Der Kampf gegen den Drachen

Der Kampf gegen den Drachen

I Ein Künstler sitzt nächtlich, die Augen verbrannt, die Finger verkrampft über Tasten und Träumen. Er ringt mit der Stille, die niemand mehr kennt, und hofft, dass die Worte sich endlich versäumen. Er kämpft um ein Flüstern im tosenden Raum, um ein einziges Echo im digitalen Wind. Doch das Netz bleibt ein Meer ohne Ufer und Traum, in dem Suchende wie er unsichtbar sind.

II Denn andere tragen denselben Namen wie er, doch sie reiten auf Wellen aus Macht und Geld. Sie haben ein Heer aus Strategen umher, das weiß, wie man Aufmerksamkeit hält. Sie kennen die Tricks, sie kennen das Licht, sie kennen die Wege, die Algorithmen lieben. Ihr Ruf ist ein Donner, sein Werk nur ein Gedicht, das im Lärm der Maschinen zu Staub zerrieben.

III So steht er allein, mit pochendem Herz, und blickt auf den Bildschirm wie auf ein Tor. Er opfert die Nächte, er opfert den Schmerz, doch der Drache des Jetzt brüllt lauter als zuvor. Ein Wesen aus Eile, aus Klicks und Profit, ein Koloss, der nur Gegenwart frisst und verlangt. Wer nicht in sein Futter aus Neuigkeiten tritt, wird vom Atem des Drachen hinweggebrannt.

IV Der Kampf gegen den Drachen – er dauert schon Jahre, ein Ringen mit Feuer, das keiner bemerkt. Der Künstler wirft Werke wie funkelnde Scharen von Pfeilen, doch keiner hat je einen gestärkt. Er schlägt mit Geduld, mit Gedanken aus Licht, mit Bildern, die wachsen wie Wurzeln im Stein. Doch der Drache sieht ihn nicht, sieht ihn schlicht als Staubkorn im Sturm der Daten hinein.

V Die Bosse hingegen, in glänzenden Hallen, reiten auf Rücken des Drachen dahin. Sie müssen nur rufen – schon lässt er sie schallen, denn sie füttern ihn täglich mit Nutzen und Sinn. Sie haben Gefolgschaft, sie haben Maschinen, sie haben die Sprache des Drachen gelernt. Der Künstler hat nur seine einsamen Linien, sein Herz, das im Dunkel der Stunden verbrennt.

VI Doch tief in der Brust, wo die Müdigkeit wohnt, glimmt etwas, das stärker als Feuer besteht. Ein Wissen, das leise und unbeirrt thront: Dass der Drache des Jetzt eines Tages vergeht. Wenn seine Schuppen aus Eilmeldung rosten, wenn sein Hunger nach Neuem im Alter versiegt, dann werden die Namen der heutigen Posten wie Laub sein, das lautlos vom Kalender fliegt.

VII Dann wird man die Werke der Stillen entdecken, die Funken, die keiner im Lärm je sah. Dann wird man die Linien des Künstlers erwecken, und fragen, wer dieser Unbekannte war. Und plötzlich wird sichtbar, was heute verbarg: Dass sein Kampf gegen den Drachen nicht sinnlos war. Denn was aus der Tiefe der Seele entsprang, überdauert das Feuer von Jahr zu Jahr.


Peter Siegfried Krug, 1. Mai 2026

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