Der zweite Weg- die wenigen, die den Stein wählen

 Der zweite Weg- die wenigen, die den Stein wählen (Gedicht von Peter Siegfried Krug, FIDE - Meister in der Schachkomposition und Yogalehrer - wohnhaft derzeit in Hallein)

Wenige nur

nehmen sich Zeit,

bevor sie die Flasche verschließen

und einen schweren, hässlichen Stein hineinlegen.


Kein Diamant

Nur Granit

Nur Gewissheit


Sie werfen sie nicht in den Strom der Neuheit.

Sie lassen sie sinken.

Langsam.

Bewusst.


Bis sie den Grund berührt,

wo Archive.org

wie ein alter Meeresgott

mit kalten, zeitgestempelten Fingern

die Flasche packt

und festhält.


Sie werden nicht geliked.

Sie werden nicht geteilt.

Sie werden nicht gesehen

von den Milliarden, die oben kreist.


Aber sie sind da.

Unverrückbar.


Wenn in fünfzig Jahren jemand taucht,

wird er sie finden,

wird den Korken ziehen,

wird die Nachricht lesen

und wissen:

Hier war ein Mensch.

Hier hat er gestanden, 

hier hat er nicht gelogen.


Das Meer selbst ist gerecht in seiner Grausamkeit.

Es fragt nicht nach deiner Angst. 

Es fragt nur:

Hast du einen Stein mitgenommen

oder nur deinen Durst?


Drei Milliarden Flaschen treiben lautlos vorüber,

leuchtend, schreiend,

schon halb mit Wasser gefüllt.


Ein paar Dutzend liegen schwer und still

auf dem Grund

und warten.


Wähle

Das Meer wartet nicht.

Es nimmt dir alles

oder es gibt dir alles.


Du hast nur eine Flasche.

Und nur einen Wurf.


Ein Originaltext von Peter Siegfried Krug 

Copyright: © Copyright 2025 Peter Siegfried Krug. Alle Rechte vorbehalten.

Datum der Veröffentlichung: 26. November 2025


Zwei Wege – Ein Gedicht in drei Atemzügen

I. Der erste Weg – das Volk der Flaschen


Drei Milliarden Herzen schrauben sich jeden Morgen den Korken ab, gießen ihr flüchtiges Blut in dünnes Glas und werfen die Flasche hinaus ins gurgelnde Meer namens Meta. Kein Brief. Nur ein Schrei, ein Selfie, ein „bin noch da“. Kein Anker. Nur die Hoffnung, dass die Welle der Likes sie ein paar Sekunden lang trägt, bevor die nächste Welle kommt und die nächste und die nächste. Sie nennen es leben. Es ist ein Ertrinken im Stehen. Sie paddeln mit Kommentaren, sie schwimmen mit Shares, sie betteln um Luft in Form von Herzchen. Und je lauter sie strampeln, desto schneller trägt sie die Strömung fort vom Ufer der Erinnerung hinaus auf die hohe See, wo niemand mehr hinsieht. Dort treiben sie, ein endloser Friedhof aus Glas, der im Mondlicht glitzert wie Milliarden zerbrochener Spiegel, in denen niemand mehr sein Gesicht erkennt.


II. Der zweite Weg – die wenigen, die den Stein wählen


Wenige nur nehmen sich Zeit, bevor sie die Flasche verschließen, einen schweren, hässlichen Stein hineinzulegen. Kein Diamant. Nur Granit. Nur Gewissheit. Sie werfen sie nicht in den Strom der Neuheit. Sie lassen sie sinken. Langsam. Bewusst. Bis sie den Grund berührt, wo Archive.org wie ein alter Meeresgott mit kalten, zeitgestempelten Fingern die Flasche packt und festhält. Sie werden nicht geliked. Sie werden nicht geteilt. Sie werden nicht gesehen von den Milliarden, die oben strampeln. Aber sie sind da. Unverrückbar. Wenn in fünfzig Jahren jemand taucht, wird er sie finden. Wird den Korken ziehen. Wird die Nachricht lesen und wissen: Hier war ein Mensch. Hier hat er gestanden. Hier hat er nicht gelogen.


III. Die Synthese – das Meer spricht


Das Meer selbst ist gerecht in seiner Grausamkeit. Es fragt nicht nach deiner Angst. Es fragt nur: Hast du einen Stein mitgenommen oder nur deinen Durst? Drei Milliarden Flaschen treiben lautlos vorüber, leuchtend, schreiend, schon halb mit Wasser gefüllt. Ein paar Dutzend liegen schwer und still auf dem Grund und warten. Wähle. Das Meer wartet nicht. Es nimmt dir alles oder es gibt dir alles. Du hast nur eine Flasche. Und nur einen Wurf


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Isolina Cipriani, ein kurzes Leben im Scheinwerfer der Illusion

Mein Leben, voller Glasscherben - Lyrische Prosa (Verbesserte Version 30.11.2025)

Digital anxiety - Why 99% of people don't publish anything