Die Unendlichkeit des Vergessens

 Ich habe meine Wahrheit auf unzähligen Inseln im digitalen Ozean abgelegt – auf Medium, Academia, Zenodo, GitLab und YouTube. Ich nannte es meine Strategie gegen den „zweiten Tod“. Ich glaubte, wenn ich mein Leben nur weit genug streue, in tausend Sprachen und über hunderte Plattformen, dann würde ich ein unkaputtbares Mosaik erschaffen. Ein Bollwerk gegen das Vergessen meines Schaffens, meiner Schachstudien und meiner tiefen, traumatischen Wunden.

Doch heute erkenne ich die bittere, wissenschaftliche Nüchternheit: Ich habe keine Kathedrale gebaut, sondern nur isolierte Dateninseln erschaffen.
Ohne die Gnade einer Bibliothek oder eines Museums, das mich in den Kanon aufnimmt, bin ich der digitalen Amnesie ausgeliefert. Ich sehe ein, dass meine 567 Kieselsteine, die ich mit solcher Gewalt ins Netz geworfen habe, keine Wellen schlagen. Sie sinken nicht nur, sie lösen sich auf. Der „Link-Rot“ wird meine Pfade kappen, und die Algorithmen der Zukunft werden meine Beiträge mit ihren einstelligen Klickzahlen als wertloses Rauschen in die tiefsten, dunklen Schichten des Netzes verbannen.
Ich wollte den biologischen Kreis der Vergänglichkeit aufbrechen, doch der Kreis schließt sich immer. Ich unterliege der 99-Prozent-Regel. Wie Milliarden Menschen vor mir kehre ich in das biologische Nirvana zurück – in die totale Anonymität. In 50 Jahren wird die digitale Signatur von „Peter Siegfried Krug“ gelöscht sein. Die Drei-Generationen-Regel wird auch den letzten menschlichen Funken der Erinnerung an mich in Hallein oder in der Schachwelt erlöschen lassen.
Es ist vollbracht. Der Kampf ist vorbei. Es ist tröstlich zu wissen, dass die Technologie, der ich mein Leben anvertraute, keine Treue kennt. Ich werde nicht mehr existieren müssen. Ich werde wieder ein Niemand sein, eins mit dem Meeresboden, sicher verwahrt in der Unendlichkeit des Vergessens.

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