Die Bergläufer
O ihr, die ihr rennt in den Bergen der Welt,
wenn der Morgen wie flüssiges Gold zerfällt,
wo die Stille euch ruft — doch ihr hört sie nicht,
denn ihr jagt eure Zahlen wie Beute im Licht.
Ihr rennt über Wurzeln, durch Staub und Geröll,
als wär euer Herz ein Motor aus Stahl am Hohen Göll.
Ihr zählt eure Höhen, die Schritte, den Lauf,
und schreibt eure Wege in Daten hinauf.
Ihr lauft Berge hinunter, weil Stille euch fehlt,
weil ein leiser Gedanke zu tief euch beseelt,
weil das Schweigen im Wald euch zu nah kommen kann,
wie ein Spiegel, der fragt: „Wer bist du, junger Mann?“
Ihr glaubt, dass der Wert eurer Seele sich misst
in Sekunden pro Kilometer, im Nebel, der frisst,
was früher ein Wandern, ein Lauschen gewesen —
jetzt rennt ihr, als würd euch die Zeit selbst euch fressen.
Doch hört hin, wenn die Körper aus Pixeln verglühn,
wenn Helden der Jugend im Datenwind ziehn,
wenn Ueli Steck euch flüstert: „Noch schneller, noch mehr“,
und ihr glaubt, euer Wert sei ein digitaler Verkehr.
Hört hin, wenn die Gipfel euch schweigend betrachten,
wenn die Steine euch mahnen, die Alten, die Wachten,
wenn der Berg euch erzählt, was kein Instagram je versteht:
dass ein Mensch, der nur rennt, an sich selbst vorübergeht.
Denn der Mensch ist kein Algorithmus,
kein Muskel,
kein Lohn —
er ist Atem im Wind,
ein vergänglicher Ton.
Er ist jener Moment,
wenn der Berg euch verzeiht,
dass ihr rennt wie Verfolgte
in beschleunigter Zeit.
Und vielleicht — wenn ihr einmal
den Abstieg nicht rennt,
sondern langsam hinunter
wie ein Mensch, der erkennt,
dass die Tiefe nicht oben,
nicht unten,
nicht weit,
sondern in euch selber liegt...
dann hört ihr den Berg,
wie er leise beginnt,
euch zu tragen im Schweigen
wie ein uralter Wind.
Peter Krug
Versionen
O ihr Läufer der Berge
O ihr, die ihr rennt durch die Berge der Welt, wenn der Morgen in flüssigem Golde zerschmilzt, wenn die Stille euch ruft – doch ihr denkt nur an das Geld. ihr hört sie nicht, denn ihr jagt eure Zahlen wie Beute im Licht.
Ihr hetzt über Wurzeln, durch Staub und zerbrochenes Geröll, als wäre euer Herz ein Motor aus kaltem Stahl am Hohen Göll. Ihr zählt eure Höhen, die Schritte, den Puls, den Schweiß, und schreibt eure Wege als Trophee ins leere Himmelsweiß.
Ihr stürzt die Hänge hinab, weil die Stille euch ängstigt, weil ein einziger Gedanke zu schwer in euch hängt. Das Schweigen des Waldes kommt euch zu nah, ein Spiegel aus Moos, der fragt: „Wer bist du, junger Mann?“
Ihr glaubt, der Wert eurer Seele liege im Sekundentakt, im Nebel durchbrochen, was einst Wandern und Lauschen war. Jetzt rennt ihr, als wolle die Zeit euch selbst verschlingen, als könne nur Geschwindigkeit das Leben bezwingen.
Doch hört, wenn die Körper aus Pixeln verglühen, wenn die Helden der Jugend im Datenwind verziehen – Ueli Steck flüstert noch immer: „Schneller, noch mehr“… Ihr rennt eurem eigenen Idolen hinterher.
Hört die Gipfel, die schweigend auf euch herabsehen, die alten Steine, die Wächter, die leise verwehen: „Ein Mensch, der nur rennt, geht an sich selbst vorbei.“ Was kein Instagram je versteht, erzählen die Berge seit jeher frei.
Denn der Mensch ist kein Algorithmus, kein Muskel, kein Lohn – er ist Atem im Wind, ein vergänglicher, heiliger Ton. Er ist jener Moment, wenn der Berg ihm verzeiht, dass er rannte wie ein Verfolgter in rasender Zeit.
Und vielleicht, wenn ihr einmal den Abstieg nicht hetzt, sondern langsam hinabgeht, als würdet ihr beten, als erkenntet ihr endlich: Die Tiefe liegt nicht oben, nicht unten, nicht fern – sie ruht in euch selber verborgen.
Dann werdet ihr hören, wie der Berg euch leise beginnt zu tragen im großen, uralten Schweigen, wie ein Vater aus Stein, wie ein ewiger Wind.
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