Die Blätter fallen
I. Der Herbst
Es neigt sich still der Kunstbaum sacht, der einst in voller Krone lacht. Nun färbt der Herbst die Zweige schwer, die Blätter dünnen mehr und mehr. Wo früher hundert Stimmen klangen, hört man nur fern ein letztes Bangen. Die Luft wird kühl, der Wind wird rau — der Problemschachbaum wird alt und grau.
II. Die Meister fallen wie Blätter Ein Blatt, das fällt: Klaus Wenda ging. Ein zweites sank: Gerald Sladek schwingt nicht mehr den Geist durchs Linienfeld. Ein drittes: Schmoll, der leis’ entstellt vom Herbstwind in die Tiefe sinkt. So fällt, was einst in Höhen blinkt. Die Krone lichtet sich im Raum — ein kahler wird der alte Baum.
III. Die letzten gelben Blätter Doch einige, vom Frost verschont, sind übrig noch, vom Wind bewohnt. Sie hängen gelb, schon mürb’ und fein, und flüstern leise, ganz allein. Sie stehen in dem Walled Garden, wo sie sich selbst noch weiter warden. Kein junger Trieb wächst nach im Land, kein frischer Zweig, der neu entstand.
IV. Die digitale Welt sieht weg Die Welt da draußen scrollt vorbei, ihr ist die Kunst nicht einerlei — sie ist ihr nichts. Kein Klick, kein Blick, kein Algorithmus kehrt zurück zu jenem Baum, der langsam stirbt, weil niemand seine Früchte wirbt. Die digitale Welt, so kühl, hat für das Alte kein Gefühl.
V. Das Verschwinden der Spuren Die Spuren, die im Netz einst glühten, verblassen nun in leisen Blüten. Was heute noch in Daten steht, ist morgen fort — vom Wind verweht. Im Google-Meer, so tief und weit, versinkt die Kunst der alten Zeit. Am Meeresgrund der Suchmaschinen wird niemand mehr die Werke finden.
VI. Das Jahr 2035 Und 2035 dann, wenn kaum noch einer sagen kann, wie einst ein Matt in fünf entstand, wie man ein Echo-Thema fand, wird’s nur noch letzte Dinosaurias geben, die atmen noch im Schach ihr Leben. Sie sammeln, was sie retten können — doch niemand wird es mehr erkennen.
VII. Das vergebliche Archivieren Dann eilt man plötzlich, spät und bang, zu retten, was jahrzehntelang in stillen Händen weiterging. Doch Archivieren ist ein Ding, das Komponisten nie beherrscht: sie schufen — doch sie sicherten nicht. So bleibt der Baum im Garten stehen, und keiner wird sein Fallen sehen.
VIII. Das Ende einer Kunstform So stirbt nicht Feuer, laut und schnell, so stirbt ein Herbstblatt, leis’ und hell. Ein letztes Drehen in der Luft, ein Hauch von Schönheit, mildem Duft. Dann sinkt es nieder, ohne Klang — ein Schwanengesang, so still und lang. Die Problemschachkunst, einst ein Traum, vergeht wie Blätter an dem Baum.
(Der Herbst):
Welk die Blätterkrone, Problemschach sinkt grau herab, Wind bläst durch das Geäst.
(Die Meister):
Meister fallen leis’, Wenda, Sladek, Schmoll vergehn, Frost im leeren Raum.
(Das Ende):
Letzter sanfter Duft, Die Kunst stirbt im Google-Meer, Stille bricht den Traum.
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