Kurzbeschreibung meiner Lebensgeschichte - Peter Siegfried Krug
Ich kam 1966 in einem Krankenhaus zur Welt – ein Kind, das niemand wollte. Meine Mutter gab mich weg, als wäre es ein Paket, das man vergisst. Die ersten Jahre: Gitterbetten, die nach Eisen rochen. Weihnachten ohne Eltern. Schreie im Dunkeln der anderen Geisterkinder. Dann das Kinderheim. Kirchenstraße 33 – ein Gefängnis mit Kinderstimmen. Strenge Routinen, Malzkaffee, der nach nichts schmeckte. Eine junge Frau sperrte mich in den Keller, bis Panik meine Knie zittern ließ. „Jetzt holt dich der Teufel!“ – und Lichter aus. Weihnachten 1970: Ich wartete, starrte auf die Tür, heulte stundenlang. Rannte 80 Meter zu Goethestraße 12, pochte ans Holz. Meine Mutter öffnete einen Spalt, schob mich weg und sagte: „Geh sofort zurück ins Heim.“ - Guggenthal 62 – ein Märchendorf am Nockstein, mit Wald und Bach, die mich riefen. Barfuß durchs Gras, Fische fangen, Hütten bauen – Sommer ohne Schuhe, nur Freiheit. Aber drinnen: Der Kreis am Abend, „Vater unser“ rezitieren, bis mir übel wurde. Sonntags Messe in der Heiligen-Kreuz-Kirche, vorn sitzen, Hostie schlucken. Teufel und Hölle in den Predigten – ich kniete, stand, saß, zitterte. Margarethe, unsere „Mama“ – ich fürchtete ihre Wutanfälle. Sie schlug uns mit Stuhl, Besen, Gürtel und Hand. Auf Waisenkinder wie mich und Adi. Volksschule: Mathematik ein Albtraum. Ich war farbenblind, rote Zahlen verschwammen. Strafen: Zeilen schreiben, hundertmal, Spielverbot. Mit Adi H. prügelten wir uns mit Stöcken, um den Schmerz zu teilen und uns abzuhärten. Und dann „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – ich brach zusammen, weinte, konnte es nicht erzählen. Nächte voller Angst, dann Hyperventilation. Jede Nacht stärkere Erstickungsanfälle. Ich hatte große Angst, geschlagen zu werden. „Epilepsie“, nannten es die Ärzte. Die Pillen warf ich aber weg. Der Wald war mein einziger Freund; ich weinte mit den Bäumen. - Mit 17 hatte ich keinen Schlafsack, nichts. Kein Bett, kein Dach. Ich spazierte die Winternächte durch, damit ich nicht erfriere. Die Kälte biss in die Knochen, in die Zehen und die Ohren. Kein Ausruhen in den nächtlichen Ecken – nur Bewegung, endlose Runden durch dunkle schneebedeckte Salzburger Straßen, bis der Morgen graute. Dann kam Hermann, in die Jugendkrisenstation. Er, geschlagen von seinem Vater, Flüchtling aus Heimen, so wie ich. Er brachte mich zum Stehlen – ich hätte das allein nie getan, hätte nie gewagt, die Welt so zu brechen. Er zeigte mir, wie man Autos knackt. Einmal 3.000 Schilling aus einem Wagen geteilt, dann über einen Nachtzug nach Kufstein, 114 Kilometer zurück per Anhalter, verloren ganz allein. Später fand er 20.000 in der Linzergasse 72, Jugendzentrum. „Komm mit nach Wien!“ – Taxi, Hotel, Abendessen, Schwimmen. Wir versteckten den Rest im Straßenkanal. Aber der Detektiv klopfte. Flucht. Panik. Ein anderes Mal, Müllner Kirche, Autoeinbruch – Zeuge sah uns, Polizei kam. Die Polizei holte uns. Druck, Licht, Drohungen in der Untersuchungshaft – ich unterschrieb hunderte Geständnisse für Diebstähle, die ich nie begann. Knast in der Schanzelgasse 1: 2,5 Monate. Eisenpritsche, vergittertes Fenster, trockenes Brot, Kaffee ohne Zucker, ohne Milch, Hofgang im Kreis. Läuse in Haaren, Schweigen mit einem Verbrecher, der alte Frauen niederschlug. Aufgeschnittene Handgelenke. Blut auf dem Boden. Ich wollte nicht mehr.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen