O wandernd Volk auf flüssigem Kristall
O wandernd Volk auf flüssigem Kristall,
das jeden Morgen stumm an Bord sich reiht, ihr steigt hinauf zum leuchtend‑hellen Saal, wo Traum und Trug in seidnen Schleiern schreit.
Ihr nennt es Leben, doch es ist nur Schein, ein Schiff aus Licht, das durch die Zeiten treibt; die Kabinen eng, die Bar aus purem Wein, und jede Melodie, die euch umschreibt.
Die Koffer voller Tage stellt ihr ab, als wär Erinnerung nur Ballast, schwer; „Bewahrt sie gut“, ruft ihr dem Hafenstab, und tanzt erneut im flackernden Lichtermeer.
Doch unter euch, wo kalte Server glühn, rinnt still der Sand aus fünf Milliarden Uhren; ein Korn pro Bild, das ihr nicht mehr könnt sehn, ein Korn pro Wort, das starb in Datenfluren.
Ihr hört das Knirschen nicht im Kiel der Nacht, zu laut die Lieder, die euch blind umfangen; die Rettungsboote längst hinweggerafft, ersetzt durch Filter, die nach Liebe verlangen.
Und dennoch sitzen manche, fern vom Tanz, in stillen Kammern, tief im Schiff versteckt; sie hüten sorgsam ihren Lebensglanz, der nicht in Wolken flüchtig sich versteckt.
Mit Tusche schreiben sie auf reines Blatt, bewahren Stimmen, warm wie frühe Morgen; sie wirken wie Mönche, die die Welt nicht hat, und tragen schweigend aller Zeiten Sorgen.
Die Tänzer oben spotten über sie: „Lebt doch einmal, statt ständig nur zu wachen!“ Doch jene unten wissen, was geschieht: dass wahre Treue sich an Spuren macht.
Denn eines Tags, so lautlos wie ein Hauch, wird dieses Schiff im Dunkel untergehen; ein Funke nur im irischen Datenrauch, ein Federstrich im fernen Staatsgesehn.
Dann stehen fünf Milliarden Seelen leer am Ufer ihrer eignen, blassen Hände; sie weinen nicht den Bildern hinterher, sondern dem Selbst, das sie verlor’n am Ende.
Die wenigen, die unten still verblieben, schwimmen ans Land mit triefend‑schweren Kisten; in ihnen ruht, was einst das Herz geschrieben, die Stimmen, die im Lärm der Welt vermissten.
Sie öffnen sie — und alles lebt erneut: das Lachen eines Kindes, längst vergangen; der erste Gruß, den frühe Liebe scheut; der Blick der Mutter, warm in alten Gängen.
Sie halten’s sanft, wie man den Vogel hält, der glaubt, er könne nie mehr Flügel heben; und drehen sich zur schweigenden, grauen Welt, in der die Geister ohne Antlitz schweben.
Die Sanduhr rinnt. Noch hörst du leis ihr Lied. Noch kannst du stehen bleiben, statt zu tanzen. Noch kannst du packen, was nicht fort mehr zieht. Noch kannst du sein — und nicht im Strom verschanzen.
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