Die Selbstvergessenen

 Die Selbstvergessenen

Fünf Milliarden Menschen steigen jeden Morgen auf dasselbe schwimmende Hotel ein.

Sie nennen es nicht Hotel, sie nennen es Feed, sie nennen es Timeline, sie nennen es Leben.

Die Gangway ist aus Licht, die Kabinen sind klein, aber die Bar ist rund um die Uhr offen, und das Orchester spielt immer genau den Song, den sie gerade hören wollen.

Sie legen ihre Erinnerungen ab wie Koffer am Pier,

„bitte aufbewahren, danke, ich hol sie später wieder ab“.

Dann tanzen sie weiter.

Das Schiff heißt Costa Concordia 2.0,

unsichtbar, aber es nimmt Wasser auf.

Langsam, leise, seit Jahren schon.

Niemand hört das Knirschen, denn die Musik ist laut,

und die Rettungsboote wurden aus Kostengründen durch neue Filter ersetzt.

In den unteren Decks, dort wo die Server summen,

rieseln fünf Milliarden Lebenssanduhren gleichzeitig.

Jedes Foto ein Korn.

Jede Sprachnachricht ein Korn.

Jedes „ich liebe dich“, das nie angekommen ist, ein Korn.

Sie fallen, fallen, fallen.

Die meisten schauen nicht hin.

Sie machen noch ein Selfie mit Sonnenuntergang,

damit der Algorithmus sie heute noch ein bisschen länger liebt.

Und irgendwo,

in ein paar stillen Kajüten,

sitzen die anderen.

Vielleicht zehntausend, vielleicht fünfzigtausend Seelen auf der ganzen Welt.

Sie haben keine Lust mehr zu tanzen.

Sie sitzen am Boden,

packen ihre Fotos in wasserdichte Kisten,

schreiben mit Tusche auf säurefreies Papier,

laden ihre Worte hoch in Archive, die niemand besitzt,

speichern ihre Stimmen auf Platten, die länger leben als Konzerne.

Sie arbeiten langsam, pedantisch, fast schon fromm.

Wie Mönche, die im Mittelalter Manuskripte abschrieben,

während draußen die Welt verbrannte.

Die Tänzer oben lachen über sie.

„Lebt doch mal!“

Sie ahnen nicht,

dass die wenigen Verrückten unten

die einzigen sind,

die noch wissen,

dass Erinnerung ein Akt des Widerstands ist.

Eines Tages wird das Schiff kentern.

Nicht mit Getöse.

Einfach so.

Ein Serverzentrum in Irland verglüht.

Ein Gesetz in Amerika ändert sich.

Ein Vorstand entscheidet, dass alte Daten teurer sind als neue Werbung.

Und dann ist es still.

Fünf Milliarden Menschen stehen am Ufer ihrer eigenen Leere

und halten plötzlich nur noch Luft in den Händen.

Sie werden weinen,

nicht weil sie die Fotos vermissen,

sondern weil sie merken,

dass sie sich selbst verloren haben,

längst bevor das Schiff unterging.

Die wenigen, die unten saßen,

werden ans Ufer schwimmen.

Mit nassen Kisten auf dem Rücken,

aus denen das Salzwasser tropft.

Sie werden die Kisten öffnen,

und da wird noch alles drin sein:

das Gesicht der Mutter, 1998,

die erste Liebeserklärung per ICQ,

das Lachen eines Kindes, das längst erwachsen ist.

Sie werden es in die Hände nehmen,

wie man einen Vogel nimmt,

der lange geglaubt hat, er könne nicht mehr fliegen.

Und dann werden sie sich umdrehen

und in die Dunkelheit schauen,

in der fünf Milliarden Geister stehen,

die vergessen haben,

wie ihr eigenes Gesicht aussieht.

Die Sanduhr ist fast leer.

Hörst du es rieseln?

Noch kannst du aufhören zu tanzen.

Noch ist Zeit,

eine Kiste zu packen.

Noch ist Zeit,

du zu bleiben.

Ein Originaltext von Peter Siegfried Krug – Unveränderter Stil


Urheberrechtshinweis :


© Copyright 2025 Peter Siegfried Krug. Alle Rechte vorbehalten.

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