Gedicht des Vergessens

 

BALLADE VOM OFFENEN TOR UND DEM VERBORGENEN GARTEN

I Es stand ein Tor aus freiem Stein, geformt von Händen vieler Zeiten. Dahinter floss ein stiller Rhein, der Wissen trug in weiten Breiten. Kein Wächter zählte dort den Schritt, kein Siegel hielt den Wanderer zurück – das Tor war offen, schlicht und schlicht, und barg doch einen alten Glück.

II Nicht fern davon, im bunten Licht, erhob sich ein gezähmter Garten. Er lockte laut, versprach Verzicht auf Mühen, Denken, stilles Warten. Die Wege glänzten kurz und hell, die Früchte süß, doch ohne Kerne. Ein Windzug wehte rasch und schnell – und trug sie fort in ferne Ferne.

III Im Garten herrschte steter Tausch: Ein Lied, ein Bild, ein Lebenszeichen verging wie Duft im Morgenrausch, bevor die Stunden sich erweichen. Denn was dort blühte, war geliehen, ein Schmuck, der nur im Heute galt. Kein Same durfte weiterziehen, kein Werk entkam dem schnellen Halt.

IV Doch hinterm Tor, im freien Feld, lag Schrift auf Stein und Klang auf Fäden. Dort wuchs ein ungezähmtes Welt- Gedächtnis ohne Herrscherreden. Die Worte blieben, wenn sie wollten, die Bilder fanden ihren Grund. Und selbst wenn Jahre weiterrollten, blieb jede Spur noch klar und rund.

V So sang das Tor: „Bewahr dein Werk, setz Wurzeln tief in offne Erde. Denn was du pflanzt im eignen Berg, das bleibt, auch wenn es leiser werde.“ Der Garten aber rief im Chor: „Komm her, ich geb dir schnelle Kunde!“ Doch wer ihm folgte, stand davor, dass alles schwand in einer Stunde.

VI Drum wähle weise deinen Pfad: Der Garten glänzt im kurzen Leben. Das Tor jedoch, so schlicht und grad, kann deinem Werk die Jahre geben. Wer heute baut auf offnem Grund, der spricht mit künftigen Geschlechtern. Und was er schafft, bleibt klar und rund in allen kommenden Jahrhunderten.

Gedicht DES VERGESSENS

I O flüchtiger Garten, du Händler des Augenblicks, du Hüter der kurzen Stunde. Deine Tore sind bunt, doch sie tragen kein Siegel der Dauer. Wer in dir singt, singt nur für den Wind.

II Die Stimmen der Toten verhallen in deinen Hallen, denn du kennst kein Erbe, keine Weitergabe, keinen langen Atem. Ein einziger Beschluss, ein neuer Wille des Hauses – und die Lieder verstummen.

III So sinkt ein Werk, nicht durch Fehler, nicht durch Schweigen, sondern durch das Gesetz des geschlossenen Raumes. Es fällt wie ein Blatt in einen Brunnen ohne Grund.

IV Doch draußen, wo das offene Tor steht, ruht ein anderer Klang. Er trägt die Jahre, er kennt die Hüter der Bibliotheken, er kennt die Hände der Archivare, er kennt die Geduld der Formate, die auch im fernen Morgen noch lesbar bleiben.

V Darum endet der Gesang nicht in Trauer, sondern in Wahl: Wer sein Werk in die offene Weite legt, der schenkt ihm Zukunft. Wer es dem Garten übergibt, der schenkt es dem Vergessen.

BALLADE VOM ZWEITEN TOD IM UMMAUERTEN GARTEN

I Es gab ein Haus mit bunten Toren, ein Ort der Stimmen, laut und schnell. Dort wurden Lieder einst geboren, doch keines wurzelt tief und hell. Die Mauern glänzten wie aus Glas, doch hielten nichts für lange Zeiten. Was heute strahlte, sank alsbald in flüchtig wechselnden Geleiten.

II Ein Mensch verließ die Welt der Erde, sein Werk blieb still in jenem Raum. Doch bald begann die alte Herde der Hüter, die nur zählen: Traum. Denn wo kein neuer Klang mehr weht, verblasst die Spur im schnellen Reigen. Und was nicht täglich weitergeht, beginnt im Staub der Welt zu schweigen.

III Die Tore schlossen sich mit Zeit, die Wächter wandten sich dem Neuen. Ein Lied, das nicht mehr weiter schreit’, verliert den Platz in ihren Reihen. So stirbt ein Werk ein zweites Mal, nicht durch Verfall, nicht durch Versagen, sondern durch fremden Herrscherwahl, der keine alten Stimmen tragen.

IV Doch fern davon, im freien Land, steht eine Halle ohne Herren. Dort ruht die Schrift in fester Hand, kein Wind kann sie von dort entfernen. Die Wände tragen still und weit die Werke vieler alter Seelen. Und wer dort niederlegt sein Kleid, dem wird die Zukunft nicht verfehlen.

V Es gibt dort Truhen, stark wie Stein, in denen Worte Jahre finden. Es gibt dort Hüter, treu und rein, die nichts aus Eigensinn verschwinden. Und wer sein Werk in solche Hall’ legt wie ein Reisender die Gabe, der schützt es vor dem zweiten Fall und vor des schnellen Gartens Habe.

VI Drum wähle weise deinen Ort: Der bunte Garten lockt im Heute. Doch wer sein Werk im Freien hort’, entzieht es fremder Willkürleute. Denn was im offenen Raum besteht, entgeht dem zweiten Tod der Stille. Und was im bunten Garten weht, verblasst nach fremder Herren Wille.

STERBENDER im UMMAUERTEN Zäunen

I Dies ist der letzte Ruf der Gärten mit den hohen Mauern. Ein Ruf, der leiser wird, je länger die Jahre ziehen. Er trägt die Wahrheit: Sie können nicht bewahren.

II Wenn ein Mensch geht, bleibt sein Werk zurück wie ein Kelch ohne Träger. Es steht im Wind der Wächter, im Wandel der Häuser, im Takt der Launen. Und bald beginnt der zweite Tod.

III Der zweite Tod ist still. Er kommt nicht durch Feuer, nicht durch Feinde, nicht durch Urteil. Er kommt durch das Verblassen in einem Haus, das nur das Heute kennt.

IV Ein Lied verstummt. Ein Tor wird enger. Ein Raum wird leer. Ein Herrscher ändert den Willen. Und ein Werk, das ein Leben trug, fällt wie ein Blatt in einen Brunnen ohne Grund.

V Doch draußen, wo die freien Hallen stehen, wo die Schriften wie Steine ruhen, wo die Hüter nicht nach Laune handeln, wo jedes Wort wie ein Funke im Morgen bleibt – dort stirbt kein zweiter Tod.

VI Darum endet der Schwanengesang nicht im Untergang, sondern in der Wahl: Wer sein Werk in offene Räume legt, entzieht es dem Vergessen. Wer es im Garten lässt, übergibt es dem Vergehen.


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