Robert Volek

 Wenn Namen gelöscht werden, verschwindet die Person hinter dem Leid. Das Opfer wird zur bloßen Statistik degradiert, während die Täter oft jahrzehntelang durch ihre Ämter und Netzwerke geschützt wurden. Anonymität schützt das System und die Täter, weil die Tat kein Gesicht bekommt. Ohne Namen gibt es keine echte Zeugenschaft in der Öffentlichkeit.

  • Herkunft: Robert Volek wurde um 1952 in Wien geboren (er war 2016 etwa 64 Jahre alt).

  • Heimhintergrund: Sein Leben war von Geburt an von staatlicher Unterbringung geprägt. Er wurde von einem Heim ins nächste geschoben, bis er die Volljährigkeit erreichte. Eine seiner Stationen war das berüchtigte Kinderheim Wilhelminenberg in Wien.

  • Trauma & Aufarbeitung: Er erlebte über zwei Jahrzehnte hinweg Demütigungen, körperliche Gewalt und Missbrauch. Erst im Jahr 2010 – nach fast 50 Jahren des Schweigens – gelang es ihm, sich gegenüber seiner Ehefrau zu öffnen und seine Erlebnisse umfassend aufzuarbeiten.

  • Engagement: Er wurde zu einer zentralen Figur des "Vereins ehemaliger Heim- und Pflegekinder Österreichs". Sein Ziel ist es, Entschädigungen zu fordern und sicherzustellen, dass die Verbrechen der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten.

Was er liebt und was er nicht mag

Aus seinen öffentlichen Statements und seinem Engagement lassen sich klare Tendenzen ablesen:

  • Was er schätzt: Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und den Zusammenhalt unter den Betroffenen. Er betont oft, wie wichtig es ist, die Wahrheit auszusprechen, um die eigene Würde zurückzugewinnen. Seine Familie (insbesondere seine Frau) spielt eine tragende Rolle in seinem Heilungsprozess.

  • Was er nicht mag: Das "Vergessenwollen" der Politik. Er kritisierte beispielsweise scharf Aussagen von Politikern, die meinten, das Thema müsse "einmal vorbei sein". Für ihn und andere Opfer ist das Erlebte eine lebenslange Bürde, die man nicht einfach per Beschluss beenden kann. Er verabscheut die Anonymität und das Untertauchen in der Masse, wenn es um das Unrecht geht.

Arbeit & Wohnort

  • Berufliche Tätigkeit: Heute ist er primär als Aktivist, Autor und Zeitzeuge tätig. Er nutzt soziale Medien (wie YouTube), um seine Geschichte zu erzählen und anderen Opfern eine Stimme zu geben. Er arbeitet unermüdlich an der Dokumentation der Zustände in Wiener Heimen.

  • Wohnort: Er lebt in Wien, dem Ort, an dem auch der Großteil seiner Heimkarriere stattfand.

Fallstudie: Robert Volek – Die Suche nach der verlorenen Wahrheit

  • Der Moment des Durchbruchs: Nach fast 50 Jahren des Schweigens öffnete sich Volek 2010 seiner Frau. Dieses private Geständnis war der Startschuss für eine der wichtigsten öffentlichen Stimmen der Heimkinder-Bewegung in Österreich.

  • Die Aktenlücke als System: Volek stellt fest, dass seine offizielle Heimakte ("Der Akt") massiv bereinigt wurde. Fehlende Protokolle über Misshandlungen und Spitalsaufenthalte sind kein Zufall, sondern belegen die systematische Vertuschung durch die Stadt Wien.

  • Opfer Nummer 29: Beim Weißen Ring war er einer der ersten Pioniere. Die Summe von 25.000 Euro markiert hierbei den schmerzhaften Kontrast zwischen erlittenem Leid über 21 Jahre und der rein symbolischen Geste des Staates.

  • Die Verweigerung der Versöhnung: Voleks Zitat zur Entschuldigung („Dazu gehören immer zwei...“) ist ein Schlüsselmoment 


Erst 2010 konnte Robert Volek seiner Frau erzählen, wie seine ersten 21 Jahre wirklich gewesen waren. Gemeinsam weinten sie über sein grausames Schicksal, das den Buben in einem Heim in Wien zur Welt kommen ließ und ihn bis zur Volljährigkeit von einem ins nächste weiterschob. In dieser Zeit war er auf viele Arten gedemütigt, geschlagen und missbraucht worden. Als er begann, seine Geschichte aufzuschreiben, fand er nach 40 Seiten immer noch kein Ende. Lücken, Zweifel, Fragen: In seinem Akt fehlen Spitalsaufenthalte, Beschwerden über Erzieher, Polizeiprotokolle. Volek war einer der Ersten, der seine Geschichte öffentlich machte. Beim Weißen Ring wurde er als Opfer Nummer 29 vorstellig und bekam für die Zeit seines Aufwachsens in verschiedenen Heimen der Stadt Wien 25.000 Euro zugesprochen, eine Geste, keine Entschädigung. Der Gedanke, dass die politisch Verantwortlichen schon vor Jahrzehnten über die Zustände in den Heimen Bescheid wussten, macht ihn krank. Eine schnelle Entschuldigung reicht ihm dafür nicht. „Dazu gehören immer zwei, jemand, der sie ausspricht, und jemand, der sie annimmt.“ Man habe einfach zu lange geschwiegen.

Familiäre Herkunft und Entwurzelung

  • Status ab Geburt: Robert Volek war nicht von Geburt an Vollwaise im biologischen Sinne, aber er war ein „Sozialwaise“. Er kam direkt in ein Wiener Säuglingsheim. Das bedeutet, er hat ein Leben außerhalb von Institutionen praktisch nie kennengelernt.

  • Die Mutter: Seine Mutter war vorhanden, aber sie konnte oder durfte die Obsorge nicht ausüben. Robert Volek beschreibt in seinen Aufarbeitungen, dass der Kontakt zur Mutter extrem spärlich war. Ein besonders traumatisches Detail seiner Biografie ist, dass er seine Mutter erst sehr spät wiedersah – und die Begegnung nicht die erhoffte Rettung brachte, da die Entfremdung durch die jahrelange Heimhaft bereits zu tief saß.

  • Der Vater: Über seinen biologischen Vater ist öffentlich kaum etwas bekannt. In der Logik der damaligen Jugendwohlfahrt wurden Väter oft gar nicht erst in die Akten aufgenommen oder spielten als „Unterhaltspflichtige“ nur eine bürokratische Rolle, keine emotionale.

  • Geschwister: Robert Volek wuchs ohne das Wissen um eine schützende Geschwistergemeinschaft auf. In den Heimen der Stadt Wien (wie dem Wilhelminenberg) wurden Geschwister oft sogar getrennt, um die Bildung von loyalen Gruppen zu verhindern und die Kinder gegenüber dem Personal isoliert und formbar zu halten.

  • Sozialwaise – Kinder, deren Eltern noch leben, die aber aufgrund von Armut, Überforderung oder staatlicher Intervention in Heimen aufwachsen.

  • Quelle: Robert Voleks eigene Schilderungen in Interviews (z.B. im Rahmen der Aufarbeitung der Stadt Wien ab 2010) und auf seinem YouTube-Kanal.

  • Der Titel „Gehasster Sohn – Geliebter Zögling“ fasst das Paradoxon der Heimerziehung perfekt zusammen: Die Ablehnung durch die Herkunftsfamilie (oder die Gesellschaft) und die gleichzeitige, oft missbräuchliche „Erziehung“ (Zögling) durch das System.

  • Publikationsdetails: Robert Volek

    • Titel: Gehasster Sohn – Geliebter Zögling: Weißt´eh warum?

    • Autor: Robert Volek

    • Format: Kartoniert, Paperback

    • Inhaltlicher Fokus: Das Buch ist das Resultat seiner 2010 begonnenen Aufarbeitung. Es dokumentiert seinen Weg vom „Systemkind“ zum Aktivisten und bricht das Schweigen über die Zustände in Wiener Heimen. Der Untertitel „Weißt'eh warum?“ deutet auf die oft rhetorischen, demütigenden Fragen der Erzieher hin.

  • Beziehung zur Mutter: 

  • 1. Die frühe Trennung und die "Fremdheit" Robert Volek wurde als Säugling von seiner Mutter getrennt. Da er seine gesamte Kindheit und Jugend in Heimen verbrachte, gab es keine natürliche Bindung. In seinen Erzählungen wird deutlich, dass die Mutter für ihn lange Zeit eine abstrakte Figur blieb – jemand, von dem er wusste, dass er existiert, der aber keinen Schutz bot.

    2. Die Ablehnung als "gehasster Sohn" Der Titel seines Buches „Gehasster Sohn – Geliebter Zögling“ deutet massiv darauf hin, dass die Beziehung von Ablehnung geprägt war. Er beschreibt, dass er sich von seiner Mutter nicht gewollt fühlte. Diese fundamentale Ablehnung durch die eigene Mutter war das erste Trauma, noch bevor das Heimsystem ihn weiter traumatisierte.

    3. Das späte Wiedersehen Es ist bekannt, dass es später zu Begegnungen kam, doch diese verliefen tragisch. Volek schildert, dass kein emotionales Band mehr geknüpft werden konnte. Die jahrelange institutionelle Erziehung hatte eine Kluft geschaffen, die nicht mehr zu überbrücken war. Er suchte nach Antworten auf das "Warum" (siehe Untertitel seines Buches: „Weißt´eh warum?“), erhielt aber oft nur Kälte oder Schweigen.

    4. Die Rolle der Mutter im Heimsystem In der damaligen Zeit arbeiteten Heime oft aktiv daran, die Bindung zu den Eltern zu untergraben, indem sie die Eltern als "schlecht" oder "unfähig" darstellten. Bei Volek kam hinzu, dass die Mutter ihn offenbar tatsächlich dem System überließ, was das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins verstärkte.


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