Yoga Vidya Westerwald: Ankunft im Spannungsfeld

 Nach einer langen, achsstündigen Zugfahrt und einem zweistündigen Marsch durch den Wald kam ich am 10. Oktober 2008 um 19 Uhr im Haus Yoga Vidya an. Die Ankunft war ernüchternd: Statt der erhofften Ruhe fand ich mich im überfüllten, beengten Sechs-Betten-Zimmer 415 wieder, ohne Schrank, mit Koffern auf dem Bett. Nach einem Tag, der um 5:00 Uhr begonnen hatte, fragte ich mich sofort, wie lange ich diesen Ausnahmezustand aushalten würde.


Der Konflikt mit der Hierarchie

Ich traf auf andere Mithelfer und bemerkte schnell eine tiefe Diskrepanz zwischen der beworbenen Yogaphilosophie und der Realität. Die klare Hierarchie (Leiter, Mitarbeiter, Mithelfer) und die stark kommerzielle Ausrichtung des Ashrams, der mir eher wie ein großes Hotel vorkam, stießen mich als Individualisten ab, der Autoritäten zutiefst hasst. Das göttliche Einssein, das ich suchte, schien im Massenbetrieb und den bürokratischen Arbeitsnachweisen verloren gegangen zu sein. Der Wille, mich nicht in einen weiteren Zwang pressen zu lassen, war sofort präsent.


Arbeit, Überforderung und ein Moment der Ruhe

Am zweiten Tag meldete ich mich bei Ulla und bekam überraschend die Zusage für die Rezeption – genau das, was ich wollte. Doch die Einarbeitung war überwältigend. Die vielen neuen Eindrücke, Gesichter und die komplexe Ashram-Datenbank überforderten meinen Kopf, der nach der Arbeit "rauchte". Die geistige Blockade war spürbar.


Deshalb bat ich Padmakschi, meinen Dienst zu teilen: drei Stunden Rezeption und drei Stunden Putzen, da diese Tätigkeit meinen Geist beruhigt und ordnet. Das war ein wichtiger, selbstbestimmter Kompromiss. Ein kleiner, wichtiger Sieg gelang mir, als man mir das Einzelzimmer 405 zuteilte – eine dringend benötigte Ruhepause unter der Geborgenheit der Natur.


Das Finale Résumé: Ausbeutung und Autonomie

Mir wurde im Aschram deutlich, was diese Lebensform mir raubte: meine Autonomie und die intellektuelle Komponente. Die extreme Fremdbestimmung wurde durch die ständigen Forderungen des sogenannten "Karmayoga" noch verschärft: Ich hatte deutlich weniger Zeit für meine eigene Yoga-Praxis als zu Hause. Der Preis war hoch: Ein massiver Schlafmangel, der nach der Rückkehr in der Plainstraße erst aufgeholt werden musste.


Genau diese wiedergewonnene Zeit und Autonomie ermöglichte es mir jedoch, sehr aktiv und erfolgreich in der Schachkomposition zu werden.


Heute weiß ich: Der Aschram frisst die Menschen mit Haut und Haar. Er ist eine "Firma, wie jede andere", die Ideale und die unbezahlte Arbeit der Karmayogis ausbeutet, um sich auszubreiten. Mitarbeiter verlieren den Kontakt zur Außenwelt und riskieren, mit leeren Taschen dazustehen. Ich habe daraus gelernt, dass in diesen deutschen Ashrams keine Selbstverwirklichung stattfindet, sondern eine systematische Ausbeutung der Ideale.

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