien bei Barbara“ , so stand es da, und so geschah. Ich gab die Decken unter sie, die Heizung warm, die Stunde wie ein sanftes Feld, das sie umfing, bis Lachen durch die Räume ging.

IV Nach ihrer Stunde ging Nadia fort, zur Arbeit, ihrem stillen Ort, und draußen war der Himmel grau, vom Küchenfenster sah ich genau „viel lärm von den dacharbeitern“ , die Ziegel schnitten, hämmerten, breiten den Tag in Schall und Staub hinein, ein Lärm, der mir zu viel erschien.

Doch mittags war es wieder still, nur Autos brummten, wie sie’s will, und unsre Uhr tickt leis und fein, ein Rhythmus, der im Haus allein den Tag begleitet, Ton für Ton, ein kleines Herz im Küchensohn.

V Am Abend sprach dann Marianne von einer Wohnung, klein und spannend, „48 Quadratmeter … nur 300 euro“ , ein Preis, der klang wie ein Geschenk, ein Raum, der ruhig sei und rein, ein Ort, der könnte Heimat sein.

Nadia sprach von zwei Wohnungen, von Wochenenden, Wanderungen, von Freilassing und Salzburg-Stadt, von Arbeit, die man finden hat. Ich zweifelte, doch sie war heiter, ihr Optimismus trug uns weiter.

VI Dann kam der Satz, den ich gesagt, bevor der Schlaf die Lider wagt: „In der Gesellschaft darf man alles, aber … nicht sich selbst sein.“ Ein Wort, das wie ein Stein in stilles Wasser niederfällt und Kreise zieht in unsrer Welt.

VII Später fand ich, was mich so quält, was mich seit Monaten beseelt mit Unruhe und Nervendruck: den optischen Stress, Stück für Stück. „Im kino war ich … 11 bis mehr stunden optischen stress pur ausgeliefert“ , so stand es da, und ich begriff, warum mein Herz so oft zerkliff.

Die Szenen, kurz und doch so schwer, die Bilder, die ich nicht mehr vergessen konnte, scharf und roh, sie ließen mich nicht einfach so. Ich wollte blind sein manch ein Tag, damit mein Inneres nicht mehr lag in diesem grellen Bildermeer, das mich verfolgte immer mehr.

VIII Vester schrieb, wie Reize brennen, „schreiende Plakate … überdimensionale Reklame“ , und wie sie uns im Innern trennen von Ruhe, die wir kaum mehr haben. Ein Angriff, der uns täglich trifft, ein Strom, der durch die Nerven drift’.

Und abends dann der Bildschirm noch, ein letzter Schlag, ein grelles Loch, „optische reize … verursachen … änderungen im vegetativen Nervensystem“ , so stand es da, und ich verstand, warum mein Körper nicht mehr fand den Weg zurück in seinen Frieden, den ich so lang schon suchte, müden.

IX So endet dieser Freitagstag, ein Tag, der viel in sich vermag: den Lärm, der uns die Nerven spannt, den Stress, der tief im Innern brennt, die Menschen, die mir Ruhe geben, die Worte, die in Büchern leben, und Nadia, die im Alltag steht und mit mir durch die Stunden geht.

Ballade vom Samstag, an dem ein Patschen den Tag veränderte

I Am Samstag, spät um sieben Uhr, lag über mir des Tages Spur, denn heimwärts war ich heut gejoggt, das Rad im Nonntal abgesockt. „Ich habe mit dem fahrrad in nonntal einen patschen gehabt“ , so stand es da, und so geschah’s, ein Zufall, der den Weg mir wies zu einem Laden, still und leis.

Ein junger Mann mit Haube stand und sperrte auf mit ruhiger Hand. Ich fragte nur aus Neugier sacht, ob man das Rad hier fertig macht. „Er sagte, dass das fahrrad frühestens am Montag Nachmittag fertig ist“ , und gab mir einen Zettel dann, ein Meister, Peter Marone genannt.

II Ich ging zu Fuß durch Salzburgs Gassen, ließ Rad und Ärger dort belassen, und kam zum Kapitelplatz sodann, wo Schach im Freien stehen kann. Doch heute war das Feld verriegelt, „mit der langen rasselnden kette abgesperrt“ , und Männer standen dort im Kreis, ihr Reden laut, ihr Blick nicht leis.

Einen davon kannte ich schon, ein Mann, der trinkt, doch ohne Hohn sah er erstaunlich gut heut aus, ein Körper, stark trotz manchem Graus. Ich dachte nach, wie Menschen sich vor einer Welt, die bricht und sticht, „geschützt haben … von der … unmenschlichen arbeitswelt“ , so stand es da, und so es fällt.

III Ich selbst war lang im Kino drin, ein Vorführer mit müdem Sinn, „optisch und auch akustisch überreizt!!“ , so schrieb ich’s nieder, wie’s mich beißt. Die Szenen, kurz und doch so schwer, sie ließen mich nicht einfach mehr, und selbst nach Monaten der Ruh kam keine Stille in mir zu.

Doch Hellbrunn gab mir Frieden heut, ein kurzer Tag, der mich erneut in jene Ruhe führte, die ich nur in freier Landschaft seh. Die Bäume, Wege, Wiesen mild, ein Ort, der meine Nerven stillt.

IV Der Tag begann schon früh um sechs, mein Körper wach, mein Geist perplex, „offenbar ist mein Sympathikus wirklich überempfindlich“ , so stand es da, und so empfand ich’s. Ich wusch das Geschirr, machte Tee, und Nadia stand um sieben eh.

Sie holte Geld, wir sprachen leis, vom Bauhaus, Werkzeug, Rollos weiß. „Für die beiden Rollos zahlte sie 40 €“ , und bald schon kommt ein Handwerksmann, der Boden legt und Rollos setzt, ein kleiner Mann, der viel verletzt vom Leben schon, mit Herz und Schnitt, doch weiterarbeitet Schritt für Schritt.

V Ich machte Yoga, still und klar, und spürte, wie es heilsam war, ein Mittel, das mich wieder trägt, wenn äußre Welt den Geist bewegt. Dann wärmte Nadia Nudeln auf, und wir beschlossen unsern Lauf nach Hellbrunn, sie mit Bus, ich Rad, ein Ausflug, der uns Freude gab.

Auf halbem Weg sah ich dann ihn, den Adi, der in Kindertagen mit mir im Dorfhaus einst gelegen. „Adi ist nur einer der wenigen, die noch halbwegs leben“ , so stand es da, und so ist’s eben. Er raucht und trinkt, doch heute war sein Blick erstaunlich ruhig und klar.

VI Er zeigte mir die tiefe Wund’, „2 übergroße stichwunden!“ , die ihm ein Fremder einst geschlagen, und sprach von Tod, von jenen Tagen, als er die Eingeweide sah und dennoch ohne Furcht da war. Ein Mensch, der viel ertragen kann, ein seltsam starkes Lebensband.

Ich dachte nach, wie Schmerz uns formt, wie Kraft aus Grenzerfahr’n entstammt, „Offenbar kann einem Grenzsituationen … unglaubliche Energiereserven freisetzen“ , so stand es da, und so war’s jetzt. Doch fragte ich mich still sodann, ob diese Kraft, die leiden kann, ein Segen ist, ein Lebenslicht, oder ein Tor, das Hoffnung bricht.

VII Wir machten Fotos, er und ich, die Hunde neben ihm, ganz schlicht. Er zog die Kamera aus der Jacke, „die nur 85 € kostete“ , und lachte, als er Bilder schoss, ein Augenblick, der warm und groß.

Ich dachte nach, wie schnell die Welt sich wandelt, wie sie sich verstellt: „Wer hätte sich das vor einigen jahren denken können?“ dass jeder Fotos machen kann, dass Technik billig wird und nah, und doch die Reize immer mehr den Geist bedrängen, schwer und sehr.

VIII In Hellbrunn wartete Nadia schon, „15 minuten“ , wie sie’s betont, und wir durchstreiften Park und Licht, die Casio hell, die Canon schlicht. Wir machten Bilder, lachten leis, ein Tag, der sich ins Herz einschreibt.

Dann fuhr sie fort zur Feier hin, ich blieb allein mit meinem Sinn, und später kam der Patschen dann, der mich zum Laden führen kann. Ich fragte mich im Rückblick sacht, ob ich den Mantel selbst kaputt gemacht, „weil ich kein fahrradständer hatte“ , so stand es da, und so es war.

IX Nun ist das Rad schon alt und schwer, die Gänge knacken hin und her, „es ist schon gealtet“ , wie ich schrieb, und wie mein Körper manchmal blieb. Doch dennoch trug es mich so weit, durch Hellbrunns stillste Frühlingszeit, und auch wenn manches heute brach, so trug der Tag mich dennoch nach.

Ballade vom Sonntag, an dem die Farben der Menschen lauter waren als der Frühling

I Am Sonntag, spät um acht am Abend, war ich im Innern leicht erlabend, doch überdreht, wie schon zuvor, „ich wachte immer schon so um 6 uhr … auf“, so stand es da, und so begann der Tag, der mich nicht ruhen kann.

Das Wetter war ein Frühlingslicht, ein Tag, der durch die Fenster bricht, und Nadia und ich, wir gingen auf Wanderschaft, um uns zu bringen in jene Weite, die uns trägt, wenn Stadt und Reize uns bewegt.

II Ich lief, weil mir das Rad noch fehlte, „da es wegen eines patschen in einer Reparatur steht“, so stand es da, und so geschah’s, und durch die Straßen ging ich rasch. Zur Plainstraße, zum Sog‑Lokal, ein Ort, den jeder Student einmal gesehen hat, ein gelbes Haus, mit weißen Kanten, warm und aus.

Gelb war die Farbe dieser Gegend, ein Ton, der freundlich wirkt und segnend, „mir ist es … lieber als das grau“, so schrieb ich’s hin, und so empfand ich’s genau. Nadia kam mit Bus heran, und wir gingen die Allee sodann.

III Die Hellbrunner Allee war weit, ein Band aus Licht und Frühlingszeit, und überall sah ich Motive, die wie ein stilles Lied sich triebe. Nadia ging in Eleganz, ihr Kleid ein warmer Frühlingsglanz, und unter einem Magnolienbaum stand sie wie aus einem stillen Traum.

Ich fotografierte sie im Gehen, in jenem leichten, warmen Wehen, doch bald schon war der Akku leer, „wirklich blöde von mir“, schrieb ich her. Die Casio stark, doch schnell erschöpft, ein Licht, das kurz, doch hell aufköpft.

IV Wir wanderten, nun bildbefreit, und sahen Tiere weit und breit, „adrommedar und andere seltsame, exotische tiere“, so stand es da, und so war’s hier. Sie standen still, fast unbewegt, als hätten sie sich tief gelegt in eine Art von innerer Ruh, die ich mir selbst so oft ersehn tu.

Doch Menschen waren viele da, ein Strom aus Farben, laut und nah, und heute war ich sehr empfindlich, „diese extreme buntheit … irritierte mich“, so stand es da, und so geschah’s, ein Reiz, der mir zu viel schon war.

V Die Kleidung schrie in allen Tönen, mit Sprüchen, Bildern, grellen Söhnen, und ich empfand es geistlos, leer, ein Drängen, das mich überfährt. „Sind wir denn eh nicht schon genug … überladen?“ so fragte ich, und suchte Gnaden in einer Welt, die Bilder treibt, bis kaum ein stiller Blick mehr bleibt.

Ich wünschte mir die Art der Bäume, die Farben trägt, doch ohne Räume von Schrift und greller Übermacht, ein Gleichgewicht, das leise lacht. Die Menschen aber, bunt und laut, erschienen mir wie überbaut von Reizen, die kein Maß mehr kennen, ein Drängen, das mich ließ mich trennen.

VI Auf Hellbrunns großer Spielwiese sah ich Familien, Kinder, diese in Gelb, in Weiß, in Joggingblau, „mit mehreren weißen streifen entlang der hose“, so stand es da, und ich sah’s genau. Die Jugendlichen trugen Shirts mit Bildern, die wie Rufe schwirrt’s.

Und überall, wohin ich sah, war Reden, Lachen, Stimmen da, doch meist in banalem Alltagsklang, „eisessen, oder jause“ , so der Drang. Ein Tag, der schön und schwer zugleich, ein Frühlingslicht, doch innerlich weich, ein Wandern, das mich dennoch trug, ein Schritt, der in die Ferne fug.

VII So endet dieser Sonntag sacht, ein Tag, der viel in mir entfacht: die Freude an der Frühlingszeit, die Reizbarkeit, die mich begleitet, die Farben, die mich überfluten, die Wege, die mir Frieden bieten, und Nadia, die im warmen Licht den Tag mit mir gemeinsam bricht.

Ballade vom Dienstag, an dem der Wald die Seele trug

I Am Dienstag saß ich still und leis, die Uhr ging auf den Nachmittag, und später gab ich Yoga preis im Krone‑Hotel, drei Stunden stark. Doch in mir klang der Montag nach, ein Tag, der viele Bilder trug, ein Wandern, das im Herzen wach noch durch die frühen Stunden zog.

Ich stand um acht schon auf, begann den Tag mit Wasser, Seife, Licht, „habe mich rasiert … die haare gewaschen“, so stand es da, und so geschah’s, und Pflanzen goss ich, wie man’s tut, und machte still die Wohnung gut.

II Dann rief ich Gerhild an, die mir ein Wandern für den Tag versprach. Sie kam mit ihrem türkisfarbenen Tier, dem kleinen Auto, leicht und wach. „Es war so 10.30 Uhr“, so stand es da, und so begann der Weg hinaus ins Land, die Spur von Freiheit, die mich tragen kann.

Ich zog die Laufschuhe mir an, „die innen rot sind“, Ashram‑Zeit, und fuhren raus, so weit man kann, wo Ebenau im Grünen liegt. Dort saßen schon zwei ältere Leute, wir frühstückten mit Müsli, Brot, und Kaffee, der den Morgen deute, ein stiller, warmer Lebensbot.

III Ich legte mich ins Wiesengrün, die Sonne kam durchs Fenster sacht, „Gerhild reichte mir … einen schwarzen kaffee“, so stand es da, und so war’s gemacht. Der Garten klein, die Tulpen spät, weil Frost noch über Nacht entsteht. Sie sagte mir die alte Regel: Wenn Schnee am Ochsenberg noch steht, dann ist es für den Garten früh, ein Satz, der wie ein Sprichwort glüht.

Das Haus in Maisgelb, weiß umrahmt, wie Nonntal, Hellbrunn, überall, die Türen schwer, das Holz gezahnt, ein ländlich‑heller Sonnenfall.

IV Man fragte mich, wie’s mir denn gehe, und ich begann, wie ich’s oft tue, zu reden von der Stadt, der Nähe von Reizen, die mich nicht in Ruhe mehr lassen, „ich ertrage momentan keinen Autogestank“, so stand es da, und so empfand ich’s tief in meinem Brustgedank, ein Druck, der mich zur Flucht verbannt.

Dann gingen wir, so ohne Uhr, „wir beide hatten keine uhr dabei“, den Weg entlang, die Waldnatur war still und kühl und sorgenfrei. Gerhild in Rot, mit Jacke leicht, und ich mit Schuhen in der Hand, die ich bald auszog, weil es reicht, den Boden pur zu spür’n im Land.

V Wir kamen zu den Wasserfällen, die erst ganz klein, dann wuchtig waren, und ich ging unter einem schnellen und frischen Strahl, wie seitlich klaren Gebirgs, „das wasser war ganz schön frisch“, so stand es da, und so war’s auch. Sie zeigte Blumen mir am Tisch der Erde: Leberveilchen blau, die Schlüsselblumen, gelb und mild, die Buschwindröschen, weiß und wild.

Sie lehrte mich den Unterschied von Tanne, Fichte, Ast und Nadel, „die Nadeläste der fichte gehen um den ast herum“, so stand es da, und so war’s Handel der Bäume, die im Wald sich drängen, die Fichten eng, die Buchen weit, die unteren Äste tot und hängen, die Kronen grün in Einsamkeit.

VI Ich ging barfuß den Waldweg weiter, der Boden weich aus Laub und Nadeln, und Wasserfallgeräusche heiter begleiteten die Schritte, Takte, „schön wäre es, wenn man … neben einem wasserfall … leben könnte“, so stand es da, und so empfand ich’s tief in meinem Brustgelände, ein Wunsch, der in der Seele stand.

Wir gingen über Bauernwiesen, ein großer Bogen durch das Land, und Gerhild sagte leis, die diesen Weg nicht gern sehen, doch verstand, dass Gras noch niedrig war und weich, und unser Tritt nicht störend gleich.

VII Wir kamen dann zu Franz, dem Mann, „er hat graue haare, sieht aber blendend aus“, so stand es da, und so begann ein kurzer Halt in seinem Haus. Die Kinder blond, die Wohnung bunt, voll Spielsachen, ein Farbenrund. Er sprach vom Strom, der ihn bedrückt, von Leitungen, die ihn entzückt nicht lassen, und der Frage schwer, ob er dort bleiben soll noch mehr.

VIII Dann gingen wir zum Nockstein hin, ein Weg aus Wiesen, Wald und Stein, und ich ging barfuß, Schritt um Schritt, und fast trat ich auf eine klein „Ringelnatter … zusammengerollt auf dem weg“, so stand es da, und so geschah’s. Sie floh, doch ich bekam sie weg im Foto, das mir Freude las.

Wir sahen Rehe, drei im Lauf, die schon im Weitergehen waren, und stiegen dann den Nockstein rauf, ein Kalkberg, steil in seinen Jahren. Oben die Sicht, so weit und rein, „man sieht Salzburg ebenso wie in den süden“, so stand es da, und so erschien die Welt in einem stillen Frieden.

IX Wir stiegen ab, der Tag war lang, und um „18 uhr waren wir wieder im haus“, so stand es da, und Hunger sprang uns beiden in den Körper raus. Gerhild gab Suppe, Knoblauch warm, mit Petersilie, Brot im Arm. Hans kam und legte sich zur Ruh, ein müder Mann, der Frieden suchte.

Dann fuhren wir zurück zur Stadt, ihr türkisfarbenes Auto matt im Abendlicht, und ich stieg aus nahe der Plainstraße, dem Haus. Ich duschte, zog mich um und fuhr mit Zug nach Freilassing hin, „es dauerte ca. 2 stunden“ nur, zu Fuß zurück, mit müdem Sinn.

X So endet dieser Montagstag, ein Tag, der tief im Innern lag: der Wald, der Wasserfall, die Stille, die Blumen, die in Händen blühen, die Menschen, die mir Wärme geben, die Wege, die mich weiterziehen, und all das Wandern, das mich trägt, wenn Stadt und Reize mich bewegen.

Ballade vom Dienstag, an dem der Wind die Stadt durchwehte

I Am Dienstag, nach dem Morgenkaffee, lief ich nach Nonntal still und jäh, „habe mir das fahrrad abgeholt“, so stand es da, und wie gewollt war Schlauch und Mantel neu gesetzt, für „33 €“ war’s ersetzt. Ich fuhr sogleich, noch leicht bewegt, den Weg, der mich zum Platz hin trägt.

Der Kapitelplatz lag still und weit, die alten Männer standen bereit, sie spielten Schach, wie jeden Tag, doch „immer gleich schlecht“, wie ich’s vermag zu sehen, wenn ich kurz verweile, ein Blick, ein Atemzug, zwei Zeile. Ich blieb nicht lang, der Zug war klein, und fuhr zur Getreidegasse ein.

II Zu Paul Blümels Haus ging ich sodann, ein Ort, den ich schon gut ersann, und machte dort die Terrasse rein, „momentan werfen die Sträucher viel von den blüten ab“, so stand es da, und so erschien der Boden voll von Blüten hin. Ich wischte, kehrte, Schritt um Schritt, und nahm die Stiege später mit.

Der Tag war kühl, der Wind war rau, nicht warm wie gestern, sondern grau, „ein kalter wind weht“, schrieb ich leis, und sah den Himmel wolkenweiß. Ein Tag, der still und nüchtern war, doch trug er seine eigene Klar.

III So endet dieser kleine Gang, ein Tag, der kurz war und nicht lang, ein Tag, der ohne großes Tun doch seine Spuren ließ im Nun: das Rad, das wieder fahren kann, der Wind, der durch die Straßen rann, die Arbeit, die im Schweigen ruht, und ich, der still im Weitergehen tut.


Ballade vom Mittwoch, an dem die Stadt zu laut und die Natur zu fern war

I Am Mittwoch klang der Abend nach, der Dienstag trug noch seine Fracht, denn Yoga gab ich spät im Raum, in Freilassing, wie ein Traum. „Eine blonde, gutaussehende frau war auch zur probe hier“, so stand es da, und sie erschien als jemand, der viel Sport betreibt, doch Yoga noch nicht in sich schreibt.

Sie sagte mir nach kurzer Zeit, „dass ihr alles weh tat“, und bereit war sie, sich’s zu überlegen nur – doch ich, der aus Erfahrung spür’, dass Probestunden selten tragen, wusste schon, was sie wird sagen. Ich ließ die Hoffnung still verfliegen, und blieb im Atem, blieb im Wiegen.

II Im zweiten Kurs dann sagten drei, „dass sie ziemlich gestresst sind“, frei von Hemmung, und ich führte sacht ein Yoga, das die Ruhe macht. Zum Schluss die Übung, die ich gab, wo einer aktiv, einer lag, und jene, die nur still geblieben, fanden Frieden, tief und trieben in jene Ruhe, die sie suchten, und die im Alltag oft verfluchten.

Ich sagte, dass beim nächsten Mal die Rollen wechseln – ganz normal –, damit ein jeder spüren kann, wie gut die Stille wirken kann.

III Ich fuhr nach Hause, sah im Licht von Nadias Zimmer, dass die Schicht der Tanzgruppe noch immer war: Gerhild, Ingrid, Siegrid – klar. Ich wollte sie nicht stören dort und ging zur Shell‑Tankstelle fort, „habe snips und brot gekauft“, so stand es da, und so verlief mein kleiner Gang im Abendbrief.

Dann setzte ich mich an den Fluss, die Salzach, die ich sehen muss, wenn Autos mich zu sehr bedrängen, wenn Lärm mich zwingt, mich abzuwenden. „In der salzach spiegelten sich die Straßenlampen … als lange Lichtreflexe“, so stand es da, und so erschien ein Bild, das still im Wasser zieht, ein Streifen Licht, der leise glüht.

IV Ein paar Enten schwammen sacht, „männliche, die man an der typischen bunten federkleidung erkennt“, so stand es da, und so war’s gedacht, ein kleines Bild, das Frieden nennt. Doch Menschen ringsum, jung und laut, mit Handy, das wie Atem taut, sie redeten, als wär’s seit je ein Teil der Welt, ein Alltagsweh.

Ich dachte nach, wie sehr die Welt sich künstlich über uns gestellt: „diese umgestaltete, künstliche Realität … wird … wie eine zweite natur“, so stand es da, und so empfand ich’s tief in meinem Brustverstand. Die Fernseher, die Handymasten, die Bilder, die uns täglich lasten – ein Lärm, der in die Seele greift, ein Reiz, der uns die Ruhe streift.

V Dann kam der Zorn, der mich durchdrang, ein Zorn, der aus Erfahrung sprang, denn Autos waren überall, ihr Lärm ein ständiger Signal. „Autos verseuchen die luft … machen alles kaputt was schön ist“, so stand es da, und so empfand ich’s tief in meinem Lebensrand. Sie machen Städte eng und schwer, sie nehmen Raum, sie nehmen mehr.

Ich fragte mich, warum ein Mann, der zu Fuß geht, sich fügen kann den Regeln, die die Autos setzen, den Ampeln, die die Wege schätzen. „Die Autos sind übermächtig und machen die gesetze“, so stand es da, und so erschien die Welt mir wie ein hartes Spiel, in dem der Mensch zu wenig viel von seiner Freiheit übrig hat, in dieser lauten, engen Stadt.

VI Ich dachte nach von Arm und Reich, von Ungerechtigkeit zugleich, „die reichen leben an plätzen, wo es sonne genug gibt“, so stand es da, und so verstand ich’s tief in meinem Brustverstand. Die Armen bleiben dort zurück, wo Staub und Lärm den Tag ersticken, wo Straßen eng und Häuser drücken.

Und Solidarität, die fehlt, weil jeder kämpft, weil jeder wählt den Weg, der ihn allein erhält, in einer übervollen Welt. „Die meisten menschen sind gestresst und haben einfach keine kraft“, so stand es da, und so ist’s wahr, ein Satz, der wie ein Spiegel war.

VII Doch heute, schrieb ich, sei es schön, „überall ist es himmelblau“, und draußen konnte ich es sehn, ein Tag, der mild ist, warm und lau. Nadia beim Blümel, ich geh hin, um ihr zu helfen, wie ich bin. Und abends sollte Yoga sein mit Hans Peter – doch er blieb fern, „zum zweiten male hat er abgesagt“, so stand es da, und so geschah’s.

Ich lief stattdessen weit und frei „bis zum Lieferinger spitz“, vorbei an Flüssen, die sich farbig mischen, die Saalach hell, die Salzach tief, „beide flüsse sind eiskalt“, so stand es da, und so war’s auch.

Ich kniete, tauchte Füße ein, ein Kneippen, das die Glieder rein.

VIII Beim Rückweg traf ich Adi dann, „mein Bruder“, rief er, nahm mich an, und redete, wie er es tut, so pausenlos, so ohne Mut zum Zuhören, zum Gegenwort – ein Mensch, der schwer die Grenze spürt.

Ich lief dann weiter, suchte Ruh, und legte mich in Nadias Bett, doch Autos brummten immerzu, ein Strom, der keine Pause lässt.

IX Ich sah sie lesen, ruhig und klar, „ein wunderschönes buch über culinaria italia“, so stand es da, und so war’s wahr. Ich selbst kaufte mir einen Führer für Pflanzen, Tiere, doch es war nicht leicht, die Blumen zu erkennen, „die gelben blumen … sehen alle ziemlich ähnlich aus“, so stand es da, und so erschien die Welt mir wie ein Rätsel hin.

Anja lud mich für Tage ein, damit ich Ruhe finden kann, „dort sollte nicht soviel Autolärm sein“, so stand es da, und so begann ein kleiner Hoffnungsschimmer sacht, ein Wunsch nach Stille, Tag und Nacht.

X So endet dieser Mittwochstag, ein Tag, der tief im Innern lag: die Stadt zu laut, die Welt zu grell, die Autos schwer, die Menschen schnell, doch in mir blieb ein leiser Klang, ein Wunsch nach Wald, nach Wiesengang, nach einem Ort, der Frieden hält, in dieser übervollen Welt.

Ballade vom Donnerstag, an dem Worte Landkarten waren und Wasser die Wahrheit blieb

I Am Donnerstag, zur Mittagszeit, war Irek da, bereit, bereit, „ein Rumäne … unser neuer technischer berater“, so stand es da, und ruhig, später, hob er die Rollos für Nadia an, ein stiller, sachverständiger Mann. Er schnaufte leise, trug die Brille, und arbeitete mit Geschick und Wille.

Er machte dann den Küchenboden, schliff Platten, „damit die blattenfläche rau ist“, so stand es da, und ohne Brodeln tat er, was nötig war und ist. Sein Werkzeugkoffer stand bereit, ein kleines Reich aus Eisenzeit.

II Ich lief zuvor, um halb elf schon, den Weg zum Lieferinger Sporn, „der übrigens auch saalachspitz heißt“, so stand es da, und wie ein Kreis aus Wasser, Kies und Frühlingsluft lag dieser Ort im Tagesduft.

Mein Puls begann bei hundertdreißig, stieg später „auf 150 und sogar leicht darüber“, so stand es da, und gleichmäßig lief ich den Weg, der mich hinüber zur Saalach führte, die so klar und steinig, kühl und frisch noch war.

Ich kniete nieder, tauchte ein, das Wasser kalt, doch wohltuend rein.

III Ich dachte nach, wie dieser Fluss ein Lebensraum einst früher muss gewesen sein, „ein kulturfluss … sauerstoffreich und kiesreich“, so stand es da, und so erschien die Welt, die einst an diesem Ort den Fischern Nahrung gab und Brot.

Liefering war damals ein ort … mit 2 übereinandergekreuzten fischen“, so stand es da, und ich verstand, wie sehr die Zeit die Welt verwischt, wie Flüsse enger wurden, schmal, ein Kanal statt eines freien Tal.

Doch Sumpfdotterblumen blühten hell, und Schwertlilien am Ufer schnell.

IV Ich lief zurück, der Puls war weich, die ersten zwanzig Minuten gleich „sogar auf 130“, wie ich schrieb, und später stieg er, wie es blieb. Ich lief entlang der Straße dann, wo viele Läufer gehen kann. Der Löwenzahn am Wiesenrand war wie ein gelbes Frühlingsband.

Bis zum Pioniersteg lief ich, „die hässlichste brücke von Salzburg“, so stand es da, und innerlich war ich bei diesem Anblick stumm, doch lief ich weiter, Schritt um Schritt, bis ich zu Hause wieder mit dem Tag verschmolz, der weiterging, und Irek half, bis alles hing.

V Am Abend ging ich dann ins Bad, das Paracelsusbad, mein Pfad, doch heute war es überfüllt, „mehr als die hälfte … mit weiß-roten absperrungen“, so stand es da, und wie es gilt, waren Kinderkurse dort in Ringen.

Die Erwachsenen, die schwimmen wollten, standen am Rand, als ob sie sollten den Weg versperren, ohne Sinn, und ich sah kaum noch Ruhe drin. Die Routinierten blieben fern, ein Donnerstag, den keiner gern zum Schwimmen nutzt, der ernsthaft schwimmt, weil alles voller Menschen stimmt.

VI Ich nahm mein Buch von Vester dann, „Phänomen Stress“, und fing es an zu lesen, wie ich’s oft getan, und fand im Kapitel „sprache und überleben“ Gedanken, die mich tief erheben.

Worte sind landkarten, nicht das gelände“, so stand es da, und ich verstand, wie sehr der Mensch sich selbst verkennt, wenn er die Welt in Worte bannt. Wie Sprache oft Konflikte schafft, statt Frieden, Nähe, Menschenschaft.

Wie Aggression nicht angeboren, sondern nur möglich sei, verloren erst durch Reize, Druck und Zeit, nicht durch Natur, nicht durch Geleit.

Und wie die Tasaday beweisen, „dass … keine aggressiven verhaltensweisen“ in jenen Völkern je bestehen, die ohne Eigentum noch gehen.

VII Ich las von Semai, Abron, von Tänzen statt Aggression, von Stämmen, die in Zärtlichkeit ihr Leben führen, weit und breit. Und wie der Mensch, der Städter heut, noch immer Steinzeit in sich trägt, und wie ein Urlaub in der Zeit den Stress im Innern wieder legt.

Worte … sind landkarten vom gelände“, so stand es da, und ich verstand, wie oft wir uns im Denken blenden, statt wirklich sehen, was wir fanden.

VIII Am Abend rief dann Dietmar Horst der Schriftsteller an, „wir haben uns für morgen … verabgeredet“, so stand es da, und wie ein Plan lag Hintersee im Tagesbett.

Die Küche war noch leer und kahl, der Tisch im Yogaraum einmal, weil Irek dort den Boden legte, und alles neu und sauber pflegte.

IX So endet dieser Donnerstag, ein Tag, der tief im Innern lag: die Flüsse, die mich wieder tragen, die Worte, die in Büchern sagen, dass Welt und Denken nicht dasselbe, dass Sprache oft die Sicht verstelle, doch Wasser, Wald und Körperkraft den Menschen wieder heimwärts schafft.

Ballade vom Freitag, an dem die Flüsse erzählten und der Puls ein leiser Lehrer war

I Am Freitag, kurz nach Mittag schon, lag draußen hell ein Zwischen‑Ton, „halbwolkig, halbblau“ stand es da, ein Tag, der weder kühl noch klar, doch freundlich in den Morgen ging, als ich zur Saalachspitze lief, wo Wasser durch die Landschaft ging und mir den Atem wieder rief.

Die Dacharbeiter warfen laut „die alten ziegeln herunterschmissen“, so stand es da, und ich vertraut dem Lauf, um diesem Klang zu missen. Ich lief allein, kein Läufer mehr, das Wetter war nicht warm und hehr.

II Der Puls begann bei hundertdreißig, stieg später „auf 140 … manchmal auf 150“, so stand es da, und gleichmäßig lief ich den Weg, der mich beglückt. Am Saalachspitz saß still ein alter Mann, ein Pensionist, der rauchte dann, sein Fahrrad stand im Gras bereit, ein Bild von Ruhe, Einsamkeit.

Wir sprachen über eine Tafel dort, „wild mit gelben, dicken stift beschmiert“, so stand es da, und dieser Ort war durch Vandalen ruiniert. Er sagte, dass es Menschen sind, „die nicht wissen, was sie mit ihrer zeit anfangen sollen“, so stand es da, und wie der Wind verweht ihr Tun, ihr leeres Wollen.

III Er sprach von Salzburgs Häusern, Wänden, „überall angemalt und beschmiert“, von Jugend, die mit Motorhänden den Lärm durch jede Gasse führt. Er war ein Bauingenieur lang, „über 40 jahre“, bis der Gang der Arbeit seinen Rücken brach, ein Leben schwer, ein stiller Bach.

Doch trotz der Schäden, die der Mensch der Saalach tat, blieb sie ein Mensch von Wasser, das mich tief beruhigt, „wirkt sie immer noch sehr beruhigend“, so stand es da, und wie beflügelt fühlte ich mich im Flussgebiet. Auf deutscher Seite nur noch Grün, ein stilles Band, das weiterzieht.

IV Beim Rückweg tat ich etwas neu: Ich stellte meinen Puls auf Scheu, „habe … nur 130 puls laufen können“, so stand es da, und ich begann zu laufen wie ein leiser Mann, der jeden Schritt bewusst erspürt, und wenn der Puls zu hoch sich rührt, „bremste ich das tempo so weit herab“, so stand es da, und ich verstand, wie gut ein langsamer Rhythmus tut, wie langsam laufen Frieden ruht.

Ich lief bis zum Pioniersteg hin, „die hässlichste brücke von Salzburg“, so stand es da, und in mir drin war dennoch Ruhe, Schritt für Schritt.

V Zu Hause nahm ich aus dem Busch den Schlüssel, ging in einem Rutsch ins Haus, und war nicht mehr so müd wie an den ersten Tagen früh. Um zwölf dann rief die Gerhild an, „ob ich zeit hätte … in die trockene klamm zu gehen“, so stand es da, und wie ein Bann lag Freude in dem Wiedersehen.

Doch ich war schon verabredet mit Dietmar, „um 14.30“, und freute mich auf Hintersee, ein Ort, der mir die Seele hebt.

VI Dann las ich noch ein wenig still von Salzach, wie sie fließen will, „von ihrem ursprung am Salzachgeier … 226 kilometern“, so stand es da, und wie ein Leiter führte mich dieses Wissen hin zu Quellen, die im Hochgebirg aus Lacken, Mooren, Almböden rinnt, ein Wasser, das die Täler birgt.

Ich las von Krimmler Ache dann, „deutlich wasserreicher und länger“, so stand es da, und wie ein Bann lag Wahrheit in dem alten Gang der Flüsse, die sich ändern stets, von Fels zu Schotter, Sand und Schlick, von Forellenregion zu Auenplätz’, ein Wandel, der im Wasser liegt.

VII So endet dieser Freitagstag, ein Tag, der tief im Innern lag: der Fluss, der mich im Kneippen trägt, der Puls, der mich im Laufen prägt, der alte Mann, der ruhig spricht, die Tafel, die ihr Bild verliert, die Blumen, die am Ufer stehn, die Landschaft, die im Wandel geht.

Ein Tag, der leise in mir ruht, ein Tag, der mir im Weitergehen die Welt erklärt, so wie sie tut, und mich im Atem weiterdrehen.

Ballade vom Dienstag, an dem die Frösche schwiegen und das Fahrrad fast verloren ging

I Am Dienstag lag ein helles Grau über den Dächern, weich und lau, „die vögeln zwitschern in Chören“, so stand es da, und wie ein Führen begann der Tag in leisem Klang, bis Dachdecker mit schwerem Gang „alte ziegeln vom dach in den großen Container“ warfen, laut wie ein Metall‑Erzähler.

Nadia und ich tranken Kaffee, kein Brot im Haus, doch warm der Tee. Sie machte still das Bett zurecht, und ich, vom Vortag müd und schlecht, schrieb erst jetzt, was gestern war, ein Tag, der reich an Bildern war.

II Sie suchte eine Pension dann, „Pension Theresa“, wie sie’s nannte, doch fanden wir sie nirgends an, kein Telefon, das sich bekannte. Doch plötzlich rief sie: „Ich hab’s schon!“ „Frau Bachmeier in trimmelkam“, so stand es da, und wie ein Ton lag Hoffnung in dem neuen Plan.

Wir wollten fort, von Montag an, in Oberösterreich, im Land, um uns vom Stress zu lösen dann, in stiller, ruhiger Naturgewand.

III Am Vortag, Montag, früh um acht, „die dachdecker machten schon viel lärm“, so stand es da, und ich verbracht den Morgen putzend, ruhig und warm. Ich wusch das Geschirr, saugte Staub, und Nadia übte Tanz im Raum, ein Spontanauftritt, voller Laub von Farben, Rhythmus, Körpertraum.

Ich filmte sie mit neuer Kraft, der Casio‑Kamera, die schafft ein Bild, das hell und klar sich zeigt, doch in den Rechner nicht hineinsteigt. „… probierte ich vergebens mehr als einer halben stunde“, so stand es da, und wie ein Wunder gab ich’s dann auf und lief hinaus, zur Salzach, meinem zweiten Haus.

IV Ich lief hinunter zum Saalachspitz, den Pulsmesser am Arm, als Sitz für jeden Schlag, der in mir ging. Ich wollte wissen, wie hoch er springt. „Auf 150 kam ich gleich mal“, so stand es da, und wie ein Strahl stieg später auch der Puls hinauf, „auf 170 … in der minute“, so stand es da, und ich lief drauf mit Atem, der sich tief verflutet.

Ich sah die Strömungen im Licht, die Steine, „faustgroß, ballartig“, dicht am Ufer, Sand und Kies vermischt, ein Bild, das sich ins Auge frisst.

V Ich zog die Schuhe wieder aus, lief barfuß, wie ich’s oft schon tat, der Wind war föhnig, wild hinaus, „am himmel waren einige wildformatierte wolken“, so stand es da, und wie ein Schlag lag Frühling über allen Wolken.

Beim Rückweg wollte ich auf 130, doch „der puls ging … schnell über 140“, so stand es da, und ich verstand, wie schwer es ist, den Körper sanft zur Ruhe wieder hinzuführen, wenn Muskeln schneller weiter spüren.

VI Zu Hause wartete ein Tisch, „viel gelber reis und ein Menü mit Soja“, so stand es da, und warm und frisch aß ich, was Nadia mir da kochte. Dann legten wir uns beide hin, und um drei Uhr stand sie schon wieder, musste zur Arbeit, leicht im Sinn, und ich las weiter, still und nieder, von Wasseramsel, Zaunkönig, von Bergstelze und Wasserspitzmaus, ein kleines Büchlein, zart und ruhig, ein Stück Natur im kleinen Haus. (Ort: Plainstraße 27)

VII Dann fuhr ich nach Freilassing hin, „seit 2001 yogaunterricht“, so stand es da, und wie ein Sinn lag Frieden in dem Abendlicht. Ich sprach von Milchsäure und Stress, von Atem, der den Körper lässt zur Ruhe finden, Stück für Stück, ein kleiner Weg zum Gleichgewicht.

Ich sagte auch, dass nächste Woche kein Unterricht sein werde, weil ich in Trimmelkam mich suche nach Ruhe, Wald und Wiesenteil.

VIII Beim Heimweg war es dunkel schon, die Frösche quakten laut im Ton, „so ein Geräusch, als ob tiere abgewürgt werden“, so stand es da, und wie auf Erden lag dieses Quaken überm See, ein seltsam schrilles Abendweh.

Ich stellte mein Fahrrad ab im Gras, und ging barfuß, meditativ, „gegen den Uhrzeigersinn den see entlang“, so stand es da, und jeder Schritt war leise, weich, ein stiller Gang.

Die Frösche schwiegen, als ich kam, „offenbar … merkten selbst da die frösche … und hörten … auf zu quaken“, so stand es da, und wie ein Rahmen lag Staunen über meinem Blick.

IX Ich sah die Fledermäuse ziehn, „lautlos … in unruhigen, ständig hakenschlagenden routen“, so stand es da, und überm Grün lag Nacht, die sich in ruhigen Wellen flutet.

Zwei Menschen gingen durch die Wiese, ich sah sie nur als dunkle Riese, und dachte mir nicht viel dabei – doch später wurde mir nicht frei.

Denn als ich wieder heimwärts wollte, mein Fahrrad suchte, wie ich sollte, „konnte ich es nicht mehr finden!“ so stand es da, und wie ein Binden lag Angst und Wut in meinem Herz, ein kurzer Stich, ein kleiner Schmerz.

Ich suchte, ging den Weg zurück, und plötzlich kam ein kleines Glück: „tatsächlich! Mein fahrrad … war … abgestellt worden!“ so stand es da, und wie ein Orden lag Freude über meinem Blick.

X Ich fuhr nach Hause, voller Dank, und wollte Nadia alles sagen, doch sie erzählte selbst, wie frank die Gerhild sie gelobt an Tagen, „du machst es wirklich sehr gut!“, so stand es da, und wie ein Mut lag Wärme in dem kleinen Satz, ein Licht im Alltag, still und glatt.

Wir waren müde, legten uns, und schliefen ein im Abendgrund.

XI Am Morgen saß ich dann erneut am Küchentisch, der mir vertraut, „man hört das schlagen und das hämmern“, so stand es nervlich, und wie ein Kämmen ging Lärm durch jede Zimmerwand.

Die Forsythien, einst so groß, „strahlen heute nicht so“, weil das Grün der Bäume sie nun überloht, ein Frühling, der sich weiterzieht.

Ballade vom Mittwoch, an dem Regen fiel und Worte schwerer wogen als der Tag

I Am Mittwoch saß ich, wie so oft, am Küchentisch, der mich bewohnt, „auf meinem Stammtisch auf den geflechteten Sessel“, so stand es da, und leis, wie Kessel von Regen, klang der Morgen sacht, der Wecker hat um „8.04“ erwacht.

Die kleine Tasse, blau und fein, mit Gold verziert, stand links von mir, die Vögel zwitscherten vorm Fenster hinein, ein kurzes Zischen, Tonpapier. Es regnete, die Wohnung still, ein Tag, der leise bleiben will.

II Die Bäume draußen, schwer und grün, „noch wuchtiger und grüner geworden“, so stand es da, und zwischen ihnen verblassten Forsythien im Norden. Ihr Gelb, das einst den April trug, war nun vom frischen Blattwerk zugedeckt, nur wenige Sträucher ragten genug, ein letzter Gruß, ein stiller Fleck.

III Dann kam die Erinnerung zurück an gestern, Dienstag, Stück für Stück: Ich war um zwölf bei Nadia drin, und sie gab mir mit ruhigem Sinn „eine Spezialaufgabe“ auf, die Fenster hoch im zweiten Stock, ein Innenhof, ein stiller Lauf, doch voller Taubendreck und Schock.

Ich fegte erst den gröbsten Dreck, „viel mist“, so stand es da, und weg mit Mundschutz, Handschuh, Schritt für Schritt, denn Tauben tragen Krankheit mit. Ich schrubbte eine ganze Stunde, bis alles rein war, Stück für Runde.

Doch Nadia goss Chemie darauf, „aggressives chemisches zeug“, und weil die Fensterbänke schief, lief blau die Mauer hinab im Lauf. Ein Bauarbeiter sah es fließen, „Do sind zwa Spezialisten“, rief er, und pfiff zur Popmusik daneben, ein Ton, der mir nicht Freude gab.

IV Ich fuhr nach Hause, packte ein mein Yogazeug und fuhr hinein nach Freilassing, wie jeden Tag, „um 17.30 hatte ich Yoga“, so stand es da, und wie ein Schlag lag Müdigkeit im Abendraum.

Ich sagte ihnen, dass ich bald auf Urlaub sei, im Land, im Wald, und eine Frau gab mir Papier, „einen bogen mit von der DAK“, so stand es da, und vor mir hier lag ein Bürokratie‑Attakt.

Sie wollte, dass ich anerkannt von Krankenkassen werde, doch „die Gebietskrankenkassa will meine Qualifikation … nicht anerkennen“, so stand es da, und wie ein Bann lag Schwere über meinem Sinn.

V Ich dachte nach, wie wenig zählt, was wirklich trägt, was wirklich heilt: „621 unterrichtseinheiten“, vier Jahre Lernen, Prüfungszeiten, die besten Noten, tiefer Fleiß, die Praxis, die seit Jahren reift, die Bücher, die ich still durchstreif’, die Anatomie, die ich studier’, die Schüler, die seit „8 jahren“ hier zu mir kommen, Woche für Woche – doch all das zählt der Kasse nicht.

Sie wollen Scheine, Kästchen, Pflicht, ein System, das Menschen einordnet, statt Wesen sieht, statt Herz und Licht.

VI Dann war da Lilli, die mir leid und Mut zugleich im Herzen zeigt: „die parkinsonsche krankheit nimmt ihren lauf“, so stand es da, und wie ein Hauch lag Furcht in ihrem Blick so klar, als Gleichgewicht nicht möglich war.

Doch andere sahen sie mit Achtung, mit Wärme, Kraft und stiller Machtung. Ihr Blick, den ich nicht mehr vergesse, war wach und traurig, schwer und leise.

VII Petra kam neu, gab „100 €“, ein Licht im Abend, warm und klar. Sie kämpfte mit der Schulter sehr, „schleimbeutelentzündung und verkalkung“, so stand es da, und wie ein Meer lag Schmerz in ihrem Lebensgang.

Die Stoßwellentherapie tat weh, sie brach sie ab und suchte Ruh bei einem Heiler, Schritt für Schritt, ein Weg, der ihr vielleicht besser tut.

VIII Nach drei Stunden Yoga fuhr ich dann ins Fitnessstudio, hob Gewichte, und später heim, ein müder Mann, mit schwerem Kopf und mürrer Sicht. Die Ablehnung der Kasse lastete wie Stein auf meinem Abendlicht.

IX Am Morgen dann, um „8:58“, stand Nadia auf, trank Kaffee sacht, und kochte Reis mit Sojaleibchen, ein Essen, das mir Freude macht. Ich massierte ihr die Füße dann, „rieb sie mit Nivea ein“, ein kleiner Dienst, ein stiller Bann, ein Augenblick von Zärtlichkeit.

X Der Regen fiel, der Himmel grau, „eine leuchtende, graue decke“, so stand es da, und wie genau lag Stille über jedem Fleck. Ich las im Fahrradbuch sodann, und fand darin, was mich erschreckte: „Menschen … werden … bereit … über leichen zu gehen“, so stand es da, und wie ein Bann lag Wahrheit über meinem Sehen.

Der Straßenverkehr, ein wildes Feld, wo Schwächere oft untergehn, wo Radfahrer wie Autofahrer „hemmungslose gewalttäter“ werden, so stand es da, und wie ein Schlag lag Schwere über meinem Tag.

XI Am Nachmittag lief ich erneut zum Saalachspitz, ganz langsam heut, „mit einem puls von 110–115“, so stand es da, und wie ein Traum lag Leichtigkeit im Körperraum.

Doch als ich heimkam, war es spät, „schon 10 nach 18 h“, und Hans Peter, der zum Yoga geht, „war nicht da“, so stand es da.

Nadia kam heim um „20 h“, müde, still, und morgen schon wartet ein langer Arbeitstag beim Paul Blümel, Fenster, Stiegen und auch der Lohn.

Und Freitag fährt sie in den Urlaub fort, und Montag sind wir beide dann in Oberösterreich, dem Ort, wo Ruhe wieder wachsen kann.

Nun endet dieser zweite Band, 

ein Monat, reich an Weg und Hand,

an Flüssen, die dein Denken trugen,

an Tagen, die im Grünen ruhten, 

an Stunden, die in Stadt und Land den Atem wieder frei gemacht.

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Ohne Reime: Stichwortartig:

11. April 2009 – Gartenstück mit Zeitung, Himmel und Gedanken

I. Die Stimme aus der Zeitung Nadia liest mir vor, Seite 21 der Krone, eine Hymne auf das Paracelsusbad, auf Bürger, die sich nicht beugen wollten, auf 6000 Unterschriften, auf Marie Colbin, die mit ihrer Unterschriftenmappe durch die Stadt lief wie eine moderne Jeanne d’Arc des Schwimmbeckens.

Ein Bad, das man abreißen wollte, ein Bad, das Kindheit, Jugend, Familien, Erinnerungen trug. Ein Bad, das blieb. Ein Bad, das gerettet wurde von jenen, die es benutzten.

Ich höre zu, und irgendwo in mir regt sich ein stilles Lächeln: Manchmal können Menschen doch etwas bewahren, wenn sie nur laut genug sagen, dass es ihnen etwas bedeutet.

II. Der Garten Jetzt liege ich im Gras, unter der farbigen Wolldecke, die Nadia von ihrer verstorbenen Tante bekam. Ein Erbstück aus Stoff, ein kleines Stück Vergangenheit, das mich heute wärmt.

Der Garten ist übersät mit Gänseblümchen, Löwenzahn, jungem Gras und altem, grauem, das schon halber Kompost ist. Alles wächst ineinander, wie Gedanken, die sich nicht trennen lassen.

Der Himmel ist blau, so blau, als hätte er nie eine andere Farbe gehabt. Von rechts her leuchtet er, links steht der Flieder, gelbe Blüten, vierblättrig, länglich, ein kleines Wunder, das niemand bemerkt, außer man liegt so wie ich mit dem Bauch im Gras und hat Zeit.

III. Der Baum In der Mitte des Gartens steht der große Tannenbaum, zurechtgeschnitten, wie alles in dieser Stadt zurechtgeschnitten wird. Die Äste zur Straße hin brutal abgesägt, damit er „ordentlich“ aussieht.

Ordnung — dieses Wort, das Menschen so lieben und das die Natur so wenig braucht.

Die Natur schafft Ordnung, indem sie wachsen lässt, verrotten lässt, ineinander übergehen lässt. Der Mensch schafft Ordnung, indem er abschneidet.

IV. Der Geruch, die Sträucher, die Welt Das Gras riecht sauer, feucht, ein wenig verschimmelt — ein ehrlicher Geruch.

Die Sträucher zur Plainstraße sind sauber geschnitten, oben alle gleich lang, wie Schüler in einer Reihe. Sie lassen den Blick hindurch, aber nicht zu weit.

Zwei Sessel stehen im Garten, Nadias Sessel, keine Liege — die wäre besser, aber wir haben keine.

V. Die Bücher Ich lese Frederic Vester: Phänomen Stress. Woher er kommt, warum er lebenswichtig ist, warum er entartet.

Und ich lese Van Goghs Briefe, diese ungeschönten, ehrlichen, schmerzvollen Dokumente eines Menschen, der mehr sah als andere und dafür bezahlen musste.

Währenddessen kocht Nadia. Ihr leises Tun ist wie ein Hintergrundgeräusch meines Lebens, ein Rhythmus, der mich trägt.

12. April 2009 – Maria-Plain-Tag, Garten, Gespräch

I. Der Weg nach Maria Plain

Gestern gingen wir hinauf zur Wallfahrtskirche, Nadia mit dem Bus, ich mit dem Fahrrad. Wir trafen uns bei der Nebomukbrücke, wo der Bach im Sonnenlicht glänzte wie eine vibrierende Glasscheibe.

Wir machten Fotos — Nadia im Gegenlicht, ich mit dem Fahrrad, der Bach wie ein Spiegel, der die Welt kurz festhält, bevor sie weiterfließt.

Überall sah ich den gelben Flieder, den ich so liebe, den gleichen wie vor unserem Küchenfenster, nur größer, mächtiger, ein Baum fast, mit Ästen dick wie Arme, die sich in den Himmel strecken.

Selbst in der Kirche Maria Plain lagen Zweige davon auf dem Seitenaltar, als hätte jemand verstanden, dass diese gelbe Blüte ein stilles Gebet ist.

II. Die Kirche

Von weitem sahen wir die weiße Barockkirche, eingebettet in Tannen, unter einem tiefblauen Himmel, der so klar war, dass man fast glaubte, er sei frisch gewaschen worden.

Maria Plain — symmetrisch, ruhig, nicht protzig, nicht kalt wie der Dom, nicht eingeengt wie die Kollegienkirche. Eine Kirche, die atmet.

Innen: viel Blau, ein seltenes Kirchenblau, das mich sofort berührte. Zwei Bilder gleich beim Eingang: eine Frau, zweimal dieselbe Trauer, Taschentuch in der Hand, ein Schmerz, der sich spiegelt. Die Hände erinnerten mich an Leonardo.

Nur wenige Menschen beteten. Es roch süßlich-muffig, wie alte Kirchen eben riechen, eine Mischung aus Weihrauch, Staub, und Jahrhunderten.

III. Der Ärger auf dem Weg

Noch vor der Autobahnunterführung sprachen wir über Stefan, der uns damals diese dunkle Wohnung neben der Autobahn vermitteln wollte — mit der Bedingung, einen behinderten Mann zu pflegen. Ein absurdes Angebot, eine Zumutung.

Gerade als wir darüber sprachen, kam dieser unrasierte Mann auf seinem Moped, hielt an, sagte etwas Konfuses: „Ihr müsst aufpassen, da vorne steht wer.“

Ich ärgerte mich später darüber, über seine Art, über sein Auftreten, über diese sinnlose Bemerkung. Nadia meinte, er wollte uns warnen. Ich meinte, er wollte uns verunsichern. Vielleicht hatte jeder von uns ein Stück Recht.

IV. Das Gasthaus und die Aussicht

Oben trank ich Orangensaft mit Leitungswasser, Nadia Kaffee. Um uns Familien, Kinder, Mütter mit Töchtern, ältere Frauen mit Hüten, die im Frühlingslicht glänzten.

Von der Terrasse aus sah man die Stadt, die Festung, den Untersberg, und Berge, deren Namen ich nicht kenne, aber deren Formen ich liebe.

Die Sicht war so klar, dass man glaubte, man könne die Luft anfassen.

V. Die Fotos, der Abend, der Traum

Wir machten viele Fotos mit der neuen Casio-Kamera, 12 Megapixel — damals eine kleine Sensation.

Nadia in der Wiese, Nadia auf den Andachtstreppen, ich vor dem Geisberg.

Zu Hause sahen wir die Bilder an, tranken roten Wein, aßen salziges Naschzeug, und wurden müde von all den Eindrücken.

In der Nacht träumte ich, ich hätte Stromkabel gegessen und spuckte sie im Bett aus. Ein Traum, der mich selbst zum Lachen brachte.

VI. Der Ostersonntag

Nadia stand früh auf, ich war müde vom schlechten Schlaf. Wir tranken Kaffee, aßen Osterkuchen mit Butter, das gefärbte Ei in der Mitte war schon verschwunden — in uns.

Wir sprachen über gestern, über den muffigen Kirchenraum, über Tod und Trauer.

Nadia sagte, sie wolle kein Schwarz, kein Weinen, wenn sie einmal stirbt. Sie wolle ein Fest, Tanz, weil sie dann „endlich nicht mehr leidet“.

Sie sagte: „Trauer ist oft egoistisch. Man trauert um sich selbst, nicht um den anderen.“

Wir sprachen über Klöster, über Ashrams, über Freiheit und Unfreiheit. Ich sagte: „Im Ashram gibst du deine Individualität auf.“ Nadia sagte: „Die Mönche haben viel Freizeit, aber keine Freiheit.“ Ein schönes Paradox.

Jetzt sitzt sie im Garten und genießt den wolkenlosen Himmel.

13. April 2009 – Garten, Flieder, Salzach, Menschheit

I. Der Morgen im Garten

Ich liege auf dem Bauch im Garten, Ellbogen aufgestellt wie in einer Yoga-Kobrastellung, die Erde unter mir, der Himmel über mir, und dazwischen mein Körper, der versucht, beides zu verbinden.

Links der gelbe Flieder — Forsythien — ein Leuchten, das fast unverschämt ist. Rechts eine Tasse Mineralwasser, bereit wie ein kleines Ritual.

Das Licht tastet sich langsam vor, berührt die gelbe Mauer, den Schotterweg, und kündigt an, dass der Tag wieder einmal heller sein wird als die Stadtluft verdient.

Tulpen stehen am Rand, einige offen, andere noch verschlossen, wie Menschen, die nicht gleichzeitig bereit sind.

Nadia duscht. Ich habe das Bett gemacht, das Geschirr abgewaschen, die Wohnung geputzt, den Müll hinausgetragen. Ein Morgen wie ein kleines, stilles Pflichtgedicht.

II. Der gestrige Ausflug – Wildthing und die Salzach

Gestern fuhr ich mit meinem alten Fahrrad, dem „Wildthing“, los Richtung Laufen.

Bei den Salzachseen war ich um 14:16 — und staunte über die Menschenmassen, die schon im April wie im Hochsommer lagen, halbnackt, gedankenlos, ungebildet, laut, und ohne jedes Gefühl für das, was sie umgibt.

Frauen im Bikini, ältere mit hängenden Brüsten, dicken Oberschenkeln, schwammigen Bäuchen — und einer Selbstverständlichkeit, die mich gleichzeitig amüsiert und irritiert.

Der See — jetzt noch halbwegs sauber — wird im Sommer wieder eine „Drecklatsche“ sein. Die Menschen benehmen sich wie Schweine, verrichten ihre Notdurft im Wasser, und wundern sich dann über den Gestank.

Ich fuhr weiter, immer entlang der Saalach, rechts von mir der Fluss, links die Sonne, und endlich einmal keine Häuser, keine Autos, kein Lärm.

Nur der Weg, zwei Meter breit, leicht bergab, ein Versprechen von Freiheit.

Ich liebe solche Strecken, wo man nicht weiß, was kommt, und die Welt sich Schritt für Schritt selbst enthüllt.

III. Der Sallacher Spitz – und die Wut auf die Menschheit

Beim Zusammenfluss von Saalach und Salzach war ich überrascht, wie viele Menschen dort saßen.

Die beiden Flüsse — beide grün, doch verschieden: die Saalach hell, die Salzach dunkel. Eine Grenze, die man noch lange sieht, als wollten beide Gewässer ihre Identität nicht aufgeben.

Möwen ließen sich genau auf dieser Linie treiben, als wüssten sie, dass dort die Strömung am spannendsten ist.

Und dann kam die Wut. Die alte, tiefe Wut auf die Menschheit, die alles zerstört, was sie berührt.

Die Salzburger mähen nieder, was ihnen im Weg steht. Bäume, Wiesen, Flüsse, alles wird betoniert, zugeschnitten, eingezäunt, verwertet.

Der Mensch — das Kellerwesen der Natur — macht aus Paradiesen Parkplätze.

Wenn die Menschheit ausstirbt, dachte ich, wird die Natur feiern. Sie wird aufatmen, wieder wachsen, wieder blühen.

Ja, die Hölle gibt es. Sie heißt: Mensch.

IV. Weiterfahrt – Pferde, Irrwege, Laufen

Ich fuhr weiter, sah endlich alte Bäume, stolze, dicke, die noch nicht gefällt worden waren.

Zwei Reiter kamen mir entgegen, ein Mann mit freundlicher Ausstrahlung, eine schlanke Frau um die vierzig. Ein kurzer Moment von Schönheit.

Dann wurde der Weg schmal, ein umgefallener Baum, ein Nebenfluss, ich musste zurück, eine Brücke suchen, neu beginnen.

Um 15:44 sah ich die Kirche von Laufen, spitz wie ein Bleistift, mit rotem Dach, gotischen Fenstern, und einer Würde, die man nicht übersehen kann.

Um 16:05 war ich im Ort. Ich überquerte die Brücke, war wieder in Österreich, ohne Ausweis — und hoffte, dass mich niemand kontrolliert.

V. Rückweg – Müdigkeit, Schönheit, Dunkelheit

Ich fuhr durch das Natura-2000-Gebiet, las über den Grünspecht, hörte sein „schallendes Lachen“, überquerte die alte Mattigbrücke, müde, aber glücklich.

Die Sonne wurde golden, die Bäume majestätisch, die Fische der Stahlkunstausstellung größer als ich.

Um 20 Uhr war ich wieder in Laufen, um 21:23 in Freilassing, um 22 Uhr zu Hause. Ein Tag wie ein Roman.

14. April 2009 – Küche, Farben, Inge, Ziegen, Landluft

I. Der Morgen in der Küche

9:19. Ich sitze in der Küche, und draußen ist wieder dieses Wetter, das alles verspricht und nichts fordert.

Die Forsythien brennen gelb, die Magnolienblüten stehen weiß im Schatten, dazwischen das Grün, und darüber ein Himmel, der heute in zwei Tönen leuchtet: blau und hellblau.

Die Villa gegenüber trägt ihr körniges Gelb wie eine alte Dame ihr Sonntagskleid. Die Sonne trifft sie nur matt, aber genug, um sie wach zu küssen.

Die Fenster sind dreigeteilt, das Dach mit Laternenaufsatz schön — wäre da nicht die unvermeidliche Satellitenschüssel, dieses moderne Muttermal, das zeigt, wie unfähig der Mensch geworden ist, ohne Fernseher zu leben.

Auf unserem Tisch steht noch der Blumenstrauß von Anna Liese: Narzissen, Tulpen, ein Osterkorb mit Gras, ein Küken aus Plastik, ein einziges Ei, das noch übrig geblieben ist vom gestrigen Fest.

II. Besuch bei Inge – Ostermontag

Gestern besuchten wir Inge. Ich kenne ihren Nachnamen nicht, aber ich kenne ihr Schicksal: den Mann verloren, zwei Söhne verloren, und doch lebt sie weiter, mit Tieren, mit Land, mit Arbeit.

Sie wohnt in Ried 17, ein großes Haus, ein Hof mit Ziegen, Hasen, Katzen, alles mit Raum, alles mit Luft, alles mit Würde.

Ihre Tochter Manuela — mager, mädchenhaft, mit leichtem Buckel — kümmert sich um die Hasen. Sie liebt die Tiere, und die Tiere lieben sie.

Die Wohnung oben, die ich vor zehn Jahren schon gesehen habe, ist unverändert geblieben: hellblaues Wohnzimmer, weiße Sofas, Glastisch, Fernseher als Mittelpunkt.

Ein Regal mit wenigen Büchern: ein altes Tierbuch, „Füreinander bestimmt“, Kübler-Ross über das Sterben. Sie sagt, sie habe lange nicht mehr hineingesehen.

Ein Blutdruckgerät liegt bereit: 80/170 — ein Wert wie ein Ausrufungszeichen.

Im Vorraum: Kruzifix, Fotos der Verstorbenen, Ostereier, Tulpen, Narzissen, Kirschzweige. Alles wie vor zehn Jahren. Zeit, die stehen geblieben ist.

III. Die Ziegen – Maxi und Susi

Draußen, im eingezäunten Gras, stehen Maxi und Susi, zwei Ziegen, vier Jahre alt, schwarz glänzend, mit Hörnern wie Dolche, die nach hinten gebogen sind.

Ich springe über den Elektrozaun, und sofort kommt Maxi zu mir, größer, dominanter, eifersüchtig, er drängt Susi weg, die jammert, aber sich nicht wehrt.

Beide sind zutraulich, sie hören zu, sie lassen sich streicheln, sie sind wie ein altes Ehepaar: streiten, versöhnen, immer zusammen.

Maxi trägt ein helles Halsband, Susi ein rotes. Beide haben Bärte, Maxi zusätzlich Fellbüschel an den Seiten. Ihre Augen sind gutmütig, ihre Schwänze kurz, ihr Atem warm.

Wir gehen mit ihnen spazieren, ohne Leine, und sie bleiben immer bei uns, braver als Hunde.

Autos halten an, die Menschen staunen. Ziegen auf der Straße — ein Bild, das man nicht vergisst.

IV. Der Wald, die Wiese, die Erinnerungen

Wir gehen in den Wald, Nadelbäume, Licht, das durch die Kronen fällt, ein Baumstamm am Rand, auf dem Inge balanciert.

Maxi folgt ihr sofort, Susi zögert nicht lange, geht die ganze Länge, mutiger als der Bock.

Inge erzählt, dass sie als Kind stundenlang durch Wälder ging, und dass sie jetzt, nach all den Schicksalsschlägen, wieder zurückfindet in die Natur.

Auf dem Weg liegen alte Dachziegel, zerbrochen, zerstreut. „Vom alten Dach“, sagt sie. „Wir haben sie einfach hier gelassen.“

Eine kleine Waldwiese, eingeschlossen von Bäumen, ein Ort, an dem sie immer ein Häuschen bauen wollte. Ein Traum, der nie verwirklicht wurde, aber nie verschwunden ist.

V. Rast am alten Baum

Wir kommen zu einem riesigen Baum, meterdick, mit einer Bank darunter.

Wir setzen uns. Maxi steigt auf die Bank, Susi später auch. Wir lachen. Die Sonne blendet kaum, der Himmel ist hellblau, ein paar Haufenwolken weit entfernt.

Die beiden Ziegen sind nie weit voneinander, nie weit von uns. Ein kleines, stilles Glück.

VI. Die Schweine, das Haus, der Abschied

Wir gehen weiter zu den Schweinen, 20 oder 30 Tiere, schmutzig, mit halbgeschlossenen Augen, aber neugierig, schnüffelnd, lebendig.

Zurück beim Haus sehen wir die Solarpaneele, die warmes Wasser liefern. Ein Kreisgang, ein Tag, ein kleines Universum.

Oben im zweiten Stock werden wir eingeladen zu Orangensaft mit Zucker und Topfenkuchen. Dann Schinken und Brot.

Inge erzählt von Indonesien, Ägypten, Sahara, Türkei. Dieses Leben, das so viel Schmerz kennt, aber auch so viel Welt.

Wir fahren zurück, müde, voller Eindrücke, voller Bilder, voller Tiere.

Es ist nach neun, als wir zu Hause sind. Wir schlafen bald ein.

16. April 2009 – Stress, Salzachsee, Schwimmen, Mario, Meditation

I. Der Morgen – Arbeit, Garten, Flucht vor dem Lärm

Wieder ein Tag von makellosem Wetter. Zwei Tage lang kam ich nicht zum Schreiben — das Leben war schneller als das Tagebuch.

Vorgestern war ich bei Blümel in der Getreidegasse, Dachwohnung, Stiegen geputzt, Fenster gereinigt, Schuhe gepflegt, Türrahmen vom Staub befreit. Eine Arbeit, die man nicht sieht, aber die getan werden muss.

Gestern saßen Nadia und ich im Garten, bis der Lastwagen kam, laut wie ein Tier, das rote Ziegel in den Hof spuckte. Ich floh — nahm die blaue Decke, Badezeug, und fuhr zum Salzachsee.

II. Der Salzachsee – Menschen, Tiere, Wasser, Ekel, Schönheit

Der Rasen war frisch gemäht, Sand überall, Schmutz, aber die Sonne mild.

Ich legte mich hinter die großen Bäume beim Volleyballplatz. Eichhörnchen, Eidechsen, und ein Zeck auf meinem Arm — Natur, die sich nicht entschuldigt.

Ich las Frederic Vester bis Seite 80, dann wagte ich mich ins Wasser. Der See war frisch, aber ich schwamm quer hinüber und zurück. Ein Krampf in der linken Hand, doch ich hielt durch.

Die Menschen dort — braungebrannt, arbeitslos, faul, tätowiert, Zeitungen lesend, Frauenzeitschriften, keine Bücher.

Die älteren Frauen oben ohne, hässlich, schamlos, nicht aus Freiheit, sondern aus Gleichgültigkeit.

Die WC-Anlage stank wie immer, Urin am Boden, ein Buffet daneben, Eis, Bier, ungesunde Gewohnheiten.

Ich beobachtete sie alle mit einer Mischung aus Abscheu und Anthropologie. Der Mensch als Tier, das sich selbst nicht kennt.

III. Stress – Vester, Typ A, Selbstdiagnose

Am Abend las ich weiter in Vester. Und erkannte mich selbst: Typ A, Sympathikotoniker, der sich überfordert, der mehr von sich verlangt, als er leisten kann.

Ich las die Zeilen, die mich trafen wie ein Spiegel:

„Die Leistungsfähigkeit liegt meist weit unter dem, was er selbst von sich fordert.“

Und weiter: Angst vor Versagen, Überaktivität, Selbstzweifel, Vaterangst — alles in mir.

Ich las und wusste: Das bin ich. Und Yoga ist nicht nur Beruf, sondern Rettung.

IV. Der Tag – Besorgungen, Nadia, Blümel, Schwimmen

Blümel rief an — Nadia soll ein zweites Bett vorbereiten. Er hat heute Geburtstag, 59 Jahre.

Ich wollte „Rechtsregulat“ kaufen, 44 Euro, für Nadias Verdauung.

Nadia duschte, ging in den Garten, musste um 13 Uhr zu Blümel.

Ich ging schwimmen — eine Stunde im Paracelsusbad. Vorher waren die Gymnasiastinnen da, 17 Jahre alt, diszipliniert, schnell, brustschwimmend, streng geführt vom „Herr Professor“, braungebrannt, muskulös.

Sie sprangen hinein, schwammen, liefen zurück, sprangen wieder — ein Rhythmus wie ein Drill.

Um 12 Uhr waren sie weg — Gott sei Dank. Ich schwamm ruhig, gleichmäßig, eine Stunde lang. Am Ende war ich müde, aber entspannt.

V. Die Wiese – Wind, Blumen, Mario

Ich duschte, holte mir eine blau-weiß gestreifte Liege, ging die Steintreppe hinunter, legte mich in die Wiese.

Ein leichter Wind, ein bisschen kalt, Vögel sangen, der Rasenmäher brummte in der Ferne.

Die Wiese war 5–7 cm hoch, blaue Blümchen, gelbe Blüten, Löwenzahn.

Der einzige Baum dort strebt in die Breite, nicht in die Höhe — ein Baum, der sich weigert, „ordentlich“ zu wachsen.

Mario, der Bademeister, weiße Hose, blaues T-Shirt, kein Kapperl heute, fast kahlgeschoren.

Er stellte sich selbst eine Liege hinaus, um braun zu werden. Beim Verabschieden sagte er: „Wird schon…“ Ich fragte: „Was?“ Er: „Du wirst schon braun.“ Er lächelte.

Ein netter Mensch, einfach gestrickt, hilfsbereit, neidisch auf Fähigkeiten, die er nicht hat.

VI. Meditation – Vester, Biochemie, Yoga

Ich las weiter in Vester, und fand Stellen, die ich für meine Yogastunden brauchen kann.

Er schrieb über Meditation, über Milchsäure, über Alphawellen, über Hautwiderstand, über Sauerstoffverbrauch.

„Der Milchsäuregehalt kann nach 20 Minuten Meditation um mehr als 30 % absinken.“

Und weiter: Meditation als Antistresszustand, als bewusste Steuerung des Körpers, als Rückkoppelung, als Biofeedback.

Ich las und wusste: Das ist Yoga in wissenschaftlicher Sprache. Das ist das, was ich lehre. Das ist das, was ich brauche.

VII. Körper, Gewicht, Himmel

Nadia hat über Ostern ein Kilo zugenommen, ich zwei. Ich wiege 72 kg, bin 1,80 m groß, möchte auf 68 runter. Mein Bauch wölbt sich wie bei einer Schwangeren.

Draußen ziehen feine Wolken auf, wie Watte, wie Spinnenweben. Ich hoffe, das Wetter bleibt schön.

16.–17. April 2009 – Lärm, Stress, Flucht, Denken

I. 15:33 – Der Impuls zur Flucht

Es ist 15:33. Ich will mit dem Fahrrad die Salzach hinunterfahren. Der Himmel ist bewölkt, aber ich glaube nicht, dass es regnen wird. Ein typischer Gedanke von mir: die Welt beobachten, aber ihr nicht trauen.

II. Der Abend – Statt Fahrrad: Vester

Ich fuhr nicht los. Ich blieb zu Hause und las weiter in Frederic Vester.

Und dann kam diese Stelle über den Lärm — eine Stelle, die mich traf wie ein Schlag, weil sie erklärt, warum ich so reagiere, wie ich reagiere.

III. Lärm – ein ständiger Alarmruf

Lärm ist ein Alarmruf, aber ohne Feind, ohne Pause, ohne Möglichkeit zur Flucht.

Ein Tier hört ein Rascheln — und rennt. Der Mensch hört einen Lastwagen, eine Kreissäge, ein Motorrad, eine Baustelle, und kann nicht rennen. Er bleibt sitzen, und der Alarm bleibt im Körper stecken.

Das ist Stress. Das ist Krankheit. Das ist die moderne Welt.

Und Vester sagt etwas, das du intuitiv schon immer wusstest:

Der Empfindliche ist besser geschützt. Denn er sucht Schutz.

Der „Robuste“, der „Lärmunempfindliche“, der „Mir macht das nichts aus“-Mensch zerstört sich selbst, ohne es zu merken.

Du hingegen — du fliehst. Du gehst zum Salzachsee, in den Wald, auf den Untersberg, in den Garten. Du suchst Stille, weil dein Körper sie braucht.

IV. Die Welt, die nicht mehr still ist

Vester schreibt, dass unser Organismus für eine viel ruhigere Umwelt gebaut ist. Und du siehst das jeden Tag:

  • Lastwagen, die Ziegel abladen

  • Autos, die wie Tiere brüllen

  • Rasenmäher, die den Frühling zerschneiden

  • Motorräder, die wie Rasierklingen durch die Luft schneiden

Die Welt ist lauter geworden, und der Mensch ist nicht mitgewachsen. Er ist überfordert, und nennt es „Normalität“.

V. Flucht in die Natur

Du fliehst nicht aus Schwäche, sondern aus Intelligenz. Du weißt, dass dein Nervensystem nicht für Dauerlärm gebaut ist.

Du suchst:

  • Wasser

  • Bäume

  • Wiesen

  • Himmel

  • Bewegung

  • Stille

Das ist kein Eskapismus. Das ist Selbstschutz.


 

17. April 2009 – Yoga, Lärm, Wohnungssuche, optischer Stress

I. Die Yogastunde – Barbara und Conny

Heute waren Barbara und Conny da, Conny extra aus Graz, beide gestresst vom Studium, beide hungrig nach Ruhe.

Ich machte die Yogastunde weich, geführt, langsam, mehr Entspannung als Kraft.

Conny schlief fast ein, hustete, war verspannt, die Füße hart wie Holz.

Ich legte eine Wolldecke unter ihre Matte, drehte die Heizung auf, führte sie in die Ententspannung.

Barbara lachte viel — und schon das Lachen war eine Therapie.

Nach der Stunde sahen beide wie andere Menschen aus: weich, warm, durchlässig.

Ich sprach über Stress, über Vester, über das Nervensystem, über Atmung — und merkte, wie gut es tat, Wissen weiterzugeben, das ich selbst so dringend brauche.

II. Lärm – Dacharbeiter, Autos, die tickende Uhr

Der Himmel grau, vor dem Haus Lärm, Dacharbeiter schneiden Ziegel, alte Ziegel fallen, neue werden gesetzt.

Bald kommt unser Haus dran, neue Ziegel, neue Farbe, Maisgelb.

Ich sitze in der Küche und höre das Brummen der Autos, das Ticken der Uhr, und weiß: Lärm ist nicht nur Geräusch, sondern ein Angriff.

Vester hat recht: Lärm ist ad arma — ein ständiger Ruf zu den Waffen, ohne Feind, ohne Pause, ohne Flucht.

III. Die Wohnung in Freilassing – Hoffnung und Zweifel

Nadia sprach mit Marianne: 48 Quadratmeter, 300 Euro, ruhig.

Ein Wunder.

Nadia will die Wohnung in der Plainstraße behalten und mich am Wochenende besuchen. Zwei Wohnungen? Ich zweifle. Sie glaubt. Wie immer.

Wir sprachen darüber, während sie Nudeln mit Gorgonzolasoße kochte. Unsere Gespräche sind oft witzig, klug, lebendig — und wir schreiben sie nie auf. Schade.

IV. Der Satz vor dem Einschlafen

Gestern sagte ich, kurz bevor ich einschlief:

„In der Gesellschaft darf man alles, aber nirgends — auch nicht im Ashram — darf man man selbst sein.“

Ein Satz wie ein Messer. Ein Satz, der bleibt.

V. Optischer Stress – die Wahrheit, die du gesucht hast

Heute hast du gefunden, was dich seit Monaten quält: den optischen Stress.

Du warst im Kino zwei Mal die Woche elf Stunden optischer Überreizung ausgesetzt.

Nicht die Filme, sondern die einzelnen Szenen, die wenigen Sekunden Gewalt, die sich in dein Nervensystem brennen.

Niemand verstand dich: nicht Heinz, nicht Frau Karwinski, nicht die Kollegen.

Du sagtest: „Ich kann nicht mehr.“ Sie sagten: „Warum?“

Und du konntest es nicht erklären. Jetzt kannst du es.

Vester schreibt:

„Optische Reize summieren sich zu Alarmreaktionen, ohne dass der Organismus sie abbauen kann.“

Das ist es. Das war es. Das ist der Grund, warum du blind sein wolltest, nur um Ruhe zu finden.

Du bist kein Hypochonder. Du bist kein Schwächling. Du bist ein Mensch, dessen Nervensystem zu viel Welt abbekommen hat.

I. Der Patschen – und der junge Mechaniker

Ich jogge nach Hause. Nicht aus sportlichem Ehrgeiz, sondern weil mein Fahrrad in Nonntal einen Patschen hatte.

Zufall: Ein junger Mann mit Motorradhaube sperrt gerade das Geschäft auf. Ich frage — halb aus Neugier — ob ich das Rad hier lassen kann.

Er sagt ja. Schlauch und Mantel werden gewechselt, fertig am Montag, 32 Euro.

Er heißt Peter Marone, Juniorchef, Mechanikermeister. Ich bekomme einen Zettel. Ein kleines Stück Ordnung in einem Tag voller Unordnung.

II. Kapitelplatz – Schach und Alkoholiker

Ich gehe über die Kaigasse zum Kapitelplatz. Das große Schach ist abgesperrt, die Kette rasselt im Wind.

Vier oder fünf Männer stehen herum, debattieren. Einen kenne ich — ein Alkoholiker, aber erstaunlich gut aussehend.

Der Mensch ist widerstandsfähiger, als man glaubt. Er schützt sich — manchmal durch Flucht in den Alkohol, manchmal durch Rückzug, manchmal durch Verweigerung.

Und ich denke: Vielleicht sind sie nicht die Schwachen, sondern die, die sich der „Arbeitswelt“ entziehen, die mich selbst krank gemacht hat.

III. Optische Überreizung – die alte Wunde

Ich bin vom Kino ausgebrannt. Optisch überreizt. Akustisch überreizt. Seelisch überreizt.

Die grausamen Szenen — nur Sekunden, nur Minuten — haben sich in mein Nervensystem eingebrannt.

Ich dachte, ich hätte mich erholt. Aber heute, in der Stadt, merke ich wieder, wie empfindlich ich bin gegen Bilder, Schriften, Reize, Menschen.

Hellbrunn hingegen — mit Nadia — war Balsam. Die Natur ist der einzige Ort, an dem mein Nervensystem nicht schreit.

IV. Der Morgen – Sympathikus, Kaffee, Bauhaus

Ich wache um 6 Uhr auf. Der Sympathikus lässt mich nicht schlafen.

Ich wasche Geschirr, Nadia stellt den Wecker auf 7, ich mache Kaffee, mir selbst einen Beruhigungstee.

Um 9 Uhr kauft Nadia mit einem Bekannten Rollos und Werkzeug im Bauhaus. 40 Euro für die Rollos, 40 für den Boden.

Ein kleiner Mann, vermutlich Rumäne, mit Bypass, kommt am Donnerstag, um alles zu montieren. 9 oder 10 Euro die Stunde. Ein Leben am Rand.

V. Yoga – der einzige Ort der Ruhe

Ich mache Yoga im Yogaraum. Es tut gut. Es ist das Einzige, das mich von der Außenwelt trennt.

Nadia wärmt Nudeln mit Gorgonzolasoße auf. Wir essen. Dann fahren wir nach Hellbrunn — sie mit dem Bus, ich mit dem Fahrrad.

VI. Adi – Kindheit, Wunde, Überleben

Auf dem Weg sehe ich Adi, Kindheitskollege aus dem Kinderdorf Guggenthal.

Die anderen sind tot: aufgehängt, verunglückt, verloren.

Adi lebt. Er sandelt herum, trinkt, raucht, hat Hunde, schläft irgendwo.

Aber heute sieht er gut aus. Nüchtern. Gesprächig. Nicht zudringlich.

Er zeigt mir seine Wunde: Ein Psychopath hat ihm in den Unterleib gestochen. Zwei riesige Stichwunden. Er sah seine Gedärme.

Und er sagt: „Ich hatte keine Angst vor dem Tod.“

Ich kenne das. Ich wurde selbst niedergeschlagen. Und danach war ich stark. Grenzsituationen öffnen Kräfte, die man nicht kennt.

Die Natur ist grausam. Aber sie ist auch groß. Und wir sind Teil davon.

VII. Die Hölle der Seele

Ich denke: Der Mensch kann unglaubliche Schmerzen ertragen. Er kann überleben, wenn ihm ein Bein fehlt, wenn er blind wird, wenn er erstochen wird.

Aber die Seele — die hält das nicht aus.

Niemand bringt sich um, weil er ein Bein verliert. Aber viele bringen sich um, weil sie die inneren Qualen nicht mehr ertragen.

Die Hölle ist nicht draußen. Sie ist innen. Sie ist die Temperatur der Seele.

Ein Mensch, der sich selbst akzeptiert, ist geschützt. Ein Mensch voller Selbstzweifel lebt in Flammen.

VIII. Fotos, Kameras, Gesellschaft

Adi macht Fotos von mir, ich von ihm. Digitalkameras — früher Luxus, heute Alltag.

Handys — früher Statussymbol, heute überall.

Die Welt wird schneller, billiger, heller, lauter. Und die optische Überreizung nimmt zu.

IX. Hellbrunn – Fotos, Licht, Nadia

Ich komme zu spät, Nadia wartet 15 Minuten.

Wir machen Fotos, mit der Casio (12 MP), mit der Canon (7 MP). Die Canon bringt weniger Licht.

Dann geht Nadia zur Geburtstagsfeier, ich fahre weiter, bis der Patschen kommt.

Vielleicht, denke ich, weil ich keinen Fahrradständer habe und das Rad immer auf den Boden werfe. Vielleicht ist es einfach Zeit, das alte Rad zu ersetzen. Es knackt wie meine Knochen.

19. April 2009 – Überdrehtheit, Hellbrunn, Farben, Menschen, Reizüberflutung

I. Der Morgen – Überdrehtheit und Aufbruch

Ich bin überdreht. Seit Tagen schon. Ich wache um sechs auf, oder früher, als würde mein Sympathikus mich aus dem Schlaf stoßen.

Heute wanderten wir — Nadia und ich — bei schönstem Wetter. Ich lief zu Fuß, weil mein Fahrrad noch immer in der Reparatur steht.

Von der Plainstraße bis zum „Sog“-Lokal in Nonntal, 20 Minuten, gelbe Häuser, weiße Kanten, weiße Fensterrahmen — eine Farbordnung, die mir lieber ist als das ewige Grau.

Nadia kam mit dem Bus, musste warten, war später da als ich. Dann gingen wir die Hellbrunner Allee hinauf.

II. Die Hellbrunner Allee – Magnolien, Fotos, Schönheit

Das Wetter war ein einziges Fotomotiv. Nadia war schön angezogen, elegant, und die Fotos unter dem Magnolienbaum dürften die besten sein, die ich je von ihr gemacht habe.

Die Casio — 12 Megapixel — macht großartige Bilder, aber der Akku ist schwach. Er war leer, gerade als wir in Hellbrunn vor einem Meer aus Tulpen standen, vor exotischen Vögeln, vor Tieren, deren Namen ich nicht kenne.

Nadia hatte recht: Ich hätte das Ladegerät mitnehmen sollen. Aber vielleicht war es gut so. Ohne Kamera waren wir weniger fixiert, mehr im Moment, mehr im Gehen, mehr im Sehen.

III. Der Zoo – Menschenandrang, Farben, Reizüberflutung

Beim Eingang des Zoos standen Dromedare, andere Tiere, stoisch, als hätten sie gelernt, dass Ruhe der einzige Schutz gegen Menschenmassen ist.

Heute war ich extrem menschenempfindlich. Die Buntheit der Kleidung überforderte mich: Rot, Gelb, Blau, Pink, Schriften, Logos, Sprüche auf T-Shirts, Bilder, Muster, ein optischer Lärm, der mich irritierte.

Ich dachte: Warum müssen Menschen ihre Körper mit Schrift bedecken? Warum diese ständige Bildproduktion? Warum diese Überladung?

Die Natur ist farbig, aber nie aufdringlich. Sie schreit nicht. Sie wirbt nicht. Sie drängt sich nicht auf.

Der Mensch hingegen ist ein wandelndes Plakat.

IV. Die große Wiese – Familien, Jogginganzüge, Buntheit

Auf der großen Spielwiese wimmelte es von Menschen: Familien, Kinder, Jogginghosen, weiße Streifen, gelbe Kinderkleider, weiße Kleidung der Älteren, T-Shirts mit grellen Bildern der Jugendlichen.

Von weitem sah ich nur Farben, ein flackerndes Mosaik, ein optisches Rauschen.

Und ich hörte Gespräche — banal, alltäglich, Eis, Jause, Kleinigkeiten.

Ich war reizüberflutet. Ich wollte Ruhe. Ich wollte Wald. Ich wollte Stille.

I. Der Morgen – Rituale, Ordnung, Vorbereitung

Ich stand um acht auf, rasierte mich, putzte die Zähne, duschte, wusch die Haare, wusch das Geschirr, machte das Bett, goss die Pflanzen.

Ein Morgen wie ein kleines Gebet, ein Versuch, Ordnung in die Welt zu bringen, bevor die Welt wieder unordentlich wird.

Ich rief Gerhild an. Wir hatten einen Wandertag geplant. Sie und Hans wollten abends zu einem Vortrag über Impfungen, ich hatte um 20 Uhr Yoga in Freilassing. Ein Tag mit Struktur, ein Tag mit Natur, ein Tag mit Bewegung.

II. Ebenau – Frühstück, Gespräche, das erste Aufatmen

Gerhild holte mich mit ihrem türkisfarbenen Auto ab. Ich zog meine Laufschuhe an — rot innen, gekauft im Ashram, 40 oder 50 Euro, ein Stück Vergangenheit.

In Ebenau warteten zwei ältere Leute, wir frühstückten gemeinsam: Müsli, Brot, Butter, Kaffee.

Dann legte ich mich in die Wiese, die Sonne warm, der Garten klein, Tulpen, aber alles blüht hier später.

Gerhild reichte mir Kaffee durchs Küchenfenster — eine kleine Geste, die mich rührte.

Sie erklärte mir die Regel: „Wenn am Ochsenberg noch Schnee liegt, ist es zu früh für den Garten.“ Eine einfache Wahrheit, eine alte Wahrheit, eine Wahrheit, die man in der Stadt vergisst.

III. Gespräche – Kino, Überreizung, Flucht in die Natur

Sie fragten mich, wie es mir geht. Ich redete viel. Ich erklärte, dass ich vom Kino ausgebrannt bin, dass die grausigen Szenen — Sekunden, Minuten — sich in mein Nervensystem eingebrannt haben.

Ich sagte, dass ich die Stadt nicht aushalte: Autogestank, Werbeplakate, Lärm, optische Reize, die ich nicht verarbeiten kann.

Ich sagte, dass ich Natur brauche, Stille, Wald, Wasser.

Und sie verstanden mich — mehr als die meisten.

IV. Die Wasserfälle – Barfuß, Kälte, Pflanzenkunde

Wir gingen los, ohne Uhr, nur mit Zeitgefühl.

Gerhild zeigte mir die Kneippanlage, die Wasserfälle, die Stelle, wo ihr Dackel Purzel immer badete. Purzel ist tot. Ein neuer Hund kommt nicht mehr — zu viel Bindung, zu viel Schmerz.

Beim größten Wasserfall zog ich mich bis zur Badehose aus und ging hinein. Das Wasser war frisch, schneidend, lebendig.

Gerhild erklärte mir Blumen: blaue Leberblümchen, gelbe Schlüsselblumen (essbar), weiße Buschwindröschen (giftig).

Sie erklärte mir den Unterschied zwischen Tanne und Fichte. Ich merkte mir alles — als würde Wissen mich beruhigen.

V. Barfuß durch den Wald – Stille, Glück, Freiheit

Ich ging barfuß weiter, trug die Schuhe in der Hand. Der Boden war Laub, Nadeln, Erde. Ich fühlte mich frei.

Das Geräusch des Wasserfalls war wie eine Therapie. Ich dachte: Wie schön wäre es, neben einem Wald und einem Wasserfall zu leben.

Keine Autos, keine Menschen, kein Lärm. Nur Natur. Nur Stille. Nur ich.

VI. Franz – Kinder, Elektrosmog, Entscheidungen

Wir besuchten Franz, einen Verwandten von Gerhild. Graue Haare, aber stark, Augen wie ein Sportler.

Seine Kinder — Daniel und Sarah — blond, lebendig, spielend.

Die Wohnung bunt, voll Spielsachen, voll Leben.

Franz störte der Elektrosmog. Hochspannungsleitungen in Koppl. Er überlegte, ob er bleiben soll oder ein Haus bauen. Schwierige Entscheidung. Ich verstand ihn.

VII. Der Nockstein – Schlange, Rehe, Kalkstein, Rundsicht

Wir gingen weiter, über Wiesen, durch Wald, hinauf zum Nockstein.

Ich ging wieder barfuß. Fast trat ich auf eine Ringelnatter, jung, klein, zusammengerollt. Ich fotografierte sie, bevor sie flüchtete.

Am Waldrand sahen wir Rehe — drei, schon weit weg, aber sichtbar.

Der Nockstein: Kalkstein, abgetragen, steil, schöner als der Untersberg, weil man von oben eine Rundsicht hat, Salzburg im Norden, die Berge im Süden.

Ein Gipfel, der nicht hoch ist, aber weit.

VIII. Rückkehr – Hunger, Knoblauchsuppe, Müdigkeit

Um 18 Uhr waren wir zurück. Sechs oder sieben Stunden Wandern. Wir hatten Hunger.

Gerhild machte Knoblauchsuppe mit Petersilie und Brot. Hans kam, müde, legte sich ins Wohnzimmer.

Dann fuhren wir in die Stadt. Ich stieg bei der Plainstraße aus, duschte, zog mich um, fuhr nach Freilassing.

Zug: 2 Euro. Dann zwei Stunden zu Fuß zurück nach Salzburg.

Am Abend taten mir die Beine weh. Ein guter Schmerz. Ein ehrlicher Schmerz. Ein Schmerz, der zeigt, dass ich gelebt habe.

21. April 2009 – Fahrrad, Yoga, Salzach, Autos, Gesellschaft, Flucht aufs Land

I. Der Vormittag – Fahrrad, Arbeit, Wind

Nach dem Kaffee joggte ich nach Nonntal, holte das Fahrrad ab — Schlauch, Mantel, Reparatur: 33 Euro.

Ich fuhr zum Kapitelplatz, sah kurz den alten Männern beim Freiluftschach zu, aber sie spielten wie immer gleich schlecht, und ich fuhr weiter.

In der Getreidegasse 6 wischte ich die Terrasse, kehrte Blüten, putzte die Stiege.

Der Wind war kalt, der Himmel bewölkt, nicht so schön wie gestern. Ein Tag, der sich nicht entscheiden konnte.

II. Yoga in Freilassing – Probe, Skepsis, Entspannung

Am Abend Yoga. Eine blonde Frau zur Probe — sportlich, Läuferin, aber Yoga war ihr fremd.

Nach der Stunde sagte sie, dass ihr alles weh tat. Ich wusste sofort: Sie kommt nicht wieder. Wer wirklich sucht, macht keine Probestunde.

Im zweiten Kurs sagten drei Leute, dass sie gestresst sind. Ich machte Yoga für Gestresste, mit einer besonderen Entspannung: einer aktiv, der andere passiv.

Die Passiven liebten es. Die Aktiven wollten auch passiv sein. Ich sagte: „Nächstes Mal tauschen wir.“ Sie lachten. Ein kleiner Moment von Frieden.

III. Die Nacht – Salzach, Lichter, Enten, Handys

Ich wollte Nadia und die Tanzgruppe nicht stören und ging zur Shell-Tankstelle, kaufte Snips und Brot, setzte mich ans Salzachufer.

Die Lichter der Lehener Brücke zogen lange Reflexe in den Fluss, wie goldene Fäden.

Enten schwammen vorbei, Männchen mit buntem Gefieder.

Menschen gingen vorbei, alle mit Handy, alle redend, als wäre das Gerät seit tausend Jahren selbstverständlich.

Ich dachte: Die Realität der Menschen hat nichts mehr mit der Realität der Natur zu tun. Handymasten auf den Dächern, Fernseher in jedem Zimmer — alles künstlich, alles laut, alles grell.

IV. Autos – dein großer Schmerz, deine große Wut

Und dann kam die Wut. Die alte, tiefe, berechtigte Wut.

Autos. Diese Maschinen, die alles zerstören:

  • Luft

  • Pflanzen

  • Tiere

  • Böden

  • Städte

  • Stille

  • Schönheit

  • Menschen

Autos machen krank, machen einsam, machen unsozial.

Sie diktieren die Stadt, sie diktieren die Regeln, sie diktieren das Leben.

Warum muss ich als Fußgänger auf Grün warten? Warum muss ich mich den Regeln der Autos beugen?

Die Polizei schützt nicht das Leben, sondern die Ordnung der Autos, die Ordnung der Reichen, die Ordnung der Ungerechtigkeit.

Reiche leben im Grünen, Arme an der Straße. So war es immer. So ist es heute. So wird es bleiben, solange Autos existieren.

V. Gesellschaft – Stress, Einsamkeit, fehlende Solidarität

Warum gibt es keine Solidarität mehr? Weil alle gestresst sind. Weil alle müde sind. Weil alle kämpfen. Weil niemand Kraft hat, über sich hinauszugehen.

Die Politiker wollen, dass Menschen lange arbeiten, damit sie nicht denken.

Eine Gesellschaft, die sich selbst auffrisst.

VI. Der Morgen danach – Himmelblau, Blüten, Arbeit

Heute, 11:26: Schönes Wetter. Forsythien verblüht, Kirschblüten weiß, der verstümmelte Baum gegenüber blüht trotzdem. Himmelblau überall.

Nadia ist bei Blümel, ich werde ihr helfen. Um 18 Uhr Yoga mit Hans Peter Lacher. (Er wird nicht kommen.)

VII. Der Abend – Joggen, Flüsse, Kneippen, Adi

Hans Peter sagt ab — zum zweiten Mal. Ich laufe zum Lieferinger Spitz, mit Pulsuhr: 140–150.

Ich sehe die Saalach und die Salzach, hell und dunkel, zwei Farben, zwei Welten, die sich mischen, aber nicht verschmelzen.

Ich kneippe im eiskalten Wasser.

Auf dem Rückweg treffe ich Adi Hillimeyer. Er umarmt mich, nennt mich „mein Bruder“. Er redet ohne Pause, ohne Dialog, ohne Luft. Ich sage, dass ich weiterlaufen muss. Er ist verletzt, aber merkt es nicht.

Ich denke: Er ist wie ich — ein Überlebender. Aber auf seine Weise.

VIII. Die Nacht – Lärm, Bücher, Sehnsucht nach Land

Ich liege im Bett von Nadia. Autos brummen ohne Pause. Keine Sekunde Ruhe.

Nadia liest Culinaria Italia. Ich habe mir einen Tier- und Pflanzenführer gekauft.

Anja hat mir angeboten, dass ich ein paar Tage bei ihr übernachten kann. Weniger Lärm. Mehr Luft. Mehr Natur.

Ich halte die Stadt nicht mehr aus. Ich will aufs Land. Ich will Stille. Ich will atmen.

23. April 2009

I. Irek und der Morgen Ein Rumän’, der ruhig schnauft und schweigt, der Rollos hebt und Böden schleift, ein Mann, der schnell und sicher zeigt, wie gut ein Handwerk altert, reift.

Er kam um halb eins, ganz ohne Hast, mit Werkzeugkoffer, Brille, Kraft, und machte, was zu machen passt, mit Ruhe, die Vertrauen schafft.

Ich sagte ihm, ich hätt’ heut frei, doch Yoga ist mein Hauptberuf. Ich such’ noch Arbeit nebenbei — der Tag begann im leichten Ruf.

II. Lauf zum Saalachspitz Um zehn Uhr dreißig lief ich los, der Puls erst hundertdreißig nur, dann hundertvierzig — gleichmäßig groß, ein Rhythmus in der Morgenflur.

Die Saalach, Sauerstoff und Kies, ein Fluss, der einst viel breiter war, mit Forellen, Äschen, klar und süß, ein Lebensraum, so wunderbar.

Eintagsfliegen, Köcherlarven, die Selbstreinigung des Fluss’, doch Menschen mussten alles scharfen — Regulierung, Zwang, Verdruss.

Ich kneippte kurz im kalten Nass, die Steine hart, das Wasser klar, und dachte, wie es früher war, als hier noch Au und Wildnis saß.

III. Rückweg und Arbeit Der Puls blieb lange unter fünfzig, stieg später doch auf hundertfünfzig, ich lief am Straßenrand entlang, wo Löwenzahn die Wiese zwang.

Der Pioniersteg — hässlich, grau, ein Brückenkörper ohne Sinn, doch ich lief weiter, leicht und schlau, und kam um zwölf zur Wohnung hin.

Bis vier Uhr fünfzehn half ich dann dem Irek bei der Küchenwand, wir schliffen Platten, klebten an — ein Tag voll Arbeit, Hand in Hand.

IV. Paracelsusbad und Vester Von fünf bis sechs im Hallenbad, doch Donnerstag ist Kinderzeit: Drei Kurse, Lärm, ein wildes Rad, für Schwimmer wenig Möglichkeit.

Die Senioren schwammen langsam, am Rand stand man und störte sehr, kein Platz für ruhiges Dahingleiten — ich nahm mein Buch und las vielmehr.

Vester schrieb von Sprache, Sinn, von Worten, die nur Karten sind, von Missverständnis, Lärm darin, von Stress, der wächst, wenn wir beginnen, zu reden, statt zu fühlen, blind.

Er sprach von Tasaday und Semai, von Völkern ohne Aggression, von Menschen, die noch wirklich frei, von Zärtlichkeit als Tradition.

Und dass wir, trotz der Städtezeit, noch Steinzeitmenschen innen sind, dass Urlaub in die Ursprünglichkeit uns heilt wie Wasser heilt ein Kind.

V. Abend und Ausblick Dietmar rief an — wir fahren bald nach Hintersee, wenn Wetter hält. In der Küche herrscht noch Chaos, kalt, weil Irek Boden neu erstellt.

Der Tisch steht jetzt im Yogaraum, die Wohnung wirkt ein wenig leer, doch Ordnung wächst — so wie ein Traum, und morgen geht es weiter her.

24. April 2009

I. Der Morgenlauf Der Himmel halb in Blau, halb grau, der Wind noch kühl, das Licht recht flau. Kurz vor zehn lief ich schon los, zur Saalachspitz — mein Tagesstoß.

Die Dacharbeiter war’n der Grund, ihr Lärm war schrill, ihr Werfen wund. Die alten Ziegel flogen schwer, ich floh — und lief zum Fluss daher.

II. Am Saalachspitz Kein Läufer heut, nur ich allein, das Wetter ließ wohl niemand rein. Der Puls erst hundertdreißig war, dann hundertvierzig — wunderbar.

Ein Pensionist saß dort und rauchte, sein Fahrrad stand, das Alter tauchte in seine Haltung, still und weich — ein Mann, der wirkt schon halb im Reich.

Wir sah’n die Tafel, einst so schön, jetzt wild beschmiert — ein hässlich’ Sehn. Mit Gelbstift vollgekritzelt, roh, zerbeult, zerschlagen ebenso.

Er sagte: „Das sind Leute leer, die wissen nicht, was tun sie mehr. Sie wollen sich verew’gen bloß, ihr Leben ist bedeutungslos.“

Er sprach von Salzburgs Unsitte, von Schmierern, die mit roher Mitte die Häuserwände voll beschmieren, und nachts mit Motorlärm regieren.

III. Der Rückweg – Pulsdisziplin Beim Rückweg tat ich etwas neu: Ich lief mit Pulsuhr — ganz getreu. Ich glaubte kaum, was möglich war: Nur hundertdreißig — wunderbar!

Bis zum Pioniersteg hielt ich’s so, ein langsames, doch gutes Floh. Wurd’s knapp bei hundertvierzig dann, nahm ich das Tempo wieder an.

Ich bremste, lief ganz ruhig dahin, ein Joggen mit bewusstem Sinn. Für Jugendliche wohl viel zu sacht, doch mir hat’s gut getan und Kraft gebracht.

Die Pulsuhr — wie ein Bio-Glas, ein Spiegel dessen, was ich mach’. Zu Hause nahm ich meinen Schlüssel, versteckt im Busch — ein kleines Gekrissel.

IV. Gerhild und Dietmar Um zwölf rief mich die Gerhild an, ob ich mit ihr heut wandern kann. Die trock’ne Klamm — ihr Vorschlag fein, doch Dietmar war schon eingetragen.

Um halb drei fahren wir hinaus, nach Hintersee — ich freu mich draus.

V. Salzachkunde – in Reim gefasst Die Salzach, hoch am Geierquell, fließt zweihundertsechsundzwanzig schnell Kilometer bis zum Inn, nimmt Wasser aus dem Land mit hin.

Sie sammelt aus dem weiten Raum der Tauernbäche manchen Saum: Lammer, Almbach, Königsee, und auch die Saalach fließt in sie.

Ihr Ursprung liegt — so sagt man’s heut — am Salzachgeier, hoch und weit. Doch eigentlich, so zeigt’s die Karte, war’s Krimmler Ache — stärkste Ader.

Vom Quellbach bis zum Fluss im Tal verändert sich ihr Wasserstrahl: Im Gebirgsbach kalt und klar, Forellenregion — wunderbar.

Dann Schotterfluss im Mittelgrund, wo Äschen zieh’n im breiten Rund. Im Hügelland wird’s trüb und sacht, Barbenregion — die Flussesmacht.

Auwälder, Wasser, Hochwasserraum, ein Lebensnetz, ein alter Traum. Die Salzach — Lebensader weit, ein Fluss in ständiger Veränderlichkeit.

26. April 2009

 I. Dietmar kommt – und der Stau beginnt

Punkt halb drei, wie abgemacht, kam Dietmar zu uns angefacht. Wir wollten nach Hintersee hinaus, doch Autos stauten sich ums Haus.

Die Gnigler Straße stand voll dicht, ein endlos Band — man sah nichts Licht. So sagten wir: „Wir ändern’s schnell, zum Obertrummer See — viel hell!“

II. Die Stadt – ein Wirrwarr greller Zeichen Wir fuhren durch das Werbeheer, durch Plakate, grell und schwer. Ein Glasgebäude, groß und leer, doch voller Prozentzeichen sehr.

Ein Plakat schrie „teuflisch“ bloß, doch was es meint, blieb rätselgroß. Dann Stiegl-Bier in Riesengröße, ein Bild, das sich ins Auge fräße.

Die Stadt — ein grelles Bildermeer, ein Überreizungs-Ungeheuer. Salzburg, einst barock und mild, wird mehr und mehr zur Werbewild.

Selbst an der Shell, beim kurzen Halt, erschlug uns Werbung, grell und kalt: Eskimo, Öle bunt und schrill — ein Angriff auf das Auge still.

III. Endlich Land – und Dietmars Geschichten Doch als wir endlich draußen waren, konnt’ ich zum ersten Mal gut atmen. Der Wind, die Wiesen, weiter Raum — Natur, mein einz’ger Lebensbaum.

Im Auto fing Dietmar sodann mit Klinikfällen reden an. Geschichten, teils absurd, teils hart, von Menschen, die zerbrochen ward.

Ich hörte zu — doch innerlich zog’s alte Ängste wieder mich. Denn in der Jugend, voller Not, war Hypochondrie mein Brot.

Ich sah in jedem Blick Gefahr, in jedem Wort ein Krankheitsjahr. Ich las Freud, Jung, Psychiatrie — und fand mich selbst in Paranoie.

Nadia damals half mir sehr, sie sprach mich ruhig, sie sprach mich leer. Doch Dietmar weiß von all dem nicht, drum trifft’s mich heute noch ins Licht.

IV. Die Patientin – und die Willkür der Macht Er sprach von einer jungen Frau, die floh — doch fand kein Leben blau. Sie mietete ein Zimmer still, doch kam nicht raus, wie sie es will.

Die Wirtsleut’ klopften, fragten leis’, sie bat um Ruhe — doch vergebens heiß’. Der Amtsarzt kam, die Tür ging auf, sie schrie, war nackt — ein schlimmer Lauf.

Man fixierte sie, spritzte sie nieder, sie schlief vierundzwanzig Stunden wieder. Nach Tagen ließ man sie hinaus — ein Schicksal, roh, ein tiefer Graus.

Dietmar erzählte noch viel mehr, Geschichten, schwer und ungeheuer. Ich sagte schließlich: „Jetzt ist’s gut.“ Denn all das rührt an altem Blut.

V. Kritik an der Psychiatrie Ich finde vieles dort fatal: Die Willkür, kalt und oft brutal. Der Arzt bestimmt, was Wahrheit sei, der Patient hat selten einerlei.

„Realitätsverkennung“ heißt’s, wenn einer nicht ins Schema passt. Medikamente gegen Willen — ein Eingriff tief in Menschenseelen.

Die Pharmaindustrie gewinnt, wenn man schon Babys „krank“ bestimmt. Ein Siebenmonatskind — depressiv? Das ist nicht Heilung — das ist schief.

VI. Der See – und die Schönheit der Natur Doch dann — der Obertrummer See, ein Ort, der heilt, der tut nicht weh. Am Himmel Wolken, weiß und schwer, ein Zeppelin schwebte daher.

Der Wind strich sanft das Wasser lang, die Wellen brachen leis’ am Hang. Schilf ragte meterhoch hinaus, ein Bild wie aus Naturgebraus.

Wir gingen durch die Wiesen sacht, Löwenzahn hat gelb gelacht. Wir machten Fotos, lachten viel — ein Tag, der wirklich heilen will.

VII. Der alte Mann – und die kleine Komödie Ein alter Mann stand an der Bahn, er fragte scherzend uns sodann, ob wir versichert seien gut, die Straße sei voll Rasertun.

Wir gingen mit ihm über’n Weg, er sprach: „Ich bin ein Kaiser, seht!“ Ich lachte, hielt’s für Scherz und Spiel, für eine Laune, leicht und viel.

Doch als Dietmars Handy klingte, und er ins Telefon sich schwingte, fragte der Alte mich sodann, ob Dietmar sei ein Polizist-Mann.

Und plötzlich stieg er auf sein Rad, fuhr weg — als hätt’ er Angst gehabt. Ich lachte laut, erzählte’s gleich, doch Dietmar hörte nichts im Reich.

VIII. Der Abend – Toast, Gespräche, Freundschaft Beim „Guten Hirt“ gab’s Toast und Saft, ein einfach Mahl, doch voller Kraft. Wir sprachen viel, wir lachten leis’, ein Freund wie Dietmar — selt’ner Preis.

Nur eines bleibt mir schwer im Sinn: Die Klinikgeschichten — ich will nicht hin. Ich will Natur, ich will mein Licht, nicht Dunkelheit im Klinikbericht.

25. April 2009

 I. Anja kommt – und ein unerwartetes Angebot

Dass Anja mir beim Stress hilft, hätt’ ich nie gedacht, sie, die so oft mit sich und ihrer Seele ringt bei Nacht. Doch sie bot mir an zu bleiben, draußen, fern der Stadt, wo ich Ruhe finden könnte, die ich längst verloren hatt’.

Ich war erstaunt — denn viele Landmenschen, die ich kannte, hörten nie auf mich, wenn ich vom Überreiz erzählte. Doch Anja tat’s — sie kam um eins, ganz ohne Klopfen leis’, und trat in unsre Wohnung ein, als wär’s ein stiller Kreis.

II. Nadia kocht – und das alte Muster bricht Nadia kochte Melanzani, Kartoffeln, warm und fein, sie ist in ihrer Küche Jahr für Jahr ein Sonnenschein. Doch kaum war Anja da, begann das alte Kommandieren: „Peter, hol das Baguette… Peter, kannst du’s schneiden… hierhin…“

Ich mag das nicht — seit zwanzig Jahren weiß sie das genau, doch in Gesellschaft wird ihr Ton oft hart und etwas rau. Ich floh — nicht aus Trotz, nur weil ich keinen Halt mehr fand, und schwamm im Paracelsusbad den Stress vom Körperrand.

III. Aufbruch zu Anja – und die Flucht aus der Stadt Nach einer Stunde kam ich heim — die beiden waren da. Ich packte meine Sachen ein, Pyjama, Zahnbürste — klar. Wir fuhren in die Tiergartenstraße, Nummer fünf, wo Anja wohnt, mit Blick auf Wald und Fels und Tiergerümpf.

Die Wohnung groß, ein Dachfenster, das in den Himmel zeigt, ein Ort, der Ruhe atmet, wo die Seele sich verneigt. Viel schöner als die Plainstraße, wo Proleten laut mit Plastiksackerln, Bier und Lärm den Tag versaut.

IV. Die Stadt – ein Ort der Hässlichkeit Dort, wo Nadia und ich wohnen, sieht man Autos nur, Gestank, Beton, Geschrei — zerstörte Lebensspur. Die Elisabethstraße — Müll, Verfall, ein graues Bild, Fernsehschüsseln, Handymasten, alles grell und wild.

Die Wohnung selbst ist schön — doch draußen herrscht Verfall, ein Auslandsviertel, laut, gestresst, ein ständiger Krawall. Wie anders ist es hier bei Anja, wo Natur beginnt, wo man statt Abgas nur den Duft von Erde find’t.

V. Die Nacht – Schlaflosigkeit und alte Wunden Die erste Nacht schlief ich kaum ein, die Couch war weich und tief, mein Rücken schmerzte, und mein Geist blieb wach, blieb wund, blieb schief. Anja sprach viel vom ATZ, von Kranken, Alkohol, von Arbeit, die sie quält, von Pflicht und wenig Wohl.

Ich sagte ihr zuvor schon klar: „Ich will nichts hören — nicht einmal. Ich brauche Ruhe, keinen Schmerz, keine Geschichten, schwer im Herz.“

Doch sie erzählte weiter, wie gewohnt, von Menschen, die die Psyche schont und doch zerstört — ein harter Klang, der mich zurückwarf, lebenslang.

VI. Der Morgen – ein Zimmer voller Geschichte Um neun Uhr vierundvierzig saß ich auf dem Sofa weich, die Wohnung groß, der Tisch alt-elegant, die Lehnen reich. Ein Ohrensessel rechts, links eine Kommode alt, mit Fotos ihrer Kinder, Eltern — Liebe, Streit und Halt.

Anjas Eltern — beide Therapeuten, stets im Streit, sie psychologisierten sie schon früh, zur falschen Zeit. So wurde sie empfindlich, offen für die Seelenqual, und trägt bis heute Borderline — ein schweres Lebensmal.

VII. Das ATZ – sinnlose Arbeit, schwere Last Sie muss im ATZ nun arbeiten, sonst verliert sie Geld, doch dort sind Kranke, Alkoholiker — eine fremde Welt. Sie bläst Ballons auf, sortiert Dinge, stumpf und ohne Sinn, und isst verbranntes Essen dort — ein trauriger Beginn.

Sie hofft auf einen Job, der ihr vielleicht Erleichterung bringt, in Lebenshilfe oder dort, wo Menschlichkeit gelingt.

VIII. Bücher, Karten – und der Wunsch nach Stille Auf dem Tisch lag Osho, Liebe, Freiheit, Alleinsein, ein Buch, das viel verspricht — doch heute ließ ich’s sein. Daneben Eckhart Tolles Karten, still und klar, doch meine Seele wollte nur: Natur, ganz wunderbar.

Anja war noch im Schlafzimmer, ich wollte raus, ich wollte immer nur gehen, atmen, Wald und Licht — und suchte draußen mein Gleichgewicht.

28. April 2009

I. Der Morgen – Grau, Geräusche, Kaffee Der Morgen war hellgrau, der Himmel ohne Glanz, die Vögel sangen Chöre, ein feiner Frühlingskranz. Die Dachdecker verstummten kurz, kein Hämmern, kein Gekrach, kein Ziegel, der im Bogen flog vom hohen alten Dach.

Nadia und ich tranken Kaffee, doch Brot war keines da, sie machte grad das Bett zurecht, der Tag begann ganz klar. Ich war zu müde gestern schon, um aufzuschreiben sacht, was eigentlich die schönsten Tage voller Tiefe macht.

II. Trimmelkam – die Suche nach der Pension Nadia will Anfang Mai hinaus nach Trimmelkam, in eine Pension, die einst schon unser Zufluchtsort wohl war. Wir suchten lang im Internet, doch fanden keinen Namen, bis plötzlich „Bachmeier“ erschien — die Lösung kam im Rahmen.

Nun wollen wir von Montag an bis Freitag dort verweilen, in Oberösterreich, wo Wälder uns vom Stress befreien.

III. Der gestrige Morgen – Tanz, Technik, Laufen Um acht Uhr früh sind wir aufgestanden, die Dachdecker war’n laut, die Ziegel flogen in den Kanten. Ich putzte Staub, wusch ab, saugte den Raum, Nadia übte Tanz — ein orientalischer Traum.

Ich filmte sie spontan mit meiner neuen Casio fein, doch schaffte es nicht, den Film in den Computer rein. Mehr als eine halbe Stunde probierte ich vergebens, die Technik wollte nicht — so ist das Spiel des Lebens.

IV. Lauf zur Saalach – Puls, Wind, Barfußgehen Dann lief ich los zur Saalach hin, den Pulsmesser dabei, die Knie taten nicht weh, ich fühlte mich fast frei. Ich wollte wissen, wie der Puls sich hebt beim schnellen Lauf, auf hundertfünfzig kam ich leicht, auf sechzig auch hinauf.

Ich hielt das Tempo durch und kam auf hundertundsiebzig gar, der Atem tief, der Körper warm — ein starkes, helles Jahr. In zwanzig, dreißig Minuten war ich schon am Spitz, statt fünfundvierzig sonst — ein kleiner Lebenswitz.

Ich sah die Strömungen im Fluss, die Steine rund und schwer, zog Schuhe aus, ging barfuß dann — wie jedes Mal bisher. Der Himmel wild bewölkt, der Wind ein föhnig Wehen, ein Tag, an dem die Kräfte in den Körper übergehen.

V. Heimkehr – Essen, Ruhe, Lesen Zurück daheim war Nadia schon mit ihrem Unterricht durch, der Tisch gedeckt mit gelbem Reis, mit Soja — eine Spur von Wärme, die mich stärkte. Ich trank viel Wasser, aß, und legte mich mit Nadia hin — ein kurzer Mittagsplatz.

Um drei Uhr klingte schon der Wecker, sie musste weiter fort, ich las vom Buch der Salzach dann — von Wasseramselort, von Wasserspitzmaus, Bergstelze, vom Zaunkönig so klein, und machte mich bereit für Yoga in Freilassing fein.

VI. Yoga – Milchsäure, Stress, Stammgäste Ich fuhr mit meinem Wildthing-Rad zum Sportpark wie gewohnt, seit zweitausendeins geb ich dort Yoga, das sich lohnt. Sechs Stammgäste waren da, ich machte’s ruhig und klar, erklärte, wie bei Stress die Milchsäure entsteht — ganz wahr.

Ich sagte auch, dass nächste Woche ich nicht kommen kann, weil ich in Trimmelkam mich ruhen will — ein Urlaub dann.

VII. Der Abend – Salzachsee, Frösche, Fledermäuse Beim Heimweg war es dunkel schon, die Frösche quakten laut, als würd’ man Tiere würgen — ein Klang, der seltsam baut. Die Autos rauschten fern, der See lag still und schwarz, die Bergheimer Kirche spiegelte sich — ein nächtlich stiller Schatz.

Ich stellte mein Rad ab, ging barfuß um den See, ganz meditativ, im Kreis, im langsamen Geh. Die Frösche schwiegen jedes Mal, sobald ich ihnen nah, so fein ist ihre Wahrnehmung — Natur ist wunderbar.

Fledermäuse flogen über mir, in Zickzackbahnen wild, ein lautloses Geflatter, das die Nacht mit Leben füllt.

VIII. Der Schreck – das verschwundene Fahrrad Zurück beim Eingang suchte ich mein Fahrrad — doch es war fort! Gestohlen in der Dunkelheit, an diesem stillen Ort. Ich suchte auf und ab, mein Herz schlug schwer vor Wut, denn Geld hab ich kaum eines — und ein neues wär nicht gut.

Doch plötzlich fiel mir ein: zwei Leute sah ich gehn, vielleicht stellten sie das Rad beim Nebenausgang hin. Ich ging durchs Gras — und wirklich: dort stand mein Wildthing da! Ein Wunder fast — ich war so froh, ich lachte laut und klar.

IX. Heimkehr – Nadias Freude, Müdigkeit Ich fuhr nach Hause glücklich hin und wollte’s Nadia sagen, doch sie erzählte selbst — von Lob, das sie getragen. Gerhild, die sonst nie Komplimente macht, hat Nadia gelobt — das hat sie glücklich gemacht.

Wir waren beide müde dann und gingen schlafen sacht, so endete der Tag ein Tag voll Kraft und Nacht.

29. April 2009

I. Der Morgen – Regen, Ruhe, Kaffeetasse Ich sitze wie gewohnt am Tisch, mein Flechtsessel so leicht, die blaue Tasse links von mir, der Morgen still und weich. Der Wecker läutet aus Nadias Raum, es ist erst acht und vier, die Vögel zischen kurze Töne, wie ein Chor im kleinen Revier.

Es regnet leis’, die Wohnung still, die Straße grau und nass, die Bäume draußen grüner nun, ein dichtes Frühlingsfass. Die Forsythien, einst gelb und hell, verlieren nun ihr Licht, nur wenige gelbe Spitzen noch durch grünes Laubgewicht.

II. Die Aufgabe – Fensterputzen im Innenhof Gestern gab mir Nadia dann die „Spezialaufgabe“ fein: Fenster putzen, zweiter Stock, Getreidegasse, Hof hinein. Der Schlüssel musste waagrecht rein — sonst kriegt man ihn nicht raus, ein Trick, den man erst lernen muss in diesem alten Haus.

Ich kehrte Taubendreck hinweg, zog Handschuh, Mundschutz an, denn Tauben sind voll Krankheit oft, weil Mensch sie füttern kann. Ihr Futter arm, ihr Körper krank, die Häuser schwarz verschmiert, ihr Kot zerstört die Mauern schnell — ein Bild, das irritiert.

Nadia goss Chemie darauf, die blaue Flüssigkeit, sie rann die schiefe Mauer hin — der Bauarbeiter schreit: „Do san zwa Spezialisten!“ — lacht und pfeift zur Radiomusik, ich schimpfte kurz, doch ändern lässt sich solches Missgeschick.

III. Yoga in Freilassing – und die harte Nachricht Dann fuhr ich heim, nahm Wildthing-Rad, und weiter ging es schnell, um halb sechs Yoga in Freilassing — wie jeden Abend hell. Ich sagte meinen Leuten dort, dass nächste Woche ruht, weil ich mit Nadia Urlaub mach’ — Natur tut Körper gut.

Doch dann bekam ich einen Bogen von der DAK in Hand, voll Zetteln, Formularen, streng, ein bürokratisches Band. Sie wollen Kurskonzepte sehn, Methoden, Unterlagen, als wär’ ein Yogalehrer nur ein Kästchen zum Eintragen.

Die Krankenkassa glaubt mir nicht, dass Ausbildung genügt, dass 621 Stunden, vier Jahre, sehr gut gefügt, dass Praxis, Bücher, Anatomie, Erfahrung, Disziplin nicht zählen — nur ein Hochschuldiplom darf Qualifikation sein.

Ich war erschlagen, müde, leer — die GKK erkennt mich nicht mehr. Sie wollen Scheine, keine Kraft, kein Wissen, das man selber schafft.

IV. Lili – Parkinson und der Blick, der bleibt Lili, die Parkinson hat, tat sich schwer beim Gleichgewicht, ihr Blick war voller Furcht und Schmerz, ein stilles, offnes Licht. Sie sagte, dass sie bald vielleicht das Yoga lassen muss, doch alle andern schätzen sie — ihr Mut ist Überfluss.

Ich sah in ihren Augen drin ein Zittern, das mich traf, ein Hauch von Resignation, der tief ins Inn’re traf. Solch Blicke bleiben lange haften, brennen sich ins Herz, sie zeigen, wie der Mensch zerbricht — und wie er kämpft trotz Schmerz.

V. Petra – Schmerzen, Ärzte, Heiler Dann kam noch Petra, fünfzig schon, seit dreißig Friseurin, sie gab mir hundert Euro gleich — ein warmer, guter Sinn. Die Schulter schmerzte, Arzt fand Kalk, Entzündung, Schleimbeutel, die Stoßwellen taten ihr nicht gut — ein medizinisch’ Scheiteln.

Sie ging zum Heiler schließlich dann, weil Arzt und Therapie nicht kann. So viele Menschen suchen heut nach Wegen zwischen Schmerz und Leid.

VI. Der Abend – Enttäuschung, Müdigkeit, Gedanken Nach drei Stunden Yoga fuhr ich heim, doch innerlich war ich nicht frei. Die Ablehnung der Kassa schwer, die Sorgen um die Lili mehr, das alles lastete wie Stein auf meinem müden Herz hinein.

Ich dachte an die Jahre lang, an Unterricht, an Kraft, an Drang, an Bücher, Schwimmen, Disziplin, an alles, was ich tat, um hin zu werden, was ich heute bin — doch für die Kassa zählt das nirgends hin.

VII. Der neue Morgen – Regen, Essen, Massieren Nadia stand auf, trank Kaffee leis’, kochte Reis mit Sojaleibchen heiß. Ich massierte ihr die Füße dann, mit Nivea, wie ich’s gut kann.

Bis halb drei schlief sie tief und sacht, der Regen hüllte alles in Nacht. Der Himmel grau, ein Wolkenmeer, die Luft so feucht, die Wohnung leer.

VIII. Lesen, Denken – und die Härte des Verkehrs Ich las im Fahrradbuch sodann, von Bunash, der mir’s borgte an. Die Zeilen trafen mich wie Schlag: Der Mensch wird im Verkehr zum Plag.

Ob Auto, Rad, ob groß, ob klein — der Mensch wird rücksichtslos und gemein. Ein Faustrecht herrscht auf jeder Spur, Gefahr für Schwache — das ist die Natur des Straßenkampfs, der täglich tobt, wo jeder drängt, beschleunigt, lobt sein Recht, sein Tempo, seinen Drang — ein Steinzeitmensch im Stadtverhang.

IX. Der Lauf – Schonung, Puls, Gedanken Um drei Uhr lief ich wieder los, ganz langsam, gelenkschonend groß. Der Puls bei hundertzehn, ganz mild, ein Rhythmus, der den Körper füllt.

Zurück dann mit einhundertfünfzehn, ein sanftes Joggen, leicht und schön. Daheim erholte ich mich sacht, doch sah: es war schon nach sechs Uhr Nacht.

X. Hans Peter fehlt – und der Tag klingt aus Um sechs war Yoga ausgemacht, doch Hans Peter kam nicht — wie so oft. Ich rief, doch niemand ging ans Rohr, die Stunde fiel mir wieder fort.

Nadia kam um acht nach Haus, müde, still, doch voller Fleiß. Morgen wird ein Arbeitstag, beim Blümel Fenster, Stiegen, Plag.

Am Freitag fährt sie in den Urlaub fort, am Montag sind wir beide dann am Land — ein stiller Ort.

So endet nun das zweite Buch, April, Natur, Erholungssuch.

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