Schach, Sexueller Missbrauch, Zensur
Peter Siegfried Krug: Schach, Sexueller Missbrauch, Zensur: Der finale Kollaps des Pflegeplatzes Ladinig (Gerold und Annamaria Ladinig, Zanderstraße 5)
Nachdem der Aufenthalt bei den Ladinigs in Liefering die Gewalt auf eine neue, sadistische Ebene eskaliert hatte, schien die wöchentliche Betreuung durch einen Psychologen der letzte Anker zu sein, den das System noch bot.
1. Die Weitergabe des Traumas als Systemversagen
Der Aufenthalt in Liefering in den späten 1970er Jahren war ein strategisches Totalversagen der Jugendwohlfahrt. Ich wurde bei einem kinderlosen Ehepaar untergebracht, das sich rasch als desolat entpuppte: Der Pflegevater, Gerold Ladinig (Maurer/Fliesenleger), war selbst ein ehemaliges Heimkind und überzeugter Träger der damaligen Erziehungsgewalt. Seine Devise war klar: Was er im "Schwererziehbarenheim" erlebte, sei gut gewesen und müsse weitergegeben werden. Das System stellte sicher, dass das Trauma der Elterngeneration zur Erziehungsmethode der nächsten Generation wurde. Die Gewalt eskalierte zur Demütigung: Ladinig, der chronischer Alkoholiker war, schlug mich brutal, oft grundlos, und zwang mich, mich auszuziehen, um Schläge auf die nass gemachte, nackte Haut zu erhalten. Die Pflegefrau Annamaria Ladinig sah die rohe und sadistische Gewalt gegen mich und sie selbst mit an. Das System versagte, weil es diese desolaten, traumatisierten Menschen unkontrolliert ließ.
2. Schach als existenzieller Ankerpunkt
Inmitten des Terrors bot der Kontakt zu einem Psychologen Hoffnung. Dieser Mann bewies jenes feine Gespür, das dem Jugendamt gänzlich fehlte. Er erkannte, dass die vorangegangenen Traumata eine Sprachblockade erzeugt hatten – ein Zustand, den ich heute als die direkte Folge einer hochtraumatisierten Psyche identifiziere, die sogar zu chronischer Namens-Vergesslichkeit führte.Da ich nicht über mein Leid reden konnte, lehrte er mich das Schachspiel. Das Schachbrett wurde zum existentiellen Fluchtpunkt: Es bot Klarheit, Regeln und Berechenbarkeit als Gegengewicht zur unberechenbaren Willkür der Ladinigs. Das Schachspiel war der sprachlose Halt, der mir half, die anhaltende physische und emotionale Vernachlässigung zu überstehen.
3. Sexueller Missbrauch, Zensur und die finale Perversion
Dieser Lichtblick wurde brutal ausgelöscht. Die systematische Verwahrlosung des Umfelds gipfelte im sexuellen Missbrauch durch einen äußerlich verwahrlosten Mitarbeiter des Pflegevaters.
Die Reaktion des Systems auf diesen finalen Tabubruch war bezeichnend:
Zensur des Leids:
Obwohl ich die detaillierten sexuellen Übergriffe den Forschern schilderte, wurden diese größtenteils aus dem Buch zensiert. Die wissenschaftliche Aufarbeitung vermied es, diesen dunkelsten Punkt des Missbrauchs in seiner vollen Tragweite zu benennen.
Die Rettung durch Gewalt: Der Missbrauch fand sein Ende nicht durch eine Behörde, sondern durch den Pflegevater Gerold Ladinig selbst. Seinerseits zur Sprache nicht fähig, schlug er den Vergewaltiger nieder und zwang mich, dem voyeuristischen Ritual zuzusehen. Dies war das absolute Finale des Systemversagens: Die einzige Form des Schutzes war die brutale, sadistische Gewalt eines anderen Täters.
4. Der "Absolute Tiefpunkt" und die lebenslange Wunde
Nach einer weiteren Orgie der Gewalt brach ich zusammen. Der absolute Tiefpunkt war erreicht: Meine Vorstellung war nicht der Suizid im klinischen Sinne, sondern der instinktive Wunsch, dorthin zurückzukehren, wo die einzigen positiven Erinnerungen lagen: die Natur beim Gaisberg, um dort dem unerträglichen Schmerz zu entkommen. Als ich zu Fuß flüchtete, um mich vom Berg zu stürzen, bewies meine Mutter, Herta Bertel (geb. Krug), die emotionale Kälte des gesamten Systems. Sie war "empört, wie ich drauf komme, dass ich da solche Firlefanzen mache" – eine schmerzhafte Bestätigung, dass die Erwachsenenwelt meine Not und meine Todesangst nicht verstehen wollte.
Die Hyperventilation (Erstickungsanfälle) im Kinderheim in Guggenthal hatte bereits zur Fehldiagnose Epilepsie geführt, eine Diagnose, die von allen (einschließlich Adi Hillimaier) akzeptiert wurde, nur nicht von mir selbst. Diese Diskrepanz zwischen meiner inneren Wahrheit und der medizinisch/sozialen Feststellung führte über Jahrzehnte zu einer tiefen Unsicherheit in meiner Identität. Ich war gezwungen, gegen die offizielle Diagnose zu rebellieren, während mein Umfeld meine Existenz weiterhin falsch interpretierte. Diese Erfahrung als Einzelkämpfer gegen das etablierte System prägte meine psychische und soziale Unsicherheit bis weit ins Erwachsenenleben hinein.
Die Veröffentlichung dieser Namen und dieses Abschnitts ist der ultimative Akt, dieses gelernte Schweigen und die jahrzehntelange falsche Interpretation meiner Identität endgültig zu brechen.
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