Jad Turjman (1989 - 2022)
Jad Turjman (1989 - 2022)
Version 1
Am Hohen Göll, wo Felsen stehn wie graue Zähne alter Zeiten, wo Wolken tief und schwer verwehn und kühle Schatten Wege schneiden, stieg spät ein Fremder, still und jung – ein Sohn aus Syriens verbrannten Tagen, der, mutig, doch mit wenig Schwung, den Berg begann hinaufzutragen.
Er kannte Städte, Krieg und Flucht, doch nicht der Alpen steile Pfade; er suchte Freiheit, suchte Luft – nicht ahnend, wie gefährlich’s grade. Denn Österreicher, berggewohnt, die wissen: Früh muss man aufbrechen, wenn Sonne mild und freundlich wohnt und Nebel noch nicht Pfade brechen.
Doch spät am Tag, allein, vertraut er einem Berg, den er nicht kannte; der Hatscher lang, der Anstieg laut, der Atem schwer in steiler Kante. Kein Partner, der die Schritte teilt, kein Blick, der warnt vor nassen Steinen – und Klettern, das man lang verweilt, lernt keiner schnell in fremden Hainen.
Da rieselt’s leis – ein erster Hauch, ein Tropfen, kaum im Wind zu hören; ein Flüstern nur im Fichtenrauch, als wollt’s den Wanderer betören. Dann wiederholt ein Wind sich sacht, ein Mahnen, kaum noch zu verkennen; doch er, schon müde von der Nacht, kann dieses Zeichen kaum benennen.
Die Wolken ballen sich im Nu, als rief der Himmel dunkle Heere; ein graues Tor schließt sich im Schuh des Berges über Fels und Leere. Der Regen prasselt plötzlich schwer, wie Peitschenhiebe, wild und dringlich; der Pfad verschwimmt, er sieht nichts mehr – das Licht fehlt ihm, so selbstverständlich.
Er tastet, sucht, doch jeder Stein wird glitschig, kalt, ein falscher Führer; der Abgrund ruft im Dunkel sein und macht den Schritt nur noch verführer. Ein falscher Tritt – der Boden bricht, der Sturm umarmt ihn wie ein Bruder; kein Stern, kein Ruf, kein rettend Licht, nur Finsternis und Donnerluder.
So stürzt er, jäh vom Wind gefasst, hinab in schweigende Gerölle; der Regen deckt ihn, nass und blass, als wär er Teil der Bergeswölfe. Der Göll wird still, der Sturm verebbt, die Nacht verschluckt die letzten Spuren – und über ihm, vom Wind umwebt, verhallen seine leisen Schwuren.
Doch wer ihn kannte, weiß genau: Sein Geist bleibt nicht in kalten Klüften. Er lebt in Worten, klar und rau, in jenen, die sein Herz befrüchten. Er lebt in Jugend, die er stärkt, in Mut, den er in andern nährte, in jedem, der sein Werk bemerkt und seine Wärme still verehrte.
Version 2 (ältere Fassung)
Am Hohen Göll, wo Nebel wehn,
wo Fels und Himmel ineinander, stieg spät ein Wanderer allein, ein Sohn von Damaskus’ Brand und Donner. Der Regen fiel wie graues Blei, der Wind zerzauste Nacht und Pfad, und doch ging er mit stiller Kraft – so wie er stets sein Leben tat.
Er kannte Flucht, er kannte Schmerz, er kannte Meere ohne Brücken, doch trug er Hoffnung wie ein Licht, das selbst im Sturm nicht ließ sich bücken. Er schrieb vom Jasmin, der verließ die Heimat, um erneut zu blühn, und suchte Wurzeln in der Fremde – ein Herz, das lernte, neu zu glühn.
Doch an dem Tag, da Wolken schwer wie Schicksalsworte niederhingen, verlor er, tastend durch das Grau, den Pfad, der sich begann zu zwingen. Ein falscher Schritt, ein nasser Stein, ein Abgrund, der im Dunkel lauerte – und plötzlich riss die Welt entzwei, die ihn so lang schon überdauerte.
Der Klettersteig, vom Sturm umhüllt, ward ihm zum Tor in andre Räume; kein Stern, der durch die Wolken brach, kein Ruf, der trug durch Nacht und Träume. So stürzte er, vom Wind umarmt, hinab in schweigendes Gestein, und über ihm schloss sich der Regen wie ein Vorhang aus kristallnem Pein.
Doch wer ihn kannte, weiß: Sein Geist verhallt nicht in den kalten Schluchten. Er lebt in Worten, die er schrieb, in denen, die nach Wahrheit suchten. Er lebt in Jugend, die er stärkte, in Lachen, das er leicht entfachte, in jedem, der den Mut bewahrt, den er aus Dunkelheit entfachte.
So ruht er nun am Bergesrand, doch seine Stimme bleibt bestehen: ein Lied von Flucht, von neuer Heimat, von einem, der durchs Feuer gehen und dennoch lächeln konnte, mild, als trüge er den Morgen in sich. Der Göll mag schweigen – doch sein Werk spricht weiter, warm und menschlich.
Und wenn der Jasmin wieder blüht in fremden Gärten, still und sacht, dann weht vielleicht ein Hauch von ihm durch Salzburgs Regen, durch die Nacht. Ein Hauch, der sagt: „Ich bin nicht fort. Ich bin in euch, in euren Wegen.“ So klingt sein Name – zart und stark – im Wind, im Wort, im fallenden Regen.
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