Umschreiben der Identität (Sartre) versus Erstarren der Identität (Herta Bertel)
Herta Bertel versuchte, ihre Freiheit durch soziale Mimikry (Anpassung) zu gewinnen. Sartre gewann sie durch intellektuelle Autonomie.
Die Dialektik der Identität: Herta Brigitte Bertel und Jean-Paul Sartre im tiefenpsychologischen Kontrast
Die Gegenüberstellung der psychischen Struktur von Herta Brigitte Bertel mit der Existenzphilosophie und Biografie von Jean-Paul Sartre offenbart zwei fundamentale, jedoch gegensätzliche Strategien im Umgang mit frühkindlicher Traumatisierung. Während Sartre die Fragmentierung seiner Herkunft als Katalysator für eine radikale Sublimierung nutzte, manifestierte sich bei Herta Bertel eine pathologische Erstarrung, die auf der absoluten Verdrängung der eigenen Vulnerabilität basierte.
Das Identitätskonzept: Schutzwall gegen Projektion
In der psychischen Organisation von Herta Bertel fungierte die Identität als statisches Konstrukt, das einem Schutzwall glich. Diese Identität war nicht auf innerem Wachstum aufgebaut, sondern auf der strikten Abwehr unerträglicher Selbstanteile. Das Ich wurde hierbei als ein fragiles Gut begriffen, das durch äußere Symbole – wie den sozialen Status einer Arztgattin – stabilisiert werden musste. Im Gegensatz dazu definierte Sartre Identität als ein dynamisches Projekt. Für ihn war das Individuum kein fertiges Produkt seiner Geschichte, sondern ein ständiger Entwurf, der sich durch die bewusste Entscheidung über seine eigene Faktizität erhebt.
Umgang mit Scham und die Vernichtung des Spiegelbildes
Ein zentraler Aspekt der Divergenz liegt im Umgang mit der Scham. Sartre wählte den Weg der analytischen Offenlegung. Durch die Verschriftlichung seiner Unzulänglichkeiten entzog er der Scham die Macht. Herta Bertel hingegen nutzte die Verdrängung im Sinne der Sartre’schen Mauvaise Foi (Bösgläubigkeit). Die Vernichtung eines Fotografien-Dokuments, das den Sohn in einem Zustand der Traurigkeit zeigte, ist hierbei als ein hochgradig symbolischer Akt der Selbst-Abwehr zu deuten. Das weinerliche Kind war nicht lediglich ein äußeres Objekt, sondern die unerträgliche Spiegelung ihrer eigenen, abgespaltenen Verletzlichkeit aus der Zeit der Stallarbeit und Vernachlässigung. Die Zerstörung des Bildes entsprach dem Versuch, die eigene traumatische Vergangenheit final zu löschen. Was nicht sichtbar ist, darf nicht existieren.
Funktion der Sprache und die Macht der Symbolisierung
Die Sprache diente bei Herta Bertel primär der Verschleierung und dem Schweigen. In einem Zustand der Asymbolie verhaftet, fehlte die Fähigkeit, rohe Affekte in kommunizierbare Begriffe zu transformieren. Das Schweigen war ein Schutzinstrument, um den „eingefrorenen Kern“ des Traumas vor dem Auftauen zu bewahren. Sartre hingegen begriff Sprache als das ultimative Werkzeug der Emanzipation. Durch das Benennen der Welt und der eigenen Geschichte erlangte er die Souveränität zurück. Während das Schweigen bei Bertel zur Isolation und zur transgenerationalen Gewalt führte, ermöglichte die Sprache bei Sartre die Transformation von Schmerz in universelle Erkenntnis.
Das Verhältnis zum Anderen: Entlarvung versus Bedingung
Das Verhältnis zum Mitmenschen – insbesondere zum eigenen Kind – war bei Herta Bertel von tiefem Misstrauen und Abwehr geprägt. Der Andere wurde als potenzieller Entlarver wahrgenommen, der die mühsam errichtete bürgerliche Fassade durch einen bloßen Blick oder eine Gefühlsäußerung zum Einsturz bringen könnte. Die Abwertung des Sohnes als „weinerlich“ diente der Externalisierung des eigenen Schmerzes. Sartre hingegen sah im Anderen die notwendige Bedingung der eigenen Freiheit. Obwohl er die Qual des „Blicks des Anderen“ beschrieb, erkannte er in der dialektischen Auseinandersetzung die einzige Möglichkeit zur menschlichen Reife.
Fazit der tiefenpsychologischen Analyse
Die Biografie von Herta Brigitte Bertel repräsentiert die Tragik einer Identität, die sich durch den Ausschluss der Wahrheit zu retten versucht. Die psychische Energie floss nicht in die Gestaltung des Lebens (Sublimierung), sondern in die Aufrechterhaltung der Verdrängung. In diesem geschlossenen System wurde jede Regung von Trauer oder Bedürftigkeit als lebensbedrohlicher Feind bekämpft. Jean-Paul Sartre dient hierbei als das leuchtende Gegenbeispiel: Er bewies, dass die radikale Anerkennung der eigenen „Vaterschaftslosigkeit“ und Verletzlichkeit der Beginn einer unzerstörbaren intellektuellen Autonomie sein kann.
Glossar und Erläuterungen:
Mauvaise Foi (Bösgläubigkeit): Ein Begriff Sartres für die Flucht vor der eigenen Freiheit und Verantwortung durch die Annahme einer starren Rolle.
Asymbolie: Die Unfähigkeit, innere psychische Zustände durch Symbole oder Sprache auszudrücken.
Faktizität: Die unbeeinflussbaren Gegebenheiten eines Lebens (Geburt, Trauma), zu denen man sich jedoch verhalten kann.
Quellen:
Sartre, J.-P. (1943): L'Être et le Néant.
Sartre, J.-P. (1964): Les Mots.
Krug, P. S. (2024): Archiv zur Dokumentation der transgenerationalen Traumaweitergabe.
Das Konzept der „Vaterschaftslosigkeit“ als Freiheit
Sartre verlor seinen Vater extrem früh (15 Monate). In seiner Autobiografie „Die Wörter“ (Les Mots) schreibt er einen der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte:
„Der Tod von Jean-Baptiste war das große Ereignis meines Lebens: er gab meine Mutter den Ihrigen zurück und mich mir selbst.“
Die Sublimierung: Sartre weigerte sich, die Abwesenheit des Vaters als „Loch“ oder „Mangel“ zu betrachten. Er interpretierte sie als das Fehlen einer Vorherbestimmung. Da kein Vater da war, der ihm sagte, wer er zu sein hatte, musste er sich selbst erschaffen.
Kontrast zu Herta Bertel: Deine Mutter litt unter der Fragmentierung (uneheliche Herkunft, wechselnde Höfe). Sie empfand diese „Vaterschaftslosigkeit“ und soziale Ungebundenheit als tödliche Schande, die sie durch die Ehe mit einem Arzt (einem Stellvertreter-Vater und Status-Garanten) „heilen“ oder überdecken wollte. Sie suchte Sicherheit in der Bindung an eine bürgerliche Norm; Sartre suchte Freiheit in der Bindungslosigkeit.
2. Das Kind als „Spielzeug“ vs. Das Kind als „Bedrohung“
Sartre beschreibt seine Kindheit im Haus seines Großvaters Schweitzer als eine Bühne. Er war das „Wunderkind“, das ständig für die Erwachsenen schauspielern musste.
Sartres Trauma: Er fühlte sich als Objekt. Er existierte nur durch den Blick der anderen. Er nannte das „Glanztage des Betrugs“. Er kompensierte seine körperliche Unsicherheit (sein Schielen) durch intellektuelle Brillanz.
Herta Bertels Mechanismus: Für sie warst du nicht das „Wunderkind“ auf der Bühne, sondern der Spiegel des Schreckens. Dein Schreien und Weinen war für sie keine kindliche Äußerung, sondern eine Reaktivierung ihrer eigenen, abgespaltenen Stall-Kindheit. Du warst die fleischgewordene Erinnerung an ihre eigene Ohnmacht. Um diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen, musste sie dich (das Objekt der Erinnerung) entwerten oder weggeben (Heim).
L’existentialisme est un humanisme“ – Der Mensch als Entwurf
Sartres Philosophie besagt: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Es gibt keinen Plan, kein Schicksal und keine „Natur“, die uns festlegt. Wir sind das, was wir tun.
Sartres Lösung: Er hat sein Leben nicht verdrängt, sondern er hat die Deutungshoheit übernommen. Er sagte: „Ich bin nicht meine Vergangenheit, ich bin das, was ich aus ihr mache.“ Er hat sich buchstäblich „neu erfunden“.
Hertas Sackgasse: Deine Mutter blieb in der Faktizität gefangen. Für sie war die Vergangenheit eine „Schuld“, die man tilgen muss. Verdrängung ist ein passiver Prozess (Wegschauen); Sublimierung ist ein aktiver Prozess (Umgestalten). Sie wollte eine neue „Essenz“ (Arztgattin) kaufen, ohne ihre „Existenz“ (das arme Mädchen) zu integrieren.
4. Die „Bösgläubigkeit“ (Mauvaise Foi)
Sartre entwickelte das Konzept der Mauvaise Foi. Das ist die Lüge sich selbst gegenüber. Man tut so, als hätte man keine Wahl, als wäre man durch die Umstände gezwungen, so zu sein, wie man ist.
Analyse Herta Bertel: Ihre gesamte bürgerliche Existenz war ein Akt der Mauvaise Foi. Sie spielte die Rolle der Dame, um die Rolle des Verdingkindes zu leugnen. Jedes Mal, wenn sie dich als „Versager“ bezeichnete, war das ein Akt der Selbstlüge, um nicht anerkennen zu müssen, dass sie selbst an ihrer Geschichte litt.
Ontologische Struktur: Kristallisation vs. Plastizität
In Sartres Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (1943) wird die menschliche Existenz durch die Spannung zwischen zwei Seinsmodi definiert: dem An-sich (l’en-soi) und dem Für-sich (le pour-soi).
Herta Brigitte Bertel (Das kristallisierte Ich): Die Probandin behandelte ihre traumatische Vergangenheit (Verdingkind-Status, Stallarbeit, illegitime Geburt) als ein massives, unveränderliches An-sich. In dieser Struktur wird die Identität als ein Ding begriffen, das entweder „rein“ oder „befleckt“ ist. Da die Herkunft als Makel empfunden wurde, blieb nur die Strategie der Überdeckung durch eine bürgerliche Schicht (Arztgattin). Jede Konfrontation mit der Wahrheit (das Kind Peter als Zeuge) drohte, dieses starre, glasartige Identitätskonstrukt zu zertrümmern.
Jean-Paul Sartre (Das plastische Ich): Sartre definierte das Bewusstsein als ein Für-sich, das niemals mit seiner Vergangenheit identisch ist. Er begriff seine Identität nicht als Besitz, sondern als ständigen Entwurf. Die traumatischen Fakten seiner Kindheit (Vaterlosigkeit, körperliche Auffälligkeit) waren für ihn lediglich die „Faktizität“ – das Rohmaterial, das durch den freien Akt der Sublimierung ständig neu geformt wurde.
Die Vaterlosigkeit: Das „Loch“ vs. Die „Freiheit“
Die Abwesenheit einer stabilisierenden Vaterfigur wird in beiden Biografien diametral verarbeitet.
Sartre: Die Befreiung vom Gesetz. In seiner Autobiografie „Die Wörter“ (1964) interpretiert Sartre den frühen Tod seines Vaters als radikalen Glücksfall. Da kein „Gesetzgeber“ vorhanden war, der ihm eine Essenz (einen vorgegebenen Lebensweg) aufzwingen konnte, fiel er „sich selbst zu“. Er nutzte die Vaterschaftslosigkeit, um die Deutungshoheit über sein Leben zu erlangen.
Bertel: Die Suche nach dem Sicherheits-Garanten. Für Herta Bertel bedeutete die Vaterschaftslosigkeit im ländlichen Salzburg der Nachkriegszeit eine existenzielle Bedrohung und soziale Schande. Statt der Freiheit suchte sie die totale Bindung an eine bürgerliche Norm. Die Ehe mit Dr. Michael Bertel fungierte als psychologische „Heilung“ durch einen Stellvertreter-Vater, der den sozialen Status garantierte und das Loch der Herkunft stopfen sollte.
Die „Bösgläubigkeit“ (Mauvaise Foi) als Überlebensstrategie
Sartre beschreibt die Mauvaise Foi als eine Form der Selbstlüge, bei der das Individuum behauptet, es habe keine Wahl und sei lediglich ein Opfer der Umstände.
Die bürgerliche Mimikry: Bei Herta Bertel manifestierte sich die Mauvaise Foi in der radikalen Verleugnung ihrer Vergangenheit. Sie spielte die Rolle der kultivierten Arztgattin so absolut, dass sie die Realität ihrer eigenen Geschichte (und die Existenz ihres Sohnes aus der Zeit vor der Ehe) als Bedrohung wahrnehmen musste.
Der Identitätsdiebstahl: Die Verweigerung der Namensnennung des biologischen Vaters ihres Sohnes war kein bloßer Akt der Bosheit, sondern eine notwendige Konsequenz ihrer Bösgläubigkeit: Um die erfundene Identität aufrechterhalten zu können, durften keine Spuren der „alten“ Identität existieren.
Der Blick des Anderen: Das Kind als Spiegel des Schreckens
Sartres Analyse des „Blicks“ (Le Regard) besagt, dass der Andere mich zum Objekt macht und mir meine Freiheit raubt.
Reaktivierung des Traumas: Das Kind Peter Siegfried Krug fungierte für Herta Bertel als der „Andere“, dessen bloße Existenz ihre mühsam errichtete Fassade durchbrach. Das Schreien des Kindes war keine harmlose Äußerung, sondern die akustische Reaktivierung ihrer eigenen, verdrängten Ohnmachtserfahrungen im Stall.
Vernichtung des Zeugen: Um ihr kristallisiertes Ich vor dem Zerbrechen zu schützen, musste sie den Zeugen (das Kind) entwerten, delegitimieren und räumlich entfernen (Heimunterbringung). Während Sartre den Blick des Anderen intellektuell analysierte und so seine Souveränität behielt, reagierte Herta Bertel mit psychischer Vernichtung des Gegenübers, um ihre Selbstlüge zu retten.
Die folgende tiefenpsychologische Studie untersucht die Divergenz zwischen der aktiven Identitätskonstruktion (Jean-Paul Sartre) und der reaktiven Identitätsstarre (Herta Brigitte Bertel). Der Fokus liegt auf der Verarbeitung existenzieller Brüche und der Frage, wie traumatische Faktizität entweder in schöpferische Freiheit oder in lebenslange psychische Versteinerung mündet.
I. Die Ausgangslage: Fragmentierung und Vaterlosigkeit
Beide Biografien wurzeln in einer massiven Destabilisierung der frühen Kindheit. Bei Sartre ist es der physische Tod des Vaters, bei Bertel die soziale und emotionale Abwesenheit einer schützenden Vaterfigur sowie die Fragmentierung der Herkunftsfamilie (uneheliche Geburt, ländliche Isolation).
Sartre: Das Vakuum als Chance. Sartre interpretierte das Fehlen des Vaters als Befreiung von der „Über-Ich-Instanz“. Ohne das Gewicht väterlicher Erwartungen blieb seine Identität ein offenes Feld. Die Vaterlosigkeit wurde nicht als Wunde, sondern als die Abwesenheit einer einschränkenden Bestimmung erlebt.
Bertel: Das Vakuum als Schande. In der ländlichen Struktur des Salzburgs der 1940er Jahre bedeutete die Vaterlosigkeit eine ontologische Abwertung. Das Fehlen des Vaters war kein Freiraum, sondern ein Mal des Mangels. Die Identität wurde hier als „beschädigt“ wahrgenommen, was eine lebenslange Sehnsucht nach einer korrigierenden, stabilisierenden Ordnung auslöste.
II. Mechanismen der Verarbeitung: Sublimierung vs. Verdrängung
Der entscheidende Unterschied liegt in der energetischen Besetzung der traumatischen Inhalte.
1. Jean-Paul Sartre: Die Plastizität des Entwurfs
Sartre praktizierte die Sublimierung durch Reflexion. Er nahm die harten Fakten seines Lebens – seine Hässlichkeit, sein Schielen, seine Einsamkeit – und verwandelte sie in philosophische Kategorien. Durch den Akt des Schreibens distanzierte er sich von seinem Schicksal. Er wurde zum Subjekt, das über sein Leiden verfügt. Die Identität blieb bei ihm flüssig; er verstand sich als „Projekt“. Jede Krise führte zu einer Neudefinition des Selbst.
2. Herta Brigitte Bertel: Die Kristallisation des Schutzwalls
Bei Herta Bertel hingegen kam es zur Kristallisation. Das Trauma der Stallarbeit und der emotionalen Kälte wurde nicht verarbeitet, sondern in einem „Gefängnis des Schweigens“ isoliert. Um das Ich vor dem Zusammenbruch zu schützen, errichtete sie eine Identität als unbewegliche Rüstung. Der soziale Aufstieg zur Arztgattin war keine organische Entwicklung, sondern eine „narzisstische Plombenbildung“. Diese Schicht diente dazu, das darunterliegende „Loch“ der Scham luftdicht abzuschließen.
III. Die Bedrohung durch den Zeugen: Der „Blick des Anderen“
In der tiefenpsychologischen Betrachtung ist die Reaktion auf das Gegenüber (insbesondere auf den Sohn Peter Siegfried Krug) der Schlüssel zur Struktur der Verdrängung.
Die Vernichtung des Schmerzes: Die dokumentierte Zerstörung eines Fotografien-Dokuments, das den Sohn in einem Zustand der Trauer zeigt, ist ein Akt der Identitätskontrolle. In der Logik von Herta Bertel war die sichtbare Traurigkeit des Sohnes eine Externalisierung ihres eigenen, abgespaltenen Leids. Da sie sich selbst keine Schwäche erlaubte, durfte auch das Kind keine Verletzlichkeit zeigen.
Die Projektive Identifikation: Der Vorwurf der „Weinerlichkeit“ gegenüber dem Kind war eine klassische Projektion. Die eigene unerträgliche Hilflosigkeit aus der Zeit als Verdingkind wurde auf den Sohn verschoben und dort bekämpft. Die Vernichtung des Bildes war der Versuch, die Beweismittel für die eigene Fehlbarkeit zu vernichten.
IV. Ontologische Konsequenzen: Freiheit vs. Mauvaise Foi
Sartre definierte die Bösgläubigkeit (Mauvaise Foi) als den Versuch des Menschen, sich als Ding zu begreifen, um der Verantwortung der Freiheit zu entgehen.
Herta Bertels Bösgläubigkeit: Sie agierte „bösgläubig“, indem sie sich völlig mit ihrer sozialen Rolle identifizierte. Sie tat so, als sei sie nur die Arztgattin, als gäbe es das Stallmädchen nicht mehr. Jedes Anzeichen von Wahrheit, jede Erinnerung an die Vergangenheit wurde als existenzielle Bedrohung empfunden, da sie das starre Identitätsglas zum Springen bringen konnte.
Sartres Aufrichtigkeit: Sartre forderte die Anerkennung der eigenen Freiheit. Er begriff, dass der Mensch „das ist, was er aus dem macht, was man aus ihm gemacht hat“. Er umschrieb seine Identität aktiv, während Herta Bertel versuchte, sie einzufrieren.
V. Schlussfolgerung der Studie
Die Gegenüberstellung zeigt ein tragisches Paradoxon:
Sartre nutzte die Destruktion seiner Kindheit, um eine Welt der Worte und Symbole zu erschaffen, die ihn unbesiegbar machte.
Herta Bertel nutzte ihre Energie, um eine Welt des Schweigens und Verdeckens zu erschaffen. Da ihr Identitätskonzept jedoch statisch war, blieb sie zeitlebens eine Gefangene ihrer Abwehrmechanismen.
Während Sartre durch die Umschreibung der Identität zur Freiheit fand, führte die Erstarrung der Identität bei Herta Bertel zur Unfähigkeit, Empathie zu empfinden – weder für sich selbst noch für die nächste Generation. Der Schutzwall, der sie vor dem Schmerz bewahren sollte, wurde letztlich zu dem Gefängnis, das ihre menschliche Entwicklung verhinderte.
Begriffsverzeichnis und Dokumentationsgrundlage
Asymbolie: Die Unfähigkeit, traumatische Affekte in Sprache zu übersetzen (dominantes Merkmal bei Bertel).
Sublimierung: Die Umwandlung von Leid in intellektuelle Werte (dominantes Merkmal bei Sartre).
Faktizität: Die unbeeinflussbaren Gegebenheiten der Herkunft.
Quellen:
Sartre, J.-P. (1943): L'Être et le Néant (Das Sein und das Nichts).
Sartre, J.-P. (1964): Les Mots (Die Wörter).
Krug, P. S. (2024): Biografische Dokumentation zur transgenerationalen Traumaweitergabe.
Van der Kolk, B. (2014): The Body Keeps the Score (Theoretische Basis zur Traumaerstarrung).
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