Von der Anstalt in die Willkür: Wie Magarethe Leitner die Todesopfer des Systemversagens in Guggenthal verschleierte

 Wie Magarethe Leitner die Todesopfer des Systemversagens in Guggenthal verschleierte

Nach den Jahren im Kinderheim Salzburg-Itzling, in denen die Gewalt von der Institution organisiert wurde, erwartete mich 1972 mit der Unterbringung in der Pflegefamilie in Guggenthal eine vermeintliche Befreiung. Doch die vermeintliche Freiheit im Haus ohne Zaun, vermittelt durch das Kinderhilfswerk Pro Juventute, entpuppte sich als eine neue, noch willkürlichere Form der Bedrohung.


Der strukturelle Fehler des Systems setzte sich fort: Magarethe Leitner (die wir "Mama" nennen mussten), mit 15 bis 16 Kindern fraglos überfordert und ohne erzieherische Ausbildung, wurde vom Jugendamt faktisch unkontrolliert gelassen.


Kontrollverlust und unberechenbare Gewalt

Die willkürliche Handlungsfreiheit der Pflegemutter, deren Verhalten ich als absolut unberechenbar erlebte, schuf eine ständige psychische Terrorzone. Das System versagte, weil es "offenbar zu wenig kontrollierte". Diese fehlende Aufsicht ermöglichte:


Physische Gewalt: Willkürliches Ohrfeigen, Schlagen mit Pantoffeln oder gar einem Holzsessel.


Psychologische Isolation: Keinen Kontakt aufnehmen zu können, keine Umarmung, kein Lob – die Fortsetzung der emotionalen Kälte des Heims.


Dieses neue Versagen in der Pflegefamilie zwang mich und meinen Mitpflegling Adi Hillimaier in eine extrem traumatische Überlebensstrategie: Wir betrieben ein "Abhärtungstraining" im Wald, indem wir uns gegenseitig schlugen. Ziel war es, die Angst vor den Schlägen der Pflegemutter nicht mehr spüren zu müssen. Diese selbst zugefügte Gewalt ist ein beispielloses Dokument der Verzweiflung und zeigt, wie tief die Angst in das kindliche Erleben eingegraben wurde.


Die fatalen Konsequenzen und die Zensur der Wahrheit

Die langfristigen Kosten dieser systemischen Vernachlässigung wurden im Buch "Abgestempelt und ausgeliefert" zwar angedeutet (Absturz in Sucht- und Abhängigkeitskrankheiten), doch die ganze, brutale Wahrheit wurde dort bewusst zensiert und verschwiegen:


Reinhard Tutschko erhängte sich als junger Erwachsener.


Daniel Spitzl starb an einer Drogenüberdosis.


Diese Namen und Schicksale wurden dem Salzburger Archiv übergeben, aber im publizierten Buch ausgelassen. Diese Zensur ist die Fortsetzung des systemischen Wegsehens auf wissenschaftlicher Ebene, da sie die fatalen Konsequenzen der Jugendwohlfahrt für die Öffentlichkeit verschleiert. Magarethe Leitner wurde für ihr Verhalten nie bestraft, unter anderem, weil mir 45 Jahre lang der Mut und die Gelegenheit fehlten, darüber zu sprechen. Für die Forschung und die ganze Wahrheit müssen diese Namen – der Täterin Leitner und der Opfer Tutschko und Spitzl – öffentlich genannt werden.


Die Angst, die zum medizinischen Fall wird – und die Folgekosten

Die tiefe Abwärtsspirale der Angst vor Schlägen und schulischem Versagen (lauter Fünfer) gipfelte in einem dramatischen Zusammenbruch. Im Bett liegend, allein und hilflos, bekam ich nächtliche Erstickungsanfälle (Hyperventilation).


Als ich im Krankenhaus landete, wurde die tatsächliche Ursache – die Todesangst durch den Psychoterror der Pflegeeltern – nicht erkannt. Trotz der scharfen Frage von Dr. Michael Bertel, dem Ehegatten meiner Mutter: "Peter, bist du geschlagen worden?" (auf die ich aufgrund des gelernten Schweigens kein Wort herausbrachte), diagnostizierten die Ärzte fälschlicherweise Epilepsie. Diese Fehldiagnose ist das letzte Glied in der Kette des systemischen Versagens: Die Jugendwohlfahrt liefert das Trauma, und das Gesundheitssystem missdeutet die körperlichen Manifestationen des Terrors.


Ich wusste als Kind instinktiv, dass es die Angst war, die mich beinahe ersticken ließ. Doch als Einzelkämpfer sah ich mich einer Wand von Überzeugung gegenüber: Auch mein Mitpflegling Adi Hillimaier glaubte an die Epilepsie-Diagnose. Diese Diskrepanz zwischen meiner inneren Wahrheit und der medizinisch/sozialen Feststellung führte über Jahrzehnte zu einer tiefen Unsicherheit in meiner Identität. Ich war gezwungen, gegen die offizielle Diagnose zu rebellieren (indem ich die Tabletten wegwarf), während mein Umfeld meine Existenz weiterhin falsch interpretierte. Diese Erfahrung, als Einzelner die Wahrheit gegen das etablierte System verteidigen zu müssen, prägte meine psychische und soziale Unsicherheit bis weit ins Erwachsenenleben hinein.


Die Veröffentlichung dieser Namen und dieses Abschnitts ist der ultimative Akt, dieses gelernte Schweigen und die jahrzehntelange falsche Interpretation meiner Identität endgültig zu brechen. - Zusammenfassung von Peter Siegfried Krug

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