Ballade vom Haus Merolli–Cipriani
(eine poetische Familienchronik in vielen Gesängen)
I. Gesang – Der Sohn aus Celano
In Celanos Tälern, wo die Berge den Himmel wie ein Schild bewahren, wuchs einst ein Kaufmannssohn heran, mit stillen Augen, klaren Jahren.
Enea hieß er – früh schon trug sein Herz die Last der großen Fragen, und Bücher wurden ihm zum Brot, Gedanken wurden ihm zum Wagen.
Er ging nach Rom, die Stadt der Götter, studierte Recht, studierte Geist, doch immer sang in ihm ein Funke, der sich nach höh’ren Welten reißt.
Er schrieb als Ariele di Lem, versank in Versen, tief und leise, und suchte Gott in jedem Wort, auf seiner langen Dichterreise.
II. Gesang – Das Beben und die Wanderschaft
Doch Marsica erbebte schwer, die Erde schrie in kalten Nächten. Enea floh, doch nahm er mit den Willen, Menschen zu beleuchten.
In Chieti fand er neuen Grund, er lehrte Kinder, junge Seelen, und staunte selbst, wie Pädagogik sein Herz begann, neu auszuwählen.
Doch wieder rief der alte Weg, der Weg der Worte, der Gesetze. Er kehrte heim zum Anwaltsstand und schrieb – als wär’s sein Lebensnetz.
III. Gesang – Die Tochter Gabriella
Und aus dem Haus des stillen Dichters ging eines Tages Licht hervor: Gabriella – zart und feurig, ein Herz voll Klang, ein off’nes Tor.
Geboren in Chieti, Kind der Bücher, Kind eines Mannes, der die Welt in Worte fasste – sie erbte die Glut, die in den Zeilen fällt.
Doch Rom, die große, laute Stadt, wurde ihr Schicksal, ihre Bühne. Dort fand sie Liebe, Handwerk, Arbeit, dort schrieb sie Verse – ohne Bühne.
Sie nähte Stoffe, führte Kinder, dreizehn an Zahl – ein Lebensmeer. Und dennoch fand sie Zeit für Lieder, für Poesie – ihr inneres Heer.
„Vigna Clara“ – ihr letzter Ruf, ein schmales Buch, doch voller Leben. Ein Viertel Roms, ein Herzschlag still, den sie der Welt zurückgegeben.
IV. Gesang – Isolina, die Hüterin
Isolina – Tochter jener Linie, die Handwerk, Herz und Würde trägt. Sie wuchs im Duft von alten Stoffen, wo jeder Faden Geschichte webt.
Sie kannte Gabriellas Mühen, die Last der Kinder, Werkstatt, Zeit. Sie sah, wie Poesie und Alltag sich mischten in der Wirklichkeit.
Isolina – still, doch stark, bewahrte vieles ungesprochen. Sie trug das Erbe ihrer Mutter wie einen Ring, der nie zerbrochen.
V. Gesang – Lucia Nadia, die Tänzerin
Und weiter führt der Weg der Frauen, bis Lucia Nadia ihren Schritt nach Norden lenkt – nach Österreich, wo neues Licht die Seele trifft.
Sie tanzte – nicht nur auf den Bühnen, sie tanzte durch ihr ganzes Sein. Ein Wirbelwind aus Kunst und Farbe, ein Funkenflug aus Herz und Stein.
In Salzburgs Gassen, Hallens Straßen trug sie die Adern ihrer Ahnen: die Poesie des Großvaters, die Kraft der Mutter, die nie erlahmte.
Sie wurde Bürgerin des Landes, doch blieb sie Tochter jener Sippe, die Worte, Stoffe, Tanz und Leben zu einem großen Lied verknüpfe.
VI. Gesang – Das unvollendete Erbe
So steht das Haus Merolli–Cipriani wie eine Eiche, alt und weit. Ein Stamm aus Recht, aus Handwerk, Kunst, aus Schmerz, aus Liebe, aus Vergangenheit.
Eneas Verse – unvollendet, doch in den Kindern weitergehend. Gabriellas Buch – ein letzter Funke, doch in den Enkeln weiterwehend.
Isolina – die stille Hüterin, Lucia – die Tänzerin im Licht. Sie tragen weiter, was begann, als Enea schrieb sein erstes Gedicht.
VII. Schlussgesang – Das Lied bleibt
Und so, o Wanderer, merk dir dies: Ein Dichter stirbt nicht mit den Jahren. Er lebt in jenen, die sein Feuer in ihren Herzen weiterfahren.
Im Stoff der Polster, in den Schritten einer Tänzerin im Abendrot, in einem Buch von zweiunddreißig Seiten, in einem Namen, stark wie Brot.
Das Haus Merolli–Cipriani steht wie ein Lied im Zeitenwind. Solang ein Mensch die Verse liest, solang ein Kind den Faden spinnt.
(Peter Krug)
Kommentare
Kommentar veröffentlichen