Das digitale Meer

 Das digitale Meer

Wir steigen ein, leise, fast schuldbewusst,

als wäre es nur eine Kreuzfahrt für ein Wochenende.

Die Gangway schluckt unsere Namen,

die Tickets heißen „Anmeldung“,

und schon gleitet das gewaltige Schiff hinaus,

weiß und glänzend wie ein Versprechen,

das niemand laut aussprechen muss.

An Deck riecht es nach Kokos-Sonnencreme und Neuem Anfang.

Wir legen die Schwimmwesten der Einsamkeit ab,

tauschen sie gegen Bademäntel aus Likes.

Jeder Sonnenuntergang wird sofort fotografiert,

jeder Drink mit Freunden, die wir nie berühren,

jeder Herzschlag in Herzchen übersetzt.

Das Meer ringsum ist endlos,

aber wir schauen nur auf die kleine Spiegelung

unseres Gesichts im Handydisplay.

Wir sind Tausende,

und doch tanzt jeder allein

mit seinem eigenen Schatten aus Licht.

Das Schiff ist riesig.

So riesig, dass wir glauben,

es könne nie sinken.

„Wenn Millionen hier feiern“, flüstern wir uns zu,

„wird der Kapitän schon wissen, wohin die Reise geht.“

Wir übergeben ihm die Verantwortung

für all die Fotos, die Worte, die Jahre,

die wir hier lagern wie Gepäck im Bauch des Schiffes.

Wir wollen nicht wissen,

dass der Kapitän kein Kapitän ist,

sondern ein Algorithmus,

der uns liebt,

solange wir zahlen und lächeln.

Die Musik ist laut.

Immer neue Lieder,

immer neue Körper,

immer neue Bestätigung,

dass wir existieren.

Wir tanzen,

bis uns schwindelig wird,

bis wir vergessen,

dass wir einmal barfuß am echten Strand standen

und das Salz auf der Haut spürten.

Hier gibt es kein Salz mehr,

nur noch glatte Oberflächen

und das sanfte Klicken

von Daumen,

die uns sagen: Du bist noch da.

Du bist noch schön.

Du bist noch geliebt.

Für dreizehn Sekunden.

Dann, irgendwann,

ein kaum hörbares Knirschen.

Ein Ruck,

den zuerst nur die Wellen bemerken.

Das Schiff legt den Kopf schief,

wie ein Kind, das etwas nicht verstehen will.

Die Lichter flackern.

Die Musik verstummt mitten im Refrain.

Und plötzlich ist das Meer wieder echt –

kalt, dunkel, gleichgültig.

Die Rettungsboote sind längst verkauft worden

an diejenigen, die mehr zahlten.

Wir stehen an der Reling,

das Handy noch in der Hand,

und sehen zu,

wie unser ganzes digitales Leben

in Zeitlupe untergeht:

die Urlaubsfotos aus dem Jahr,

in dem wir glücklich waren,

die Nachricht, die nie beantwortet wurde,

das Profil, das bewies,

dass wir jemand waren.

Das Wasser steigt.

Es ist stiller als jede Benachrichtigung.

Es fragt nicht nach Followern.

Es löscht ohne Vorwarnung.

Und während wir sinken,

verstehen wir endlich,

dass wir nie Passagiere waren –

nur Fracht.

Schöne, lachende, vergängliche Fracht

auf einem Schiff,

das nie vorhatte,

uns irgendwohin zu bringen,

außer tiefer.

Oben, an der Oberfläche,

tanzen schon die nächsten Lichter.

Ein neues Schiff.

Ein neues Versprechen.

Und wieder steigen sie ein,

mit demselben leisen, schuldbewussten Lächeln,

als wäre es nur eine Kreuzfahrt

für ein Wochenende.

Das Meer aber wartet.

Geduldig.

Es hat alle Zeit der Welt.

© Copyright 2025 Peter Siegfried Krug

Alle Rechte vorbehalten.


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