Rupert Hübsch (1970 - 2021)
Mann am kalten See (Ort: Salzachsee, nördlich der Stadt Salzburg)
I. Der Abend
Es war ein Abend, kalt und schwer, der Himmel wolkenblind und leer. Ich ging zum See, der Norden stand wie stummes Glas am Uferband.
Die Bucht lag öde, menschenfern, nur fremde Spieler warfen gern den Ball durchs Dunkel, rau und spät – der Wind war still, der Himmel trät.
II. Der Sprung ins Wasser Ich schwamm, obwohl kein Handtuch war, kreuz, quer durchs schwarze Wasser klar. Der See war kalt wie Winterzeit, mein Körper fror, mein Atem schreit.
Beim Gehen zitternd, nass und roh, lief ich am stillen Häuschen so vorbei, um Wärme mir zu stehn – da hörte ich ihn hinter mir sehn.
III. Die Begegnung Ein fremder Mann rief leis’ und sacht, ob ich ein Bier wohl mit ihm mach’. Ich lehnte ab – doch blieb nicht stumm, die Neugier drehte mich dann um.
Ich setzte mich zu ihm ans Holz, sein Blick war müde, schwer wie Stolz. Er sprach, er sah mich schwimmen gehn, und fand den Mut darin so schön.
IV. Der Mann am Strand Seit zwei Jahr’, sagt er, steht er hier, in einer Hütte, klein wie wir. Er kocht, er putzt die stillen Orte, kennt Enten, Nattern, ihre Worte.
Er zeigte Löcher, Erd’ und Nest, wo Meisen schlafen, wenn man’s lässt. Er sprach vom Wetter, kalt und grau – und plötzlich wurde seine Schau zu einem Leben, wund und alt, zu einer Wahrheit, bitterkalt.
V. Die Verluste Er sprach von Tod, von Schicksals Hand, die ihm die Liebsten weggerannt. Gefährtin, Tochter – beide fort, ein Unfall nahm sie, Ort für Ort.
Dann brach die Stimme, schwer und hohl, sein Adoptivsohn – jung, nicht wohl. Er sprang vom Dach, aus Schmerz, aus Not, und Rupert sprach von Schuld und Tod.
Er sagte leise, fast gebrochen, er habe Worte falsch gesprochen, zu hart, zu müde, voller Pein – und ließ den Jungen ganz allein.
VI. Die Kindheit Dann kam sein Blick zurück zur Zeit, als er noch Kind war, klein und weit. Mit acht erfuhr er, fremd geboren, die Eltern nie für ihn erkoren.
Am Hof, im Stall, im Heu, im Dreck, schlief er wie Vieh, blieb oft zurück. Der Ziehvater, ein harter Mann, der ihm nur Tiersein gönnen kann.
Er musste waschen fremde Haut, in Duschkabinen, eng und laut. Ein Kind, das diente, ohne Wahl – sein Leben früh ein finstrer Saal.
VII. Die Klage in Rom Er sprach von Schule, Internat, von einem Lehrer, der ihn tat berühren, wo kein Kind es soll – sein Blick war dunkel, schmerzenvoll.
Er fuhr nach Rom, zum Vatikan, und klagte an, was man ihm nahm. Man bot ihm Geld, doch viel zu klein, er wollte Würde, wollte Sein.
Doch nichts geschah, kein Recht, kein Licht – er blieb zurück mit seinem Nicht.
VIII. Die Nacht am See Er zeigte mir den Schlafsack dann, wo er am Boden ruhen kann. Er trank sein Bier, erzählte leis’, sein Leben war ein Dornenkreis.
Wir sprachen lang, bis zwei Uhr früh, der Wind ging kalt, der See war müh’. Dann trennten wir uns, müd’ und still – ein Mensch, der nur noch leben will.
IX. Das Verschwinden Ich kam zurück an manchem Tag, doch fand ihn kaum, weil er nicht mag zu sprechen mehr – der Alkohol nahm ihm die Worte, nahm ihn wohl.
Er sprach von Augen, krank und schwer, von Zucker, Schmerzen, immer mehr. Dann brach der Faden, riss der Klang – der Kontakt ging verloren lang.
X. Der letzte Weg Jahr’ später kam die Nachricht sacht: Am ersten März hat er die Nacht verlassen, still, mit fünfzig Jahr – ein Leben, wund und ohne Paar.
Am ersten April, im stillen Feld des Kommunalfriedhofs der Welt, ruht Rupert Hübsch, der Mann vom See, dessen Geschichte ich nie vergeh’.
XI. Nachklang So bleibt von jener kalten Nacht ein Mensch, der mir sein Herz gebracht. Ein Leben, schwer wie Winterwind, ein Schicksal, das im Dunkel rinnt.
Und wenn ich heut’ am Ufer steh’, im Norden still von Salzburgs See, dann hör ich leise, fern und sacht sein müdes Wort in tiefer Nacht.
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