Salzburg

Salzburg

 I

Ich wandre nachts, wenn überm Mönchsberg spät ein fahles Mondlicht wie ein Schleier hängt, und jedes Pflaster, das mein Schritt betreten, den Frost der Stadt in meine Seele drängt. Ich spür den Atem Salzburgs, hart und hohl, ein kaltes Reich aus Glanz und leerem Schein, wo selbst der Wind, der durch die Gassen rollt, mir zuflüstert: „Fremder wirst du immer sein.“

II Ich wuchs in Heimen auf, in Räumen grau, wo Liebe nur ein Wort war, fern und stumm, und jede Nacht, die ich im Dunkel fror, schrieb mir die Welt als kalte Wahrheit um. Die Pflegeväter wechselten wie Laub, die Winter waren lang, die Sommer knapp, und Salzburgs Stimme – scharf wie Schieferstein – schnitt mir meine Seele aus dem Herzen ab.

III Ich sah die Stadt, wie sie sich selbst vergoldet, mit Festspielmasken, Prunk und Opernglas, doch hinterm Vorhang, wo die Wahrheit wohnt, lag nur Beton, der einst ein Garten war. Die Bäume fielen, einer nach dem andern, die Wiesen schrumpften unter Baugerät, und ich, ein Kind, das nach dem Grünen suchte, stand weinend da, wo heut ein Parkplatz steht.

IV Die Menschen gingen an mir kühl vorüber, ihr Blick ein Messer, das nach Titeln fragt. Ich war ein Niemand, ohne Stammbaum, arm, ein Waisenkind, das man nicht gerne mag. Sie musterten mich – Schuhe, Jacke, Haar – als wär ich Ware, falsch etikettiert, und jedes Nicken, das sie mir verweigerten, hat meine Seele tiefer eingefriert.

V Ich hörte oft den Salzburger Grant im Ton, ein Knurren, das die Straßen durchdrang, ein Grollen, das den Fremden spüren ließ, dass er hier niemals wirklich ankam. Ich sah die Härte gegen Flüchtlingskinder, die Angst vor allem, was nicht „heimisch“ schien, und spürte, wie die Kälte dieser Stadt sich in mein eigenes Blut hinein verfing.

VI Als Nachtportier im Gablerbräu stand ich am Tresen still, ein Abeiter ohne Ruh, bis eines Abends, mitten in der Trauer, ein Fremder mich auf offner Straße zusammenschlug. Ich kam verstört zur Arbeit, suchte Halt, doch fand nur Kündigung – so glatt, blitz -schnell. Die Stadt, die mich schon immer fallen ließ, stieß mich erneut hinab ins Dunkel, gell.

VII Ich sah den Bürgermeister im Rampenlicht, wie er mit Wirtschaftsmächtigen posierte, doch nie die Hand zu jenen ausstreckte, deren Leben täglich an der Kante balancierte. Ich stand am Rand, ein Bürger ohne Stimme, ein Mann, der nur Gerechtigkeit begehrt, doch Salzburg, stolz auf seine Festspielkrone, hat meine Bitte niemals wirklich gehört.

VIII „Wenn’s dir nicht passt, dann zieh doch weg von hier!“ – so rief ein Mann mir einst ins Angesicht. Und ja, ich ging. Ich packte meine Wunden, mein letztes Licht, mein letztes Gleichgewicht. Ich ließ die Stadt zurück, die mich gebrochen, die mir die Kindheit nahm, die Luft, den Mut. Doch als ich ging, blieb eine Frage offen: Ob Hass mir je ein Stück des Lebens guttut?

IX Denn Hass ist nur ein Stein, der tiefer zieht, ein schwarzer Fluss, der keine Brücke kennt. Ich ließ ihn los, so schwer es mir auch fiel, weil er mein Herz nur weiter eingeengt. Ich hoffe noch – trotz allem, was geschehen –, dass eines Tages, wenn die Zeit verfliegt, ein Mensch aus Salzburg meine Zeilen liest und spürt, was dazwischen zerbrochen liegt.

X So steh ich nun in Hallein, spät bei Nacht, und schau zurück auf jenes kalte Tor, das mich verstoßen hat, doch nie besiegte – denn meine Stimme klingt noch immer vor. Ich bin bereit zu vergeben, wenn sie wollen, bereit, die Hand zu reichen, Stein für Stein. Denn wir sind Menschen – fehlbar, schwach und oft verwundet – und manchmal soll Vergebung stärker sein.

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