Elegie eines Überlebenden

 


Elegie eines Überlebenden – Peter Krug

(der Zeitraum: 1982–2017)

I. Sinnhubstraße – Der Beginn

Im Jahr ’82, von seiner Mutter, erhielt er Denker – Trost der Mutter. Schopenhauer, Nietzsche schwer, wurden seine Lehrer mehr.

Ein Zimmer klein, ein Gitterlicht, fremde Kleider – seine nicht. Doch in den Nächten, still und lang, erschuf er Schach in feinem Klang.

Mozarts Nachtmusik erklang, der Wasserkocher dampfte bang. Herr Schneider druckte jede Woche die Aufgaben, die er ersann. Ein junger Geist, der leuchten kann.

II. Lohäuslweg – Die bäuerliche Zuflucht

Sieglinde fand ein neues Heim, am Lohäuslweg, bescheiden, klein. Ein Zimmer unten, schlicht und schwer, die Hirnspergers lebten oben mehr.

Er teilte Küche, Streit und Rauch mit einem Mann, der trank – und auch gab’s Kämpfe, laut und ungezügelt, sein Alltag war oft aufgewühlt.

Er aß fast nur, was billig war: Joghurt-Schokolade, Waffeln – klar, dazu die Kaffee-Plörre dünn, die Magen, Darm und Kräfte nahm hin.

Doch Gerhild kochte ihm oft Essen, ließ ihn die Wärme nicht vergessen. Mit Ingrid spielte er im Raum, und Dackel Purzel – Trost im Traum.

Zu Weihnachten lud man ihn ein, die Stube warm, das Licht so rein. Da brach in ihm die Kindheit auf, Guggenthal – ein bitterer Lauf. Er weinte still, weil er verstand, wie fern ihm einst ein solches Band.

III. Die Glasenbachklamm – Die Geologie als Zuflucht

Die Klamm, nur wenige Minuten weit, wurde sein Ort der Ewigkeit. Ein V‑Tal aus der Eiszeit her, Gestein zweihundert Millionen schwer.

Er ging den Pfad, die Mauer lang, der Klausbach tobte, wild und bang. Er wusste um den Fischsaurier, im Haus der Natur – ein stummer Hier.

Die Jahrmillionen gaben Sinn, sein kleines Leben trat zurück darin. Er las auf Almen Nietzsche, Schopenhauer, befreite sich von Dogmen, Stück für Stück, und fand im Denken neue Kraft, die ihm die Kirche nie geschafft.

Die Felsen hart, die Logik klar – sein Schach blieb, wie es früher war. Er sandte Studien, fein und streng, an Speckmann – Brief um Brief, so eng.

IV. Elsbethen – Aufstieg und Zusammenbruch

Gerhild verschaffte ihm sodann den Job im Kindergarten an. Ein junger Mann – das gab Applaus, ein Radiointerview sogar daraus.

Er spielte Fußball, lachte mit, sein Selbstvertrauen wuchs ein Stück. Doch Kinderleichtheit, hell und frei, ließ alte Wunden nicht vorbei.

Guggenthal brach in ihm hervor, er hörte Klassik laut im Ohr: Tschaikowsky, Ravel, Beethoven schwer – doch betäubte es den Schmerz nicht mehr.

Fünfzehn Minuten stand er dann vor der Tür, trat nicht mehr an. Er konnte nicht hinein, verlor den Job – und brach erneut hervor.

V. Die Straße – Die Jahre der Kälte

Mit Hraschan brach er Autos auf, ein letzter, falscher Lebenslauf. Bei der Müllner Kirche festgenommen, in Schanzelgasse 1 gekommen.

Doppelgitter, Neonlicht, ein Eisenhochbett – Trost gibt’s nicht. Er unterschrieb, was er nicht tat, der Druck war groß, die Seele matt.

Er bekam Läuse, schnitt sich ein, die Pulsadern – Hoffnung war klein. Doch Gerhild holte ihn zurück, gab ihm erneut ein kleines Stück von Halt, den er so selten fand – ein warmer Mensch im kalten Land.

Im „Alten Fuchs“ ein Zimmer klein, fensterlos – er war allein. Als er im Winter Obdach gab einem Fremden, war’s sein Grab: Man warf ihn raus, ohne Schuh, ohne Mantel, ohne Ruh.

Da stand er nun in Winterluft, die Kleidung schmutzig, kalt, voll Duft von Nächten, die kein Mensch erträgt, wenn Frost sich in die Wangen fräst.

Sein Gesicht: ausgehungert, hohl, die Lippen blau, die Augen schwach. Die Finger taub, die Hände wund, der Atem weiß im frühen Rund.

Er schlief in Pferdewägen dann, in Obergnigl, so gut er kann. Die Haare hart, verfilzt, verklebt, die Haut vom Frost schon wund gewebt.

Er roch nach Kälte, Schmutz und Not, doch hielt er Nietzsche wie ein Brot in einer Tüte, eng gepresst – sein einziger Besitz, sein Rest.

Im Saftladen wärmte er sich auf, aß Toast und schrieb – ein müder Lauf. In WABE putzte er die Stufen, fuhr einmal Ski – doch blieb’s ein Rufen zurück zur Straße, kalt und leer, die Hoffnung wog kaum noch so schwer.

VI. Felix – Die Rettung

Im Februar ’87 dann rief er Felix, einen Mann, der ihm zum ersten Mal zuhört’, ihn ernst nahm, nicht wie Störung stört.

In Nußdorferstraße 17 fand er Bad, Kleidung, ein warmes Band. Er schlief im Nebenraum auf Matratzen, durfte reden, durfte sitzen.

Pink Floyd, The Doors – Musik erklang, die WG führte langen Klang. Dort lernte er im März sodann Lucia Nadia kennen – Bann.

Felix, der ihn aus Frost befreit, nahm sich das Leben – schwere Zeit. Doch diesmal brach er nicht entzwei. Er blieb. Er kämpfte. Er war frei.

VII. Der späte Triumph

Er schrieb, er lernte, Jahr um Jahr, sein Weg blieb steinig – doch er war entschlossen, aus dem Leid zu heben ein Werk, ein Denken, neues Leben.

Er blieb der Schachkunst treu und klar, komponierte, wie er’s früher war. Und schließlich, nach so vielen Stürmen, nach Nächten, die ihn fast zerwürfen, nach Hunger, Kälte, Einsamkeit, nach Schmerz und nach Verlorenheit –

wurde er 2017 geehrt, als FIDE‑Meister – hochverehrt.

Ein Titel, der aus Dunkelheit ein Zeichen seiner Stärke schreit.

Er fiel nicht. Nein – er überstand. Er formte selbst sein zweites Land. Er machte aus dem harten Leben ein Werk, das bleibt – ein stilles Beben.


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