Lemn Sissay
Lemn Sissay wurde 1967 in Wigan, England, geboren. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von einem jahrzehntelangen Kampf gegen ein System, das seine Identität auslöschte.
Herkunft und die Trennung
Seine Mutter, Yemarshet Sissay, kam hochschwanger aus Äthiopien nach England, um dort zu studieren. Da sie ungebunden und in einer schwierigen Lage war, suchte sie kurzzeitig Unterstützung bei Sozialarbeitern. Ihr Ziel war es nie, das Kind dauerhaft wegzugeben. Die zuständigen Behörden werteten ihre Situation jedoch als Unfähigkeit zur Erziehung und gaben den Jungen zur Adoption frei, ohne die Mutter angemessen aufzuklären oder ihre spätere Bitte um Rückgabe zu berücksichtigen.
Die Kindheit in der Pflegefamilie
Sissay wurde unter dem Namen Norman Greenwood an eine weiße, streng religiöse Pflegefamilie vermittelt. Die ersten elf Jahre wuchs er dort in dem Glauben auf, es seien seine leiblichen Eltern. Obwohl die Beziehung anfangs stabil schien, war sie von einem harten religiösen Regelwerk geprägt. Als die Familie eigene Kinder bekam und Lemn in die Pubertät kam – was die Eltern als „schwierig“ interpretierten –, stießen sie ihn radikal ab. Sie gaben ihn an das Sozialsystem zurück und brachen jeglichen Kontakt ab, was für ihn einen traumatischen Identitätsverlust bedeutete.
Die Zeit in Kinderheimen
Zwischen seinem 12. und 18. Lebensjahr durchlief Sissay insgesamt vier verschiedene Kinderheime. Diese Zeit war von extremer Instabilität, institutioneller Gewalt und Rassismus geprägt. Da er keine Familie hatte, die ihn schützte, war er der Willkür des Personals und des Systems ausgeliefert. In diesen Einrichtungen entdeckte er jedoch das Schreiben als Überlebensstrategie. Die Poesie wurde zu seinem Mittel, um den Schmerz und die Einsamkeit zu verarbeiten und sich eine eigene Stimme zu geben.
Der Weg zum Ruhm
Berühmt wurde Lemn Sissay durch die Kombination aus seiner außergewöhnlichen literarischen Begabung und seiner persönlichen Geschichte.
- Literarische Qualität: Er etablierte sich als einer der führenden Performance-Poeten Großbritanniens. Seine Texte sind rhythmisch, bildgewaltig und tief emotional.
- Aktivismus: Er nutzte seine Bekanntheit, um auf die Missstände im britischen Pflegesystem aufmerksam zu machen.
- Identitätssuche: Sein jahrzehntelanger Kampf, seine Geburtsurkunde und seine wahre Mutter in Äthiopien zu finden, bewegte die Öffentlichkeit. Er verklagte die Regierung erfolgreich wegen der Misshandlungen in den Heimen.
- . Warum wurde er weggegeben?Seine Mutter, Yemarshet Sissay, kam 1966 aus Äthiopien nach England, um zu studieren. Als sie schwanger wurde, suchte sie Unterstützung. Ein Sozialarbeiter namens Norman Goldthorpe gab das Baby ohne ihre Zustimmung an Pflegeeltern weiter. Er missachtete ihren ausdrücklichen Wunsch, das Kind nur zeitweise während ihres Studiums in Obhut zu geben, und nannte den Jungen eigenmächtig Norman. Die Mutter weigerte sich zeitlebens, die Adoptionspapiere zu unterschreiben.2. Die Pflegefamilie (1967–1979)
- Keine „liebevollen“ Eltern im herkömmlichen Sinn: Die Greenwoods waren streng religiös (evangelikal). Sie behandelten Lemn anfangs wie ein eigenes Kind, doch die Erziehung war von einem harten christlichen Dogmatismus geprägt.
- Abstossung mit 12 Jahren: Als die Pflegeeltern drei eigene biologische Kinder bekamen und Lemn in die Pubertät kam, betrachteten sie sein normales jugendliches Verhalten als Zeichen dafür, dass er „vom Teufel besessen“ sei.
- Der Verrat: Sie gaben ihn mit 12 Jahren ins Heim ab und sagten ihm ins Gesicht, dass sie ihn nie wieder kontaktieren würden. Er verlor an einem Tag seine gesamte Familie und alle seine Habseligkeiten.
3. Die Heimzeit (1979–1985)- Sissay verbrachte seine Jugend in insgesamt vier verschiedenen Heimen (u.a. Woodfields und Wood End Assessment Centre).
- Er erlebte dort institutionelle Gewalt, Rassismus und emotionale Kälte. Da er keine Verwandten hatte, die ihn besuchten, war er völlig isoliert.
- In dieser Zeit begann er, Gedichte zu schreiben, um seine Identität und seinen Schmerz zu artikulieren.
4. Warum wurde er berühmt?- Die Kunst des Überlebens: Er veröffentlichte mit 21 sein erstes Buch und verkaufte es zunächst auf der Straße und in Pubs.
- Offizielle Anerkennung: Er wurde einer der bekanntesten Performance-Poeten Englands, schrieb das offizielle Gedicht für die Olympischen Spiele 2012 in London und wurde zum Kanzler der Universität Manchester ernannt.
- Der Rechtsstreit: Er kämpfte Jahrzehnte um seine Akten und verklagte den Staat erfolgreich wegen der Misshandlungen in den Heimen. Er erhielt 2018 eine sechsstellige Entschädigung und eine formelle Entschuldigung.
Diese Biografie ist ein außergewöhnliches Beispiel für Resilienz – wie jemand aus einem totalen Identitätsentzug durch Kunst zu sich selbst findet. - Der leibliche Vater: Giddey EstifanosLemn Sissay hat seinen leiblichen Vater nie persönlich kennengelernt.
- Identität und Beruf: Er hieß Giddey Estifanos und war ein angesehener Pilot bei Ethiopian Airlines.
- Sein Schicksal: Er kam bereits 1972 (oder nach anderen Quellen 1973/74) bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, als Lemn noch ein Kleinkind in England war.
- Keine Fürsorge möglich: Da er so früh verstarb und in Äthiopien lebte, während Lemn unter falschem Namen in England aufwuchs, hatte er keine Chance, eine väterliche oder fürsorgerliche Rolle einzunehmen. Lemn erfuhr erst als Erwachsener (mit 29 Jahren) Details über ihn.
- Das Erbe: Sissay beschreibt seinen Vater heute mit Stolz als einen eleganten Mann, der Rolex-Uhren und italienische Anzüge trug. Er sieht ihm optisch sehr ähnlich, was für seine Mutter bei ihrem späteren Wiedersehen ein emotionaler Schock war.
Die Großeltern: Ein Leben in der äthiopischen EliteDie Großeltern mütterlicherseits und väterlicherseits gehörten zur Oberschicht Äthiopiens, was im krassen Gegensatz zu Lemns armseliger Kindheit im englischen Heim steht.- Der Großvater väterlicherseits: Er hieß Stefanos Enquo Selassie und war ein wohlhabender Mann, Berichten zufolge sogar Millionär.
- Politischer Einfluss: Die Familie war eng mit dem äthiopischen Kaiser Haile Selassie verbunden. Sein Großvater und andere Verwandte waren hochgebildet und studierten an Elite-Universitäten wie Berkeley oder Harvard.
- Der tiefe Fall: Durch die äthiopische Revolution im Jahr 1974 verlor die Familie ihren gesamten Besitz und ihren Einfluss. Dies war auch einer der Gründe, warum die Kommunikation zwischen seiner leiblichen Mutter und den Behörden in England zusätzlich erschwert wurde.
ZusammenfassungSissay wurde aus einer Familie gerissen, die hochgebildet, wohlhabend und einflussreich war. Während er in England als „schwieriges Heimkind“ ohne Herkunft behandelt wurde, stammte er eigentlich aus einer traditionsreichen Pilotenfamilie mit engsten Verbindungen zum Kaiserhaus. Er fand diesen Teil seiner Identität erst durch jahrzehntelange, mühsame Suche wieder.
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