Die Chronik des Peter Krug: Glasenbach und der soziale Abgrund (1982–1987)
Die Chronik des Peter Krug: Glasenbach und der soziale Abgrund (1982–1987)
I. Akt: Die philosophische Grundlegung und das erste Zimmer
Der Ursprung Der philosophische Weg beginnt 1982 mit dem Geschenk seiner Mutter: Die großen Denker. In einer Welt, die ihm wenig Halt bietet, werden Schopenhauer und Nietzsche zu seinen einzigen Verbündeten. Doch vor Glasenbach steht die Sinnhubstraße 6a in Riedenburg. Es ist sein erstes eigenes Reich, vermittelt vom Jugendamt. Ein winziges Zimmer mit einem verwinkelten Gitterfenster, in dem der Kleiderschrank ironischerweise voll mit fremden Kleidern ist.
Isolation und erste Erfolge Trotz finanzieller Ausgrenzung blüht sein Geist. In den Abendstunden komponiert er bis zum Morgengrauen Schachprobleme, hört Mozart (besonders „Eine kleine Nachtmusik“) und trinkt Tee aus seinem einzigen Besitz: einem Wasserkocher. In dieser Zeit wird er von der Schachszene bewundert; seine Aufgaben erscheinen wöchentlich in den Salzburger Nachrichten, honoriert von Herrn Schneider. Er besitzt bereits 15 bis 20 Turnierbretter und gibt ehrenamtlich Unterricht im Jugendzentrum am Mönchsberglift.
Begegnungen im „Saftladen“ und auf dem Mönchsberg Er lernt Conny beim Tischfußball kennen. Mit ihm wandert er über den Mönchsberg und besucht Stadtcafés. Über Conny knüpft er Kontakt zu Wilfried Raith (1959–2022), einem charismatischen Sozialberater, der trotz seiner unheilbaren Lähmung im Rollstuhl als „Experte in eigener Sache“ für die Randständigen kämpft. Sie treffen sich oft in Lokalen wie der Humboldtstubn, wo Raith die sozialen Missstände analysiert. Doch das Zimmer in der Sinnhubstraße geht verloren, weil die weißhaarige Landlady Peters Freunde – darunter Hermann Hraschan – nicht mehr duldet.
II. Akt: Das Refugium am Lohäuslweg
Das Leben bei den Hirnspergers Sozialarbeiterin Sieglinde vermittelt ihn an den Lohäuslweg 9 in Glasenbach. Peter bezieht ein bäuerlich eingerichtetes Zimmer im Erdgeschoss. Während oben die Familie Hirnsperger (Gerhild Hirnsperger, Hans Hirnsperger) ein geordnetes Leben führt, kämpft Peter unten mit der Verwahrlosung. Er teilt die Küche mit einem alkoholkranken Rauchfangkehrer, mit dem er sich handfeste Kämpfe liefert. Peter ernährt sich fast ausschließlich von Joghurt-Schokolade, Waffeln und löslicher Kaffee-Plörre, was zu schweren Magenschmerzen und Durchfall führt.
Dennoch gibt es Lichtblicke: Gerhild Hirnsperger bereitet ihm oft Mahlzeiten zu. Peter spielt mit der Tochter Ingrid und findet Trost beim Dackel „Purzel“. Doch die weihnachtliche Einladung in die warme Stube wird zum emotionalen Schock: Die Tränen fließen, weil die familiäre Geborgenheit den Schmerz über seine eigene verlorene Kindheit im Heim Guggenthal unerträglich macht.
III. Akt: Die Glasenbachklamm als Kathedrale des Geistes
Die Klamm, nur Minuten entfernt, wird zu seinem Freiluft-Sanatorium. Während er gesellschaftlich am Rand steht, bewegt er sich geistig in Jahrmillionen.
Geologische Monumentalität: Das nach der letzten Eiszeit entstandene V-Tal (Kerbtal) legt Gesteinsschichten aus der Jurazeit frei, die bis zu 200 Millionen Jahre alt sind. Peter ist sich der wissenschaftlichen Bedeutung dieses Archivs voll bewusst. Er wandert auf dem kiesigen Pfad über die kleine Steinmauer, vorbei an moosbedeckten Stämmen und dem tosenden Klausbach.
Fischsaurier und Ewigkeit: Das Wissen um den dort gefundenen Ichthyosaurus (Fischsaurier), dessen Überreste im Haus der Natur liegen, gibt seiner Isolation eine kosmische Dimension. Inmitten der Jahrmillionen relativiert sich sein Status als „gescheiterter“ Heimbewohner.
Radikale Befreiung: Auf Wanderungen zur Schwaitlalm oder Erentrudisalm liest er Nietzsches Menschliches, Allzumenschliches und Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung, um sich von den katholischen Dogmen und der „Gottesvergiftung“ zu befreien.
Schachliche Abstraktion: Während er an Felswänden aus Radiolarit und rotem Knollenkalk vorbeiwandert, korrespondiert die unbestechliche Struktur der Geologie mit der harten Logik einer Endspielstudie von Mattison oder Kaminer. Er schickt seine eigenen Kompositionen per Brief an Werner Speckmann.
IV. Akt: Das Paradoxon von Elsbethen und der Zusammenbruch
Der Kindergartenhelfer Durch Gerhild Hirnsperger erhält er eine Stelle im Kindergarten Elsbethen. Er ist eine Sensation: Ein junger Mann im Kindergarten – das bringt ihm sogar ein Radiointerview ein. Er spielt Fußball mit den Kindern, sein Selbstbewusstsein wächst.
Die Re-Traumatisierung Doch die Unbeschwertheit der Kinder wirkt wie eine Lupe auf seine eigenen Wunden. Die traumatischen Erlebnisse aus Guggenthal brechen durch. Er versucht, den Horror durch exzessiv laut gehörte Klassik (Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1, Ravels Bolero, Beethovens 5. Sinfonie) zu betäuben. Es endet damit, dass er 15 Minuten unfähig vor der Tür des Kindergartens steht, die Schwelle nicht mehr übertreten kann und seinen Job verliert.
V. Akt: Abstieg, Haft und das Nichts
Kriminalität und Schanzelgasse Zusammen mit Hermann Hraschan begeht er Autoaufbrüche. Nach der Festnahme bei der Müllner Kirche folgt die Untersuchungshaft in der Schanzelgasse 1. Unter psychischem Druck unterschreibt Peter Geständnisse für Taten, die er nicht begangen hat. In der Zelle (Eisenhochbett, Doppelgitter, Neonlicht) herrscht purer Stress. Er liest Shakespeare und Stefan Zweig, kann sich aber kaum konzentrieren. Er bekommt Läuse, und in seiner Hoffnungslosigkeit schneidet er sich mit Rasierklingen die Pulsadern auf. Zu Weihnachten bürgt Gerhild Hirnsperger erneut für ihn, und er wird unter die Aufsicht von Bewährungshelfer Gerhard Fink entlassen.
Der „Alte Fuchs“ und die endgültige Obdachlosigkeit Nach Glasenbach folgt ein winziges, fensterloses Zimmer im Gasthof „Alter Fuchs“. Er lagert seine Dutzenden philosophischen Bücher im Wandschrank. Peter leidet unter Panikattacken und hyperventiliert bei religiösen Themen. Als er im Winter einen fremden Obdachlosen für eine Nacht mitnimmt, wird er von den Betreibern gnadenlos vor die Tür gesetzt. Ohne Wintermantel, ohne Winterschuhe, ohne seine Bücher steht er in der Linzergasse. Besitzlos. Allein. Hilflos.
1984–1987: Die Jahre des Gestanks und der Kälte Peter wandert nachts durch die Stadt, um nicht zu erfrieren. Er schläft in Pferdewägen in Obergnigl oder auf dem Mönchsberg. Er stinkt, die Haare sind verfilzt, er hat weder Zahnbürste noch Seife. Seine einzige Habe: eine Plastiktüte mit Nietzsche-Bänden. Er meidet alle Bekannten aus Scham. Im „Saftladen“ in der Bergheimer Straße wärmt er sich tagsüber auf, isst billigen Toast und brütet über seinen Texten. Er verbringt auch drei Wochen in der Notunterkunft WABE, wo er Treppen putzt und einmal mit einer Frau zum Untersberg fährt, um Ski zu fahren. Doch danach folgt wieder die Straße.
VI. Akt: Die Rettung durch Felix
Im Februar 1987 rief Peter vom Saftladen aus Felix Corbinian an, einen 27-jährigen Studenten aus dem Saftladen. Felix war der erste, der ihm mit Respekt zuhörte. Felix gibt ihm die Adresse Nußdorferstraße 17 in Riedenburg.
Die Rettung ist drastisch: Peter muss sofort baden, bekommt saubere Kleidung von Felix und darf auf einer Matratze in einem kleinen Nebenraum schlafen. In der WG wird viel diskutiert, es läuft Musik von The Doors und Pink Floyd. Hier lernt er Ende März seine Partnerin Lucia Nadia Cipriani kennen. Doch das Ende ist tragisch: Felix, der Retter, der Peter aus der Obdachlosigkeit befreite, nimmt sich wenige Monate später am Untersberg das Leben.
Quellen und Erläuterungen
Quellen: Persönliche Zeugnisse von Peter Krug, Dokumentation der Sozialdienste Salzburg (1982–1987), Archivdaten zur Glasenbachklamm.
Geologische Fakten: Die Klamm ist ein geschützter Landschaftsteil, der die Alpenfaltung vom Meeresboden bis zum Gebirge dokumentiert.
Wilfried Raith ist am 5. Juni 2022 mit 62 Jahren verstorben. Wilfried war ein Kämpfer für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Sein berühmter Satz als Rollstuhlfahrer war: "Wir müssen sogar darum kämpfen, aufs Klo gehen zu können."
Bio: Peter Krug ist Schachkomponist und Autor. Seine Mission liegt in der Aufarbeitung der Missbrauchsthemen in Heimen sowie der Darstellung der prekären Lebensverhältnisse in den 1980er Jahren.
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