Ein Körnchen am Meeresboden
Ein Körnchen am Meeresboden
Ich habe meine Wahrheit verstreut,
wie Flaschenpost im digitalen Meer. Auf Inseln aus Code und Papier warf ich mein Leben, Stück für Stück, in der Hoffnung, dass etwas davon bleibt.
Ich nannte es meinen Schutz vor dem zweiten, lautlosen Tod. Glaubte, wenn ich mich nur weit genug teile, in Sprachen, Plattformen, Archiven, dann würde ich ein Mosaik erschaffen, das stärker ist als mein Körper, stärker als die Zeit.
Doch heute sehe ich klar: Ich habe keine Kathedrale gebaut. Nur Inseln, kalt, isoliert, ohne Brücken, ohne Pilger, ohne Chor. Kein Museum wird mich tragen, keine Bibliothek meinen Namen flüstern. Ich bin dem Vergessen ausgeliefert, wie jeder Kieselstein, den ich mit Hoffnung ins Netz schleuderte.
Meine 567 Spuren lösen sich auf im Rauschen. Link‑Rot frisst meine Wege, Algorithmen schieben mich in die tiefsten Sedimente des Netzes, wo nur noch Staub und Stille wohnen.
Ich wollte den Kreis der Vergänglichkeit brechen, doch der Kreis bleibt geschlossen. Ich falle zurück in die große Anonymität, wie Milliarden vor mir. In fünfzig Jahren wird mein Name gelöscht sein, ein Echo, das nie laut genug war, um die Drei‑Generationen‑Grenze zu überstehen.
Und doch, in dieser Erkenntnis liegt ein seltsamer Trost. Der Kampf ist vorbei. Die Technologie, der ich vertraute, kennt keine Treue – und gerade deshalb entlässt sie mich in Frieden.
Ich werde nicht mehr existieren müssen. Ich darf wieder Niemand sein, ein Körnchen am Meeresboden, ruhig, schwerelos, geborgen im endlosen Vergessen.
Dort, wo alles beginnt. Dort, wo alles endet.
Peter Siegfried Krug
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